Seehausen l Jemand hat einen Stein mitgebracht, hieß es am Mittwochabend plötzlich. Einen original Stein vom Stadtkulturhaus. Wer war es nur? Jürgen Ulrich! Der Seehäuser folgte Käthe Leischkes Einladung auf die Bühne, die der Rasen war. Dorthin, wo einst das Stadtkulturhaus stand. Bevor am 15. Mai 1998 die letzten Mauerreste abgetragen wurden, hat sich Jürgen Ulrich einen Ziegelstein zur Erinnerung geangelt. „Ich hoffe, ich hab mich nicht strafbar gemacht“, scherzte er. Die Aktion sei ihm ein Anliegen gewesen, „so viele Stunden, die ich in dem Haus verbracht habe“. Weil das so ist, wurde ihm mal ein Bild vom Stadtkulturhaus geschenkt. Darauf blitzen die Bauschuttcontainer schon durch den Zaun, das Dach ist abgedeckt. „Es ist sicher eines der letzten, wenn nicht das letzte Foto des Hauses“, sagte Ulrich, der das Bild den Bergfestlern weiterschenkte, „ich gebe es in gute Hände“. Diese Geste rührte, wie es am Mittwochabend überhaupt viel um Rührung ging. Auch als Käthe Leischke Grüße von Irmgard Speck vorlas. Das Kulturhaus sei ihr ein zweites zu Hause gewesen, weswegen sie auch so gerne zur Veranstaltung gekommen wäre, doch es passte nicht. Ihr handgeschriebener Gruß kam trotzdem an. Irmgard Speck dankte der Bergfest-Initiative für deren „Ehrerbietung“ an das Kulturhaus. „Es ist schade, dass Seehausen seine Identität nach und nach verliert, erst die Holländermühle, die unbedingt erhalten werden sollte, dann das Kulturhaus“, so die Zeilen Irmgard Specks. „Die Stadträte müssen auf die Stadt und ihre Geschichte acht geben.“

Applaus dafür aus dem Publikum, das sich zahlreich mit einem Bier in der Hand auf Bänke in die Abendsonne setzte. Um von dort aus noch einem zweiten, längeren Text zu lauschen. Der mittlerweile verstorbene kulturell aktiv gewesene Gerhard Grützmacher hatte ihn 1998 anlässlich des Kulturhausabrisses verfasst, erinnert darin an die großen Zeiten des Hauses: An die Auftritte des Kabaretts Wischewaschbrett, die vielen Betriebsfeiern, die Jugendtanzveranstaltungen, Blasorchester und, und, und – kurzum, an Seehausens einstiges Herz. An den Ort, wo Seehausens Bären steppten. Einer davon war Ingo Hoffmann alias Hoffi, der mit der Band Saitensprung im Kulturhaus probte, von 1988 bis 1992 „kulturpolitischer Mitarbeiter“ – Mann für alle Fälle –des Hauses war und schließlich in neuer Zeit gekündigt wurde. „Und ich hatte eigentlich überhaupt keinen Bock mehr, dieses Gelände nochmal zu betreten“, sagte Hoffmann, der nun doch nochmal kam und auf einer provisorischen Bühne aus Euro­paletten Platz nahm. Mit Mikro, Gitarre und Co. Das 23. Bergfest war dank „Hoffi“ ein musikalisches. Hits der 1960 und 1970er passten in die Weißt-du-noch-Stimmung. „Man hätte das Kulturhaus erhalten können und müssen. Seehausen ist Identität verloren gegangen“ – auch Hoffi verwendete diesen Begriff.

Werner Much sagt, „die Wischelandhalle und das Kulturhaus, das kann man von der Atmosphäre her einfach nicht miteinander vergleichen“. Indes richtet Ute Voigt von der Bergfest-Initiative den Blick nach vorn: „Man kann nicht zurückbringen, was weg ist.“ Es gehe nun darum, in der Stadt etwas anderes los zu machen. „Es gibt so viele spannende Gebäude in Seehausen.“ Und wenn sie nicht mehr da sind, kann man sich auch einfach im positiven Sinne an sie erinnern. Ein paar Bilder an die Wäscheleine hängen, Bier verkaufen, Pro­tagonisten von einst aktivieren und freundlich einladen. Das kann richtig gut werden.

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