Am 9. Oktober 1989 haben sich 4500 Menschen im Magdeburger Dom zum Montagsgebet mit der anschließenden Demonstration versammelt. Was bedeutet dieses Datum heute für Sie?
Giselher Quast:
Der 9. Oktober 1989 war aus meiner Sicht ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte. Er ist aus meiner Sicht viel bedeutsamer als die Öffnung der Grenze am 9. November 1989. Genau vor 30 Jahren nämlich war eine Veränderung spürbar: Die Menschen lassen sich nicht mehr einschüchtern. Sie wollen das verkrustete System überwinden, trotz aller Drohungen.

Haben Sie damals Angst empfunden?
Nein. Wir waren eine starke Gruppe von bis zu 40 Personen, die die Gebete und Demonstrationen vorbereitet haben. Allein wäre diese Aufgabe nicht zu bewältigen gewesen. Hinzu kommt bei mir auch mein Gottvertrauen: Mir wird nur das passieren, was der liebe Gott will. Einen starken Rückhalt hat seinerzeit ja auch die im Vergleich zu anderen Landeskirchen sehr fortschrittliche Kirchenprovinz Sachsen geboten. So war Bischof Christoph Demke in jener Zeit zur SED-Bezirksleitung bestellt worden, und man hatte ihm vorgehalten, dass die Pfarrer mit den Gemeinden keine Gottesdienste mehr feiern, sondern dass es sich inzwischen um politische Veranstaltungen handele. Christoph Demke hatte kurzerhand erwidert, dass diese Einschätzung richtig ist und dass es dafür auch an der Zeit sei.

Wie haben Sie trotz Ihrer Furchtlosigkeit die Situation wahrgenommen?
Natürlich war die Bedrohung spürbar. Mehr als 15.000 bewaffnete Polizisten, Bedienstete der Staatssicherheit, der Einsatzpolizei und von den Kampfgruppen aus Betrieben waren in der Magdeburger Innenstadt zusammengezogen worden. Unter anderem waren Angehörige der Kampfgruppen mit extralangen Schlagstöcken ausgestattet worden. Den ganzen Tag über waren gepanzerte Fahrzeuge durch die Stadt gerollt. Das Ernst-Grube-Stadion war in Flutlicht getaucht, da dort die Gefangenen untergebracht werden sollten. Und dann den ganzen Tag Hetze: Kindern wurde so gedroht, dass sie ins Heim müssten, wenn ihre Eltern zur Montagsdemo gehen. Es war die Rede davon, dass Blut fließen könne. Man darf nicht vergessen, dass der Schießbefehl ja erst gegen 17 Uhr vom Tisch war, nachdem in Leipzig noch viel mehr Menschen zusammengekommen waren. Vor diesem Hintergrund kann ich gut verstehen, dass die Menschen mit butterweichen Knien gekommen sind, und umso glücklicher bin ich, dass sich ihre Zahl mit 4500 zur Vorwoche erneut verdreifacht hatte.

Warum lohnt es sich, heute an jene Zeit zu erinnern?
Die deutsche Geschichte zeigt uns, dass wir uns immer wieder aus unserem Versagen und unseren Erinnerungen erneuern müssen. Hinter uns liegen zwei Diktaturen – die Diktatur des Nationalsozialismus und die Diktatur des Proletariats. Der Nationalsozialismus hat ein ganzes Volk mit in den Abgrund gerissen. Der Sozialismus wollte ein Gegenmodell dazu sein. Aber auch er ist zu einem Überwachungsstaat geworden, der Andersdenkende verfolgt und kriminalisiert hat. In beiden Diktaturen waren es Minderheiten, die dagegen aufgestanden sind. Der Widerstand im Dritten Reich hat einen hohen Blutzoll gezahlt. Die friedliche Revolution vor 30 Jahren verlief unblutig.

Drei Prozent der Bevölkerung gelang es, den wirtschaftlich ausgehöhlten und ideologisch verkrusteten Staat zum Kapitulieren zu bringen. Der Ruf „Wir sind das Volk“ kennzeichnet die Menschen in der DDR, die ihr Geschick selber in die Hand nehmen und politisch gestalten.

