Gedenkstunde

Tschernobyl ist nicht vorbei

Tschernobyl ist 30 Jahre her. Nach der Wende formierte sich in der Altmark ein Hilfswerk, das bis heute Kinderaufenthalte organisiert.

Von Von Jörg Gerber

Seehausen l Schweigend zündet Veronika Benecke die Tschernobylkerze in der katholischen Kirche in Seehausen an. „Diese Kerze brennt in Erinnerung an die Opfer, die es gegeben hat und die es noch geben wird“, mahnt sie. Und: „Tschernobyl ist noch nicht vorbei“.

30 Jahre Tschernobyl (Ukraine) und fünf Jahre Fukushima (Japan) – zu einer würdigen Stunde des Gedenkens in Erinnerung an zwei Reaktorkatastrophen hatte das Hilfswerk „Kinder von Tschernobyl eingeladen und konnte dazu auch Frauen und Männer aus dem weißrussischen Partnerkreis Narowlja begrüßen.

Vor 30 Jahren zerstörten zwei Explosionen Dach und Kern von Reaktor vier im Atomkraftwerk Tschernobyl. Rund 190 000 Kilo hochradioaktives Material befanden sich zu dem Zeitpunkt im Reaktor. Die Strahlungskraft, die durch die Explosion freigesetzt wurde, war laut eines aktuellen Berichtes der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) 200 Mal so stark wie die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen.

Der Wind verbreitete die radioaktive Wolke über weite Teile der Sowjetunion sowie Europas. Die Folgen für Mensch und Umwelt waren gewaltig. Etwa 400 000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. 8,3 Millionen Menschen lebten plötzlich in kontaminierten Gebieten. Die Zahl an Krebserkrankungen in der Sowjet­union aber auch in Europa stieg in den nächsten Jahren stark an. Bis heute sind die Auswirkungen der Katastrophe auf die Gesundheit von Mensch und Umwelt nachweisbar.

Dolmetscherin Tamara Dawidowitsch erinnerte in Wort und Bild an die Katastrophe und an ein Gebiet, in dem 485 Dörfer verloren gingen, 70 davon dem Erdboden gleich gemacht wurden. Jeder fünfte würde noch oder wieder auf verseuchtem Gebiet wohnen und nur jeder 14. sterbe dort an Altersschwäche.

Weißrussische Politiker, allen voran der Präsident Alexander Lukaschenko, sagen, dass inzwischen alles sauber sein soll. Deshalb würden Farmen und Fabriken im verstrahlten Gebiet gebaut. Und die Menschen nähmen es hin.

Ihnen und vor allem den Kindern dort zu helfen, hat sich das Hilfswerk auf die Fahnen geschrieben. So auch Hannes Harthun, der selbst mit einer Gruppe schon vor Ort war und bei der Gedenkveranstaltung darüber mit zahlreichen Bildern berichtete. Bei allem Ernst und aller Trauer konnte er aber auch von einfachen und sehr gastfreundlichen Menschen berichten. In jedem Ort seien sie sehr herzlich aufgenommen worden. Auch wenn die Menschen dort keine hohe Lebenserwartung hätten, würden sie ihre Kultur erhalten. Natur, Tiere, Pflanzen, alles soll sich wieder entwickeln.

Hatten die Altmärker früher Hilfstransporte organisiert, mussten diese eingestellt werden, weil die bürokratischen Hürden unüberwindbar wurden. Heute, so die Hilfswerk-Vorsitzende Veronika Benecke, sind es vor allem die Aufenthalte der Kinder aus Narowlja, die der Verein in der Altmark organisiert. „Unsere saubere Luft, unser sauberes Essen“, so die Vorsitzende, „hilft dabei, das Immunsystem der Kinder zu stabilisieren. Ein vierwöchiger Aufenthalt in der Altmark stabilisiert für zwei Jahre“.

Musikalische Unterstützung bei der Gedenkstunde gab es durch den Seehäuser Gospelchor unter der Leitung von Ralph Netal. Zu Beginn der Feierstunde, zwischen den Vorträgen und zum Abschluss erklangen die Lieder, wobei die Gäste auch zum Mitsingen eingeladen wurden. Vor dem Gotteshaus wartete dann noch Deftiges vom Grill und frischer Kuchen auf die Besucher, und so konnte sich auch noch bei einem Getränk mit den Gästen aus Weißrussland ausgetauscht werden.