Osterburg l Eine sehr interessiert lauschende Zuhörergemeinde hatte Wolfgang List am Dienstagabend in der Stadt- und Kreisbibliothek um sich. Mit zahlreichen zeitgenössischen Fotos von der Pferdebahn über die eingesetzten Lokomotiven, Wagen und so weiter bis zu damaligen Fahrplänen machte der Stendaler Eisenbahnhistoriker seinen Vortrag anschaulich. Der betraf die Kleinbahnen Goldbeck-Werben und Osterburg-Deutsch-Pretzier.

„Dass ich heute hier bei Ihnen bin, ist Dietrich Engel zu verdanken, der hier auch unter uns sitzt. Er hatte die Idee mit dem Vortrag zu diesem Thema.“ Und Bibliotheksleiterin Anette Bütow ließ das Publikum wissen, dass sie dem Vorschlag gern nachgekommen sei, weil Vorträge historischer Art gut angenommen würden und es sicher nicht der letzte bliebe.

Eine Pferdebahn war gewissermaßen auch die Keimzelle der Bahnverbindung Goldbeck-Werben. „Der Unternehmer und Hauptaktionär einer Zuckefabrik AG in Magdeburg Bernhard Freise hatte die Rittergüter Rohrbeck und Iden gekauft und vornehmlich Zuckerrüben angebaut. Um die Rüben schnell und kostengünstig an die Hauptbahn Wittenberge-Magdeburg in Goldbeck transportieren zu können, ließ er 1884 eine Pferdebahn von Giesenslage zum Bahnhof Goldbeck bauen. Der damalige Bürgermeister von Werben, Boetel, wollte die Strecke bis Werben verlängert haben. Freise stellte aber die Bedingung, dass sich die Stadt Werben dann daran finanziell beteiligen sollte. Boