Oschersleben l Hühner staksen zwischen den Wohnwagen auf der Suche nach einem Korn. Hunde kläffen und springen wie Flummis an den Gitterstäben hinauf, die sie von der Freiheit trennen. Irgendwo fegt ein Besen über den Boden und wirbelt Staub auf. Es riecht nach Essen. „Komm se rein. Wir reden auch mit vollem Mund.“ Gino Frank schlurft aus einem der Wohnwagen. Es gibt Gulasch mit Nudeln von Mutter Heidi. Der Fernseher läuft lautlos.

In Großstädten ist kaum was frei

Mutter Heidi und Sohn Gino sind Teil der Zirkusfamilie Frank. Ihr Zirkus „Frankello“ gastiert auf dem Schützenplatz in Oschersleben. Ein paar Tage nur, dann ziehen sie weiter. Erst nach Halberstadt, dann in die nächste Provinz. „In Großstädten sind die Plätze immer belegt. Nur wenn ein anderer Zirkus absagt, rutschen wir mal rein“, sagt Edmund Frank, der inzwischen auch in den Wohnwagen gekommen ist. Seit 1976 leiten er und Heidi den Zirkus. Sie haben sieben Kinder, 25 Enkel und 20 Urenkel. Keiner hat das Zirkusgeschäft verlassen. Drei der vier Töchter haben geheiratet, sind in andere Zirkusunternehmen gewechselt. „Wir haben uns das Leben nicht ausgesucht. Es wurde uns in die Wiege gelegt“, sagt Edmund Frank.

Gino schaufelt sich eine zweite Portion Gulasch auf den Teller. „Es ist nicht einfach, eine Frau von außerhalb zu finden, die das hier mitmacht.“ Er schnieft, guckt abwechselnd zu seinem Teller, zum Fernseher, in die Zeitung, die sein Vater mitgebracht hat. Noch ist nichts von dem Mann zu ahnen, der gleich in glitzernden Kostümen singt, Saxophon spielt und Kamele über die Bühne treibt.

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In Deutschland gibt es zwischen 300 und 350 Zirkusse. Vom Verband Deutscher Zirkusunternehmen heißt es, dass die großen Unternehmen weniger werden. „Sarrasani“, „Barum“ und „Althoff“ gehörten zu den größten deutschen Zirkussen. Heute gibt es sie nicht mehr. Von den alten Unternehmen ist nur noch Zirkus „Krone“ am Markt. Tierschützer, kommunale Wildtierverbote, der Wegfall zentraler Festplätze weil sie bebaut oder zum Parkplatz umfunktioniert wurden, hohe Kosten für das Aufhängen von Werbeplakaten und steigende Preise für Kraftstoff oder Tierfutter machen den Zirkusunternehmen zu schaffen. „Auch die vielen Freizeitangebote, das Internet und das Fernsehen nehmen uns Besucher weg“, ergänzt Edmund Frank.

Zelt muss mindestens halb voll sein

In einigen Städten muss die Familie einen Euro pro Tag für jedes Plakat zahlen, das sie aufhängen wollen. „Das können wir uns nicht leisten“, sagt Gino Frank. Dann klingeln die Zirkuskinder bei Familien und fragen, ob sie ein Plakat an die Hauswand oder den Gartenzaun hängen dürfen. Halb bis dreiviertel gefüllt muss das Zelt sein, damit die Familie ihre Kosten decken und von ihrem Leben leben kann.

An diesem Nachmittag in Oschersleben sind die Bänke vielleicht zur Hälfte belegt. Einige zögerten vor dem Kassenhäuschen, als sie die Eintrittspreise erspähten. Etwa 15 Euro kostet eine Karte.

Hinter einer Fassade aus Make-up verbirgt sich Marc Dorffner. Er kontrolliert die Eintrittskarten, hat ein Diplom als staatlich anerkannter Artist. Er und seine Freundin Serainer Imholz sind die einzigen Künstler, die nicht zur Familie Frank gehören. Sie reisen mit ihren Wohnwagen durch Europa, um in verschiedenen Zirkussen aufzutreten. Marc als Clown, Seraina als Akrobatin. Nächste Station: Dänemark. „Mal kommen 6 000 Euro zusammen, mal verdienen wir einen Monat nichts. Wir können gut leben“, sagt er. Im nächsten Moment zieht er die Zeltwand zu. Die Show beginnt.

Menschen und Tiere brauchen einander

Pferde verbeugen sich, stellen sich auf ihre Hinterbeine, Lamas springen über Kamele, ein Clown stolpert durch die Manege, Kinder und Enkel von Heidi und Edmund tanzen auf Seilen, mit Hula Hoop Reifen oder am Trapez. Pose, Lächeln, Klatschen.

Menschen und Tiere brauchen sich hier. „Kinder wollen Clowns, Akrobatik und Tiere sehen“, sagt Edmund Frank. Die einen leben in Wohnwagen, die anderen in Boxen. Alle verlangen ihren Körpern viel ab.

Seitdem der Zirkus ins Visier einiger Tierschützer geraten ist, hat es Edmund Frank schwerer, wie er sagt. Er versteht nicht, warum sie ihm Tierquälerei vorwerfen. „Die Tiere kriegen ordentlich zu fressen und sind sauber.“ Infolge neuer Bestimmungen musste er seine Pferde in einzelne Boxen sperren. Früher waren die Tiere nebeneinander angebunden. Jetzt beißen sie sich manchmal, weil sie sich nicht mehr beschnuppern können.

„Urlaub haben wir nie“, sagt Edmund Frank. Vier Wochen im Jahr ziehen sie in ihr Winterquartier in Riesa. Dort landet auch ihre Post. Ansonsten ist die Familie mit ihren Helfern auf Reisen. Nie sind sie länger als eine Woche an einem Ort. Die Kinder klemmen sich jede Woche hinter einen anderen Schultisch. „Die zeigen ein paar Kunststücke und dann sind sie der Hahn im Korb.“ Rechnen, Schreiben, Lesen sollen sie lernen, der Beruf ist eh klar: Zirkusmensch.

Heimatlos ohne Anstrengung

Die Franks sind Heimatlose. Würde jemand sie fragen, ob ein Leben auf Reisen nicht anstrengend ist, sie würden entgegnen: „Ist es nicht anstrengend, immer an einem Ort zu wohnen?“

Seraina Imholz schwingt während der Nummer mit den Kamelen etwas steifer, schüchterner ihre Hüften als die Frank-Frauen. Sie ist nur noch vier Tage dabei, dann zieht sie weiter. Auch sie hat die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik in Berlin besucht und liebt es, ständig unterwegs zu sein. „Spagat kommt immer gut an, dabei ist es anspruchsvoller, wenn ich mich aus dem Vertikaltuch abwickele“, sagt sie. Aufgeregt ist sie nicht: „Es ist mein Job.“

Während der Vorstellung sitzt Edmund Frank hinter der Manege, trinkt Cola, bläst Rauch in die kalte Luft. Er wäre zu alt für einen Neuanfang. „Wenn ich keinen Zirkus mehr machen kann, könnte ich mir einen Strick nehmen.“