Stadttauben

Magdeburgs Taubenretterin

Von vielen Menschen gehasst, von Susi Thomalla geliebt und gerettet. Die 40-jährige Wahlmagdeburgerin hat sich der Rettung von Stadttauben verschrieben. 150 Tiere hat sie allein im vergangenen Jahr vor dem Tod gerettet. Nicht viele Menschen haben dafür Verständnis. Schlimmer noch, sie ist häufig verbalen Attacken ausgesetzt.

Von Karolin Aertel
Vor sechs Jahren zog  Susi Thomalla (40)  von Leipzig nach Magdeburg. Vor dem Laden, in dem sie arbeitet, saß damals eine verletzte Taube. Der Züchter, dem sie gehörte, wollte sie nicht zurück. So kümmerte sich Susi Thomalla  um das Tier, tauchte immer tiefer in die Tauben-Thematik ein und widmet sich inzwischen in jeder freien Minute den Tieren.
Vor sechs Jahren zog Susi Thomalla (40) von Leipzig nach Magdeburg. Vor dem Laden, in dem sie arbeitet, saß damals eine verletzte Taube. Der Züchter, dem sie gehörte, wollte sie nicht zurück. So kümmerte sich Susi Thomalla um das Tier, tauchte immer tiefer in die Tauben-Thematik ein und widmet sich inzwischen in jeder freien Minute den Tieren. Foto: Uli Lücke
Auf ihrer Instagramseite „stadttaubenhilfe_magdeburg“ informiert Susi Thomalla über Magdeburgs Tauben, wie hier, wo sie ein Bild von einer Taube zeigt, deren Bein von einem Faden abgeschnürt wird.
Auf ihrer Instagramseite „stadttaubenhilfe_magdeburg“ informiert Susi Thomalla über Magdeburgs Tauben, wie hier, wo sie ein Bild von einer Taube zeigt, deren Bein von einem Faden abgeschnürt wird.
Screenshot: www.instagram.com/stadttaubenhilfe_magdeburg

Magdeburg - Sie soll der Taube einfach den Hals umdrehen, habe der Züchter gesagt. Eine Brieftaube, die den Weg heim nicht findet und obendrein verletzt ist, ist für ihn nicht mehr von Wert.

Susi Thomalla fand das verletzte Tier eines Tages vor ihrer Tür. Unsicher, was sie mit der Taube tun soll, ließ sie über die Ringnummer den Besitzer ausfindig machen. Doch der zeigte keinerlei Interesse mehr an der Taube.

Schockiert über die Reaktion des Züchters nahm sie das verletzte Tier in Pflege. Nicht ahnend, dass das der Beginn einer Lebensaufgabe sein würde. Um die Taube, die sie Franz taufte, bestmöglich zu versorgen, las sie alles, was sie über Tauben finden konnte. Sie eignete sich Kenntnisse über ihren Organismus und ihre Lebensweise an, sie begann das Verhalten der Tiere zu studieren und wurde zunehmend auch mit der Not der Tiere konfrontiert.

Kein Niedlichkeitsfaktor

Je tiefer sie in die Thematik eintauchte, umso größer wurde der Wunsch, ihnen zu helfen. „Mir ist bewusst geworden: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“, sagt sie. „Was vielen Menschen nicht klar ist: Es handelt sich bei Stadttauben um Zuchttauben, um Brieftauben und Hochzeitstauben sowie deren Nachkommen. Sie wurden eigens vom Menschen gezüchtet, sind domestiziert und auf den Menschen angewiesen.“ Haben sie ausgedient oder erfüllen nicht den gewünschten Zweck, werden sie ihrem Schicksal überlassen.

Verständnis hat die 40-Jährige dafür nicht. „Im Prinzip ist es, als würde man einen Hund aussetzen. Bei den Vierbeinern kriegen jedoch alle Herzchen in den Augen. Tauben hingegen würden die meisten Menschen am liebsten vom Dach schießen. Sie haben eben nicht den Niedlichkeitsfaktor.“

Susi Thomalla tun die Tiere leid. „Es sind Lebewesen, die nichts dafür können. Der Mensch ist selbst schuld an ihrem Dasein und macht nun auf sie Jagd.“ Um nicht länger tatenlos zu sein, vernetzte sie sich deutschlandweit mit verschiedenen Initiativen der Taubenhilfe.

Gehalt fließt in Taubenhilfe

Sie holt sich Rat und Unterstützung für den Aufbau einer Taubenrettungsstation. Inzwischen geht es bei ihr zu wie im Taubenschlag. Ihr werden immer mehr Tiere in Pflege gegeben. Sie nimmt Taubenküken aus Abrisshäusern auf, Tiere mit gebrochenen Flügeln oder Beinen, Tauben, die Opfer von menschlichen Vergrämungsmaßnahmen wurden oder Beißattacken von Hunden ausgesetzt waren.

Versorgung in der Wohnung

Beinah ihr gesamtes Gehalt steckt sie in Futter- und Tierarztkosten. Insbesondere wenn sie Tiere hat, die eine Intensivbetreuung benötigen, dreht sich ihr ganzer Tagesablauf um sie. „Ich habe einen Chef, der sehr viel Verständnis dafür hat, was ich mache. Er findet es gut und unterstützt mich enorm“, erzählt sie.

Zu Beginn ihres Engagements hatte sie sich für ihre Pflegestelle noch eine Kapazitätsgrenze von zehn Tieren gesetzt. Schnell war jedoch klar, dass das nicht einzuhalten war. Inzwischen sind es mitunter 30 Tiere, die sie gesund pflegt und versorgt. 150 Stadttauben habe sie im vergangenen Jahr gerettet.

Ihre Wohnung hat Susi Thomalla samt Balkon mit sogenannten Softboxen, wie sie auch beim Tierarzt zu finden sind, ausgestattet. Aktuell habe sie ein Angebot für ein Haus mit Garten, wo sie der „Stadttaubenhilfe_Magdeburg“ mehr Raum geben kann. Denn neben den Tieren, die irgendwann wieder in die Freiheit entlassen werden können, gibt es auch etliche, die bis zum Lebensende bleiben müssen. Es sind zumeist Tiere, die ein Bein oder einen Flügel verloren haben.

Momentan agiert Susi Thomalla als Taubenretterin allein. Zwar habe es immer mal Menschen gegeben, die mithelfen wollten, doch als sie feststellten, wie zeit- und kostenaufwendig es ist, seien sie auch schnell wieder verschwunden gewesen.

Unterstützung bekommt sie von einem Tierarzt, zwei Leuten, die sie zum Tierarzt fahren, und gelegentlich helfen auch ein paar Menschen finanziell aus. Klar wünsche sie sich mehr Hilfe. Es gebe viel zu wenige Pflegestellen in Sachsen-Anhalt, weiß sie. Vor allem wünsche sie sich aber, dass ihre Ambitionen von den Magdeburgern honoriert würden.

Beschimpfungen ausgesetzt

Oft sei sie Beschimpfungen ausgesetzt und sei auch schon angegriffen worden. „Manchmal komme ich mir vor wie der Arsch vom Dienst“, sagt sie. Von 50 Züchtern, die sie anruft, weil sie deren Taube gefunden hat, sei nur einer dabei, der sich dafür bedankt, dass sie sich kümmert. „Dabei tragen sie eine Mitschuld an der wachsenden Stadttauben-Population. Sie sollten in die Verantwortung genommen werden“, erklärt sie. Schließlich seien es ihre Tiere, die sich den Schwärmen in der Stadt anschließen, wenn sie den Weg nicht heimfinden oder schaffen.

Dass in Magdeburg derzeit ein Taubenhaus in der Innenstadt diskutiert wird, begrüßt Susi Thomalla sehr. Bereits vor etwa drei Jahren habe sie der Stadt ein Konzept hierfür vorgelegt. Vergrämungsmaßnahmen würden das Problem nur verlagern, erklärt sie.

Illegale Vergrämung

Zudem verletzen sich viele Tiere daran. In der Innenstadt habe sie beispielsweise eine Taube gefunden, die mit Klebepaste in Berührung gekommen ist. „Das Zeug war wie Beton an ihren Beinen.“ Auch Lebendfallen, für die eigentlich eine Genehmigung eingeholt werden muss, hat sie schon gefunden. Ein Fall liege gar bei der Staatsanwaltschaft.

Über all das und über jede einzelne Taube, die sie gepflegt hat, führt sie seit Jahren Buch. „Die Tragweite der Taubenhilfe war mir am Anfang nicht bewusst.“ Dennoch werde sie nicht aufhören, macht sie klar. „Es ist eine Lebensaufgabe.“ Eine Aufgabe, für die sie ihr Privatleben hintanstellt und die keinen Platz für Partnerschaft oder Familie lässt. Sie verstehe, dass Menschen von Tauben genervt sind, doch sie in den Tod zu schicken, sei keine Alternative.

  • Interessierte Leser oder potenzielle Unterstützer können per E-Mail an susi.thomalla@gmx.de Kontakt mit der Taubenschützerin aufnehmen.