Magdeburg l Es ist ein dunkler Fleck im Gedächtnis der Landeshauptstadt: die Zeit vor 1631. Im Dreißigjährigen Krieg ist nicht nur die Stadt Magdeburg fast vollständig zerstört worden, auch das Stadtarchiv mit all den Unterlagen und Zeugnissen der Stadtgeschichte ist niedergebrannt. Stadtarchivar Christoph Volkmar spricht von einem „Hiroshima-Moment“ für Magdeburg. Seither leide die Stadt unter Amnesie, was die mittelalterliche Stadtgeschichte anbelange. Mit dem Projekt „Magdeburger Spuren“ soll die Stadt davon geheilt werden – zumindest ein Stück weit.

Seit einem Jahr läuft das Projekt nun, mit dem ein digitales Archiv erstellt werden soll mit Dokumenten aus der Zeit zwischen 1513 und 1631, dem Zeitraum, der besonders schlecht überliefert ist. Dafür wird in europäischen Archiven nach Unterlagen mit Bezug zu Magdeburg gesucht. Da vor allem die größeren Archive bereits viele Dokumente digital bereitstellen, wird zunächst online recherchiert. Wenn sich dann Funde erhärten, fahren Stadtarchivar Volkmar und Kollegen durchaus auch in die Archive, um digitale Kopien zu erstellen.

Dabei sind bereits historische Schätze geborgen worden. Beispielsweise ein Brief des jungen Otto von Guericke. Bei der Sichtung von Unterlagen im Stadtarchiv von Braunschweig hat Volkmar einen Brief entdeckt, den Magdeburgs berühmtester Sohn am 1625 an die Ratsherren von Braunschweig geschrieben hatte. Damals noch junger Studiosus, bat er um ein Stipendium aus dem Erbe seines Großvaters gewähren.

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Aber auch Einblicke in den Alltag der Magdeburger im Mittelalter sind im Rahmen der Projektforschungen zutage getreten. Beispielsweise Dokumente zu einem Erbschaftsstreit in den besseren Kreisen, der im Jahre 1604 verhandelt wurde – gefunden im Landesarchiv Sachsen-Anhalt am Standort Wernigerode.

Internetseite freigeschaltet

Diese und viele andere Funde sind jetzt online einsehbar. Auf der neu freigeschalteten Internetseite www.magdeburger-spuren.de werden fast 400 Dokumente präsentiert. Besonders interessante Stücke für die Stadtgeschichtsforschung werden als sogenannte Schaufensterdokumente gezeigt. Diese werden nicht nur ausführlich erläutert, sondern durch eine Transkription bequem lesbar zugänglich gemacht, erklärte Jens Kunze vom Stadtarchiv bei der Präsentation der Internetseite, die auch mobil abrufbar ist. Zeitnah werden weitere Dokumente veröffentlicht. Sie sollen nicht nur Einblicke in die vergessene Zeit vor 1631 geben, sondern auch für Historiker und Forscher als Grundlage für weitere Recherchen dienen. Dazu bietet die Seite nicht nur die Möglichkeit der Suche nach Themen, sondern auch eine Volltextsuche.

Die Spurensuche nach mittelalterlichen Dokumenten mit Bezug zu Magdeburg wird jetzt auf breitere Schultern verteilt. Historiker und Geschichtsinteressierte kamen dazu auf Einladung des Stadtarchivs in einem Workshop zusammen. Dabei wurden ihnen nicht nur die Projektziele erläutert, sondern auch die Möglichkeiten der Online-Recherche gezeigt. Bis Mitte Oktober sucht das Stadtarchiv noch Geschichtsinteressierte, die in den digitalen Archiven mitsuchen.

„Die ersten Erfolge geben uns die Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein“, so Stadtarchivar Volkmar.