Oschersleben l Was seine schönste Erinnerung an Weihnachten sei? Martin Seidel muss nicht lange überlegen: „Das große Feuerwehrauto! Das weiß ich noch genau“, ruft er. Das habe er sich lange gewünscht. „Wir haben unsere Wünsche aufgeschrieben und die wurden dann unter den Gemeindemitgliedern verteilt.“ Es ist allerdings schon ein Weilchen her, dass er das rote Feuerwehrauto bekommen hat. Wie alt er damals war, kann Martin Seidel nur schätzen: „Vielleicht so sechs oder sieben Jahre.“

Sein Zuhause war damals das Oschersleber Waisenhaus. Warum er dort hinkam, weiß Martin Seidel nicht mehr. Zu seinen Eltern hatte er seitdem keinen Kontakt. „Ich weiß nur, dass ich noch einen großen Bruder hatte.“ Die Schwestern und Erzieherinnen im Kinderheim waren fortan seine Familie. „Nur wenige Kinder waren über die Festtage im Heim. Die meisten sind nach Hause zu ihren Eltern gefahren“, erinnert er sich. Sie seien vielleicht zehn Kinder gewesen, die geblieben sind. Alle hätten sich aber große Mühe gegeben, es möglichst festlich herzurichten: „Weiße Tischtücher, ein Tannenbaum und ein festliches Essen gab es immer.“ Besonders ist ihm die Felsenkrippe in Erinnerung geblieben: „Die Figuren haben wir manchmal einfach umgestellt“, lacht er. „Dann saß das Jesuskind oben auf dem Felsen.“

Als Kindergartenkinder ins Waisenhaus

Der heute 64-Jährige ist in Oschersleben bekannt wie ein bunter Hund. Besonders sein Engagement im Turnverein hat ihm viele öffentliche Auftritte beschert. „So bleibt man unter Leuten“, sagt Seidel. Wenn er mal nicht als Manager des Turnvereins unterwegs ist, arbeitet er im Kardinal-Jaeger-Haus, einer Einrichtung der Caritas-Trägergesellschaft „Sankt Mauritius“. Er unterstützt den Hausmeister bei allen Tätigkeiten und erledigt alle Arbeiten, die anfallen. Aber nicht nur das: Martin Seidel lebt auch im Kardinal-Jaeger-Haus. „Ich bin einfach hier geblieben“, sagt er. „Nur damals war der Schlafsaal dort drüben“, erinnert er sich und deutet mit dem Finger auf den Teil des Hauses, in dem sich heute der Hort befindet.

Außer ihm sind noch drei weitere Heimkinder in der Einrichtung. Sie alle leben und arbeiten an dem Ort, der nun schon so viele Jahre ihr Zuhause ist. „Sie waren ja alle Kindergartenkinder, als sie hier herkamen“, erinnert sich Schwester Irmgardis, die schon damals für die Kinder gesorgt hat.

Schwester Irmgardis gibt Halt und Trost

„Schwester Irmgardis hat uns getröstet und war immer für uns da“, sagt Ramona Emmich. Die 53-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, dass Schwester Irmgardis eines Tages nicht mehr da war. „Da hat sie uns schon gefehlt.“ Aber man habe es ja nicht anders gekannt. Die Schwestern und Erzieherinnen im Kinderheim hätten immer mal gewechselt. Nach etwa 20 Jahren kam sie dann wieder nach Oschersleben zurück. Unterdessen waren „ihre Kinder“, wie sie die Vier bis heute nennt, erwachsen geworden.

Das war eine große Wiedersehensfreude, erinnern sich alle. Seit nunmehr 12 Jahren ist die Franziskanerin wieder da und verbringt seitdem auch den Heiligen Abend mit ihren Schützlingen. „Wir essen gemeinsam und besuchen anschließend zusammen die Christmette.“ Im Speisesaal des Kardinal-Jaeger-Hauses wird dann in Gesellschaft des Pfarrers und seiner Gäste gespeist. „Meistens lädt Pfarrer Sperrling noch Flüchtlinge zum Essen mit ein“, weiß Schwester Irmgardis. Dazu kämen dann noch die anderen Ordensschwestern.

Quartett wird gut betreut

„Die alle sind jetzt unsere Familie“, sagt Renate Leibelt, die schon seit 60 Jahren in der Waisenhausstraße zuhause ist. Sie kümmert sich um die Wäsche der Bewohner oder unterstützt am Empfang. Auch Petra Jäger (56) hilft auf einem der Wohnbereiche. „Sie gehören einfach dazu“, beschreibt es Einrichtungsleiter Andreas Kretschmer. „Wir haben uns dafür stark gemacht, dass sie bleiben können.

Neben den Ordensschwestern kümmerten sich auch Mitarbeiter um die Vier. „Auch außerhalb ihrer Dienstzeit engagieren sich die Kollegen für sie.“ Im Haus und in der Gemeinde seien sie gut integriert und vermissen dort auch nichts – fast nichts: „Manchmal laufen sie durchs Haus und suchen eine Umarmung“, sagt Andreas Kretschmer. „Jemanden, der sie mal fest drückt.“ Und da werden sie mit dem großen Herz jedes Mal aufs Neue fündig.