Oebisfelde l Das eigene Heim in Oebisfelde ist für Wolfgang und Hannelore Pettke nicht nur Lebensmittelpunkt, es ist auch Schutzburg und Rückzugsort zugleich. Die Senioren zählen in Corona-Zeiten zur Risikogruppe für Infektionen mit dem Covid-19-Virus. Angst vor einer Ansteckung haben sie keine. Mit der gebotenen Vorsicht und Aufmerksamkeit verbringt das Ehepaar derzeit den Lebensabend. Wegen der Corona-Pandemie in Angst und Schrecken zu verfallen, davon sind sie weit entfernt. Da hätten sie in Zeiten des Zweiten Weltkriegs und in der anschließenden Nachkriegszeit weitaus mehr Entbehrungen hinnehmen müssen, als jetzt aufgrund der Auflagen zur Unterbrechung der Infektionskette, meint das Ehepaar Pettke einvernehmlich.

Mütter als Schutzburg

„Die Sichtweise auf das Leben ist heute selbstverständlich eine andere als noch vor 75 Jahren“, befindet Hannelore Pettke. „Unsere Kindheit war bis zum Ende des Krieges eher unbeschwert. Meine Eltern haben viel dafür getan, dass der Krieg von uns fern blieb. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir Kinder in der Achterstraße herumgetollt sind. Als die Fliegeralarme täglich präsent waren, hat meine Mutter mir Mut zugesprochen und Schutz allein durch ihre Nähe gewährt. Ja, so war das damals“, erinnert sich die gebürtige Oebisfelderin.

Flucht aus der Heimat

Ihr späterer Ehemann bekam die Wucht des Krieges als zehnjähriger Junge gemeinsam mit seiner Mutter, seinem sechs Jahre alten Bruder und der dreijährigen Schwester in der Heimatstadt Danzig zu spüren. Nach einem Bombenangriff wurde er verschüttet, die Schwester musste tödlich verletzt zurückgelassen werden. Auf einem Militär-Lastwagen mitgenommen, erlebte der junge Pettke seine Heimatstadt als brennende Ruinenlandschaft, gepflastert mit Toten. In einem Dorf angekommen, schnappte die Familie sich gemeinsam mit zwei Soldaten ein Boot, um irgendwie über die Ostsee dem Inferno und der heranrückenden Roten Armee zu entfliehen. Sie erreichten ein Sanitätsschiff. Sein Vater war noch in den letzten Kriegstagen zum Militär eingezogen worden. Wolfgang Pettke hat ihn nie wieder gesehen. Der Vater starb in russischer Gefangenschaft, erfuhr er viel später durch den Suchdienst.

Bilder

Auf der Flucht strandete die Familie in einem Lager in Kopenhagen, um im Jahre 1948 in Oebisfelde anzukommen. Erst im Jahre 1956 heirateten Wolfgang Pettke und Hannelore Böhmer. Die Zeit bis dahin war für beide eine sehr entbehrungsreiche.

Scheuerlappen zu Bettlaken

Sehr genau erinnern sie sich an Zeiten, wo schwarzer Kaffee mit Zucker und darin aufgeweichtem Brot als Mahlzeit ausreichen musste. Aus gewöhnlichen Scheuerlappen wurden Bettlaken zusammengenäht und wer es verstand, der ließ aus Überresten von Seidenstrümpfen, die entsprechend zerschnitten wurden, Teppiche entstehen. Unvergessen für Wolfgang Pettke, die aus sogenannter Kanalwolle hergestellte Kleidung. Die bestand nämlich aus den silbrigen und kratzigen Fäden von Zuckersäcken.

Von den alliierten Streitkräften rückten die Amerikaner zuerst in Oebisfelde ein, erinnert sich Hannelore Pettke. Im Gegensatz zu den Erwachsenen hatten die allermeisten Kinder keine Scheu vor den Soldaten. Und das sollte sich durchaus lohnen, denn die spendierten Kaugummi und andere Süßigkeiten. Mit dem Wechsel der Befehlshoheit auf britische und dann auf die sowjetischen Truppen blieben derartige Gaben aus, so die Erinnerung von Hannelore Pettke.

Die damaligen Lebensverhältnisse sind mit den heutigen nicht vergleichbar, wissen die Pettkes. Und doch zeigt sich für sie ein spürbares Ansteigen der Unzufriedenheit über die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, anders als damals. Im Gegensatz zum Kriegsende von vor 75 Jahren, wo die Menschen in vielen Ländern, insbesondere im zerbombten Deutschland, tatsächlich vor einem Neubeginn standen, könne die Corona-Pandemie mit Hygiene und Eigendisziplin eingedämmt werden – ohne Neuanfang.