Magdeburg l Die Nachkommen der 120 Jahre alten Ulme, die für den Neubau eines Wohnhauses der Wohnungsbaugenossenschaft „Otto von Guericke“ im Februar 2016 an der Danzstraße in Magdeburg gefällt wurde, entwickeln sich gut. Genossenschaftsvorstand Karin Grasse berichtet: „Ich war in der Baumschule Beyme in Pechau, um mich persönlich über den Zustand unserer Ulmen zu informieren. Und ich war auf das angenehmste überrascht.“

Erfolgreiche Ulmennachzucht

Mehr als 20 junge Ulmen konnten aus den Reisern der alten Ulme gezogen werden. Dass die Nachzucht ein solcher Erfolg werden würde, war keineswegs sicher. Bereits im Sommer 2015 hatten Kollegen von Falko Beyme junge Triebe vom Baum abgenommen, ließen sich dafür mit einem Hubsteiger in die hochgewachsene Krone fahren. Doch die Fachleute waren von deren Qualität nicht sonderlich begeistert: Die entnommenen Triebe waren nur halb so dick wie eigentlich notwendig. Dies hing mit dem sehr geringen Neuaustrieb zusammen, da der Baum mit 120 Jahren schon sehr alt war und seine Stagnationsphase erreicht hatte.

Mit Blick auf die jungen Bäume sagt Karin Grasse: „Vom Wachstum sind sie zwar recht verschieden, aber es sind schon ein paar sehr schöne und stattliche Exemplare dabei. Wir haben uns eine Ulme ausgesucht, die wir voraussichtlich im Oktober auf unseren Innenhof auspflanzen werden.“ Diese Ulme hat einen Stammumfang von zehn Zentimetern und bereits eine Höhe von 3,8 Metern. Sie wird in Kürze noch einmal fachmännisch beschnitten und im Sommer gut gepflegt.

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Gepflanzt werden zwei Ulmen

„Ich bin persönlich richtig stolz und froh, dass Herr Beyme es geschafft hat, unsere alte Ulme weiterleben zu lassen. Und das in so vielen Exemplaren!“, so Karin Grasse. Die erste Ulme solle im Herbst 2019 im Innenhof des Neubaus an der Ecke Breiter Weg/Danzstraße ausgepflanzt werden, wenn der Neubau, für den bereits Deckenfest gefeiert wurde, bezogen wird. Dies übrigens neben Obstbäumen und einer weiteren bereits größeren Ulme mit 16 bis 18 Zentimetern Stammumfang, wie diese in der Fällgenehmigung gefordert war.

Und die übrigen Bäume? „Ab dem nächsten Jahr werden wir weitere Bäume auf unseren genossenschaftlichen Flächen ansiedeln“, berichtet Karin Grasse. Zu einer Tradition hat es sich die Genossenschaft gemacht, für die in einem Jahr neugeborenen Kinder der Genossenschaftsmitglieder Bäume zu pflanzen. Wo genau die Standorte für die weiteren Ulmen sein sollen, steht noch nicht fest. Und falls die Genossenschaft auf ihren eigenen Freiflächen nicht alle Ulmen selbst unterbekommen sollte, werde man die Stadt Magdeburg um Hilfe bei der Suche nach Ausweichflächen bitten.

Pro und Contra zur Fällung

Die Fällung des Baums hatte vor drei Jahren für Widerspruch gesorgt. Gegen eine Fällung der Bergulme war ins Feld geführt worden, dass der Baum die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg ebenso wie die DDR-Zeit überstanden habe und daher als Symbol für Lebenskraft und Naturräume in der Stadt erhalten werden solle. Und: Bis ein Baum, der für das Stadtklima nicht zu unterschätzen ist, eine solch stattliche Größe erreicht hat, vergehen Jahrzehnte. Auf der anderen Seite hatten Fachleute darauf hingewiesen, dass der Baum bereits Vorschädigungen aufweise und ohnehin nur noch eine begrenzte Lebenserwartung habe.

Bei der Bergulme handelt es sich um einen Baum, der bis zu 40 Meter hoch werden kann. Andere Namen für die Art sind auch Berg-, Weißrüster, Weiß- oder Haselulme. Verbreitet ist die Baumart vom Mittelmeerraum bis nach Südskandinavien und von den Britischen Inseln bis zum Ural. In der Jugend wächst die Bergulme sehr rasch. Bereits mit 30 Jahren kann sie 90 Prozent ihrer späteren Höhe erreichen. Mit 60 Jahren ist das Höhenwachstum des Baums dann mehr oder weniger abgeschlossen.

Baum des Jahres 1992

Im Jahr 1992 war die Baumart zum Baum des Jahres gewählt worden. Für das Jahr 2019 hat die „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ übrigens eine andere Ulmenart gewählt: die Flatter­ulme.

Das Ulmensterben ist insbesondere für die Bergulme, aber auch für andere Arten der Gattung, eine Gefahr. Hervorgerufen wird es durch einen Pilz, der den Fluss der Pflanzensäfte in den Gehölzen so stark behindert, dass diese absterben. Übertragen werden die Sporen des Pilzes durch einen Borkenkäfer, den Ulmensplintkäfer. Schon vor Jahrtausenden hatte es Wellen an Ulmensterben gegeben. Als aber vor etwa 100 Jahren eine besonders aggressive Form des Pilzes nach Europa gelangte, starben Ulmenbestände großflächig ab. Die Bergulme gilt aufgrund der gefährlichen Baumkrankheit heute als gefährdet. Strategien sind die Pflanzung der weniger gefährdeten Flatterulmen und die Einkreuzung asiatischer resistenter Ulmenarten.