Dieser gestaltende Volkswille fehlt heute weitgehend, weil die parlamentarische Demokratie selbstgenügsam geworden ist, Verantwortung gern an die Politik delegiert wird, materielle und wirtschaftliche Interessen notwendigen Veränderungen entgegenstehen.

Viele der damals in den Kirchen und auf den Demonstrationen Aktiven konnten sich mit ihrem Wunsch, neue Wege statt der eingetretenen bundesdeutschen zu beschreiten, nicht durchsetzen. Diese Menschen waren von der Entwicklung enttäuscht. Wann war das bei Ihnen der Fall?
Das entzündete sich vor allem an der Frage Wiedervereinigung oder Beitritt zum Bundesgebiet. Nach der Wende hielt ich in Wolfsburg einen Vortrag und sprach auch die Probleme nach der Wiedervereinigung an. Damals war ein Mann aufgestanden und hatte gesagt, dass wir doch dankbar sein sollten, da die Bundesrepublik uns die Freiheit geschenkt habe. Ich entgegnete, dass wir uns unsere Freiheit schließlich selbst erkämpft hatten.

Dennoch sagen Sie, dass Sie nicht klein beigeben möchten, weiter aktiv Ihre Stimme erheben möchten. Doch warum sind so viele andere verdrossen?
Der Westen war der DDR wirtschaftlich so überlegen, dass er die neuen Bundesländer locker mit versorgen konnte. Landwirtschaft und Industrie der ehemaligen DDR waren dazu nicht nötig. Die Abwicklung durch die Treuhandanstalt hat einen Kahlschlag hinterlassen. Und die hochfliegenden materiellen Wünsche vieler neuer Bundesbürger sind bald wieder zusammengebrochen. Es gab also nicht nur eine politische Kränkung der drei Prozent Mutigen der ersten Stunde, sondern auch eine materielle Kränkung der übrigen, die bei vielen bis heute anhält. Das unterschiedliche Lohnniveau und die höhere Arbeitslosigkeit sprechen ebenso für sich wie die arbeitsbedingte Abwanderung aus dem Osten in den Westen.

Auf Demonstrationen, die vom rechten Rand aus die politische Ordnung in Deutschland kritisieren, wird auch heute der Slogan „Wir sind das Volk“ zitiert. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Der Ruf „Wir sind das Volk“ bleibt für mich eine hohe Verpflichtung. Menschen, die nicht wählen gehen – damals haben wir freie Wahlen gefordert! – haben diesen Anspruch verwirkt. Menschen, die den mutigen Ruf des Herbstes 1989 missbrauchen, um wieder nur materielle, abgrenzende und eigensüchtige Interessen zu artikulieren, ebenso. Wenn heute zum Beispiel Jugendliche bei „Fridays for Future“ auf die Straße gehen, dann verwirklichen sie am ehesten den Anspruch, ihr Geschick in die eigene Hand zu nehmen und Druck auf die Politik zu machen, so wie wir es damals im Herbst 1989 gemacht haben.

Welche Rolle hat die Kirche?
Die Kirche hatte im Herbst 1989 eine Stellvertreterrolle: Was in einer freien Gesellschaft an Protest, Bürgerinitiativen, politischer Willensbildung und Vereinigung möglich ist, ging in der DDR nur unter dem Schutzdach der Kirche. Hier wurden demokratische Prozesse eingeübt, hier wurde am offenen Mikrofon vor Tausenden frei geredet, hier trafen sich Christen und Nichtchristen gemeinsam als Bürger und Betroffene. Nach der Wende war diese Rolle so nicht mehr nötig. Die Menschen konnten jetzt in Parteien ihrer Couleur gehen, sich Vereinen und Initiativen anschließen, als Aktivisten bei Greenpeace oder Amnesty International mitmachen. So war es für mich nicht enttäuschend, dass die Kirchen wieder leerer geworden sind.

Aber die Kirche behält immer eine wichtige geistliche Funktion: die Funktion der prophetischen, mahnenden Stimme, die schon in der Bibel angelegt ist und zu allen Zeiten gilt. Vom Willen Gottes her ist der Gesellschaft und den Regierenden zu sagen, „was gut ist und was der Herr von dir fordert“ (Micha 6,8), was dem Wohl aller dient und nicht nur dem Eigenwohl. Diese Funktion erlischt auch in der freiheitlichen Demokratie nicht.