Magdeburg | Die lieben Nachbarn. Man teilt den Boden unter den Füßen mit ihnen, zankt sich leidenschaftlich, und wenn er sonntags den Rasenmäher anschmeißt, klappt einem gerne mal (gedanklich) das Messer in der Hose auf. Magdeburg und Halle sind ebenfalls Nachbarn, und das seit rund 1200 Jahren. Heute vor 30 Jahren, begann eine 15-tägige Abstimmung, um die Frage zu klären: Welche Stadt wird künftige Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts? Das Duell Otto gegen Händel, Pottsuse gegen Hallorenkugeln, Jungfrau gegen Halbmond.

Zwischen dem 15. und dem 30. August 1990 wurde in einer geheimen Abstimmung die “L-Frage” diskutiert: aus welcher Stadt heraus soll Sachsen-Anhalt regiert werden? Geladen waren die Abgeordneten in den Kreistagen. Sie sollten entscheiden, welche Stadt künftig Sitz des Landtages und Machtzentrum des (wieder-)gegründeten Landes Sachsen-Anhalt werden soll. Im Rennen damals: die zwei größten Städte der ehemaligen DDR-Bezirke Magdeburg und Halle an der Saale sowie - um der ganzen Diskussion weiteren Zunder zu geben - die Stadt Dessau.

Es brodelt in Zerbst

Sich mit dem Titel der Landeshauptstadt eines Bundeslandes zu schmücken, bedeutet nicht nur im erweiterten Sinne Macht, sondern vor allem auch Prestige. Dessen bewusst, wurde vor 30 Jahren mit harten Bandagen gekämpft: Halle überholte Magdeburg nach Einwohnerzahlen, nachdem sie wenige Monate vor der Sitzung im Mai 1990 Halle-Neustadt eingemeindet hat. Magdeburg stellte Mitbewerbern Präsidien in Aussicht.

Gute Argumente gab es auf den Seiten von Magdeburg und Halle gleichermaßen. Die Elbestadt blickt auf eine lange Tradition als Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen zurück, verfügt zudem über eine 1000-jährige Geschichte als Residenzstadt und war einst Sitz des ersten “deutschen” Kaisers Otto I. Halle wiederum war von 1947 bis 1952 bereits Landeshauptstadt, und somit letzter offizieller Sitz.

In den Abstimmungs-Wirren schaltete sich Dessau ein, erhob ebenfalls Anspruch auf die Landeshauptstadt, auch wenn die Chancen hierzu ungefähr so groß waren, wie ein Champions-League-Titelgewinn des 1. FCM oder HFC: eher schlecht. Ausgerechnet das kleine Dessau, zwischen beiden Zankhähnen sitzend, sorgte für die Entscheidung, die Magdeburg siegreich durch die Ziellinie marschieren ließ. Nicht ganz zufällig: Magdeburgs damaliger OB Willi Polte tauschte Dessauer Stimmen gegen die Aussicht auf ein Regierungspräsidium in der Stadt an der Mulde. Am Ende stand es 1298 Stimmen für die Ottostadt, zu 882 Stimmen, die der Händelstadt zukamen.

Es sollte noch weitere zwei Monate dauern, bis am 28. Oktober 1990 die endgültige Entscheidung fiel. Seither beobachten sich beide Städte mit Argwohn, eine (gesunde) Rivalität hält bis heute an. Halle schmückt sich mit Flughafen und ICE-Bahnhof. Aus Magdeburg heraus wird das Land regiert. Doch am Ende zählt die Symbiose beider sachsen-anhaltischen Großstädte. Und sind wir mal ehrlich: trotz allem Knatsch, reicht man sich als wohlwollender Nachbar einfach bei nächster Gelegenheit ein Bierchen über den Gartenzaun.