Magdeburg l Gerade schiebt eine Kundin ihr Fahrrad in die Werkstatt des Fahrradhändlern „Fahrrad Magdeburg“. Der Grund: ein platter Reifen. Es ist dieser Tage nicht unwahrscheinlich, dass sie sich den Reifen durch Rollsplitt kaputt gemacht hatte. Die kleinen Steinchen seien scharfkantig und können einen herkömmlichen Fahrradreifen leicht durchstechen, den Schlauch beschädigen und so für Luftverlust sorgen. Alle Jahre wieder erhält die Volksstimme Leser-Beschwerden gegen das für Radfahrer ärgerliche Streugut, das ausgefahren wird, sobald die erste winterliche Witterung einsetzt.

„Wir haben täglich Kunden, die wegen platter Reifen zu uns kommen“, sagt Zweiradmechaniker Frank Harzer, der in der Werkstatt von Fahrrad Magdeburg arbeitet. Wenn er und seine Kollegen sich die beschädigten Reifen anschauen, finden sie nicht selten scharfkantige Hinterlassenschaften des Winterdienstes. Aber was tut man als Radfahrer nun, wenn man ohne platte Reifen durch den Winter kommen möchte?

Die einfachste Lösung bietet ein Sprichwort, das sich in den vergangenen Jahren eingebürgert hat: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Im Sinne des Erfinders ist das allerdings nicht. Schließlich möchte der Nutzer durch das Fahrrad ja schneller von A nach B kommen als zu Fuß. Zumindest sollte man versuchen, den Rollsplitt zu umfahren, lautet der Tipp vom Profi.

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Radfahrer können aber auch nachrüsten – mit Schwalbe-Marathon-plus-Reifen. Die liegen mit etwa 39 Euro zwar preislich doppelt so hoch wie ein normaler Reifen, sind aber mit einer verstärkten Gummischicht ausgestattet. Die dickere Schicht verhindert zwar nicht, dass man sich Steinchen einfährt, aber die Steinchen erreichen nicht die empfindliche Gummischicht des Schlauchs.

Wer mehr Geld ausgegeben kann oder will, kann sich auch einen Reifen ohne Luftbereifung zulegen. Von Schwalbe gibt es einen luftlosen Reifen. In den speziellen Mantel werde eine Art Gummireifen eingebaut, die optisch an Styropor erinnern, aber viel elastischer scheinen. gerade für Vielfahrer und Besitzer von E-Bike-Rädern seien diese Reifen empfehlenswert. Nachteile habe man dadurch nicht, sagt der Fachmann von Fahrrad Magdeburg.

Ein Kilo schwerer

Anders sieht das allerdings Fahrradhändler Jan Flick von Zweirad Schulz am Breiten Weg. Seiner Einschätzung nach leide bei diesem System der Fahrkomfort enorm, denn das Fahrrad werde dadurch etwa ein Kilo schwerer: „Da tauscht man ein Problem gegen ein anderes“, sagt Flick. Auch er rät stattdessen zu den Schwalbe-Marathon-plus-Reifen. Die würden das Risiko eines Plattens durch scharfkantige oder spitze Gegenstände deutlich verringern, gleichzeitig aber einen guten Fahrkomfort bieten. Um die Probleme mit Splitt weiß auch er. „Sobald der Winterdienst fährt, haben wir die Werkstatt voll mit Kunden, die über plötzliche Pannen klagen“, berichtet er.

Und er hat noch einen Tipp: Prall aufgepumpte Reifen verringern ebenfalls das Risiko eines Plattens. Bei neuen Rädern sollte der Reifen mit rund vier Bar aufgepumpt werden. Wieviel Druck ein Mantel verträgt, sei auf dem Reifen zu finden. Wenn er mehr Druck zulässt, sollten Radfahrer das auch nutzen. Denn je härter ein Reifen aufgepumpt werde, desto schwieriger sei es, dass scharfkantige Gegenstände eindringen können. Bei älteren Fahrrädern mit zwanzig Jahre alter Bereifung wäre er diesbezüglich aber vorsichtiger, denn das Material könnte dem hohen Druck vielleicht nicht standhalten. Hier empfiehlt er zweieinhalb Bar.

Sollten sich Splitter im Reifen befinden und der Radfahrer dies durch Fahrgeräusche merken, sollte er achtsam sein und den Splitter nach Möglichkeit sofort entfernen.

Und noch einen Hinweis hat Jan Flick, weil er immer wieder Kunden hat, die sich ein Fahrrad kaufen und am nächsten Tag mit einem Platten und Reklamationswunsch in sein Geschäft kommen: Wenn der Schlauch von innen her reißt, habe der Kunde einen Garantieanspruch. Wenn er jedoch von außen beschädigt wird und es dadurch zu einem Platten kommt, nicht.

Immer der gleiche Splitt

Eine aktuelle Stellungnahme von der Stadt Magdeburg war nicht zu erhalten. Allerdings ist das Thema nicht neu: Schon in Vorjahren berichtete die Stadt auf Volksstimme-Nachfrage, dass seit Jahren der gleiche Splitt verwendet werde. Dieser werde jedoch nicht auf Radwegen ausgebracht. Dort würde der Winterdienst mit Salz gegen Glätte vorgehen. So berichtete Pressesprecher Michael Reif 2018: „Im Erfahrungsaustausch mit anderen Städten und entsprechenden Empfehlungen für kommunale Winterdienste hatte sich herausgestellt, dass abstumpfende Stoffe, wie zum Beispiel Splitt, wegen der kleinen Radaufstandsflächen der Fahrräder nicht geeignet sind, den Kraftschluss zwischen Reifen und Fahrbahn wirksam zu verbessern.“ Die Reifen haben dann also keinen Grip. Zudem komme es durch Salz nicht zu Reifenpannen. „Wir haben heute deutlich weniger Beschwerden von Radfahrern als noch vor drei Jahren“, erklärte er.

Ganz vermeiden lassen wird sich der Rollsplitt wohl nie. Aber mit einer anderen Bereifung könnte das Radfahren auch im Winter zur ungetrübten Freude werden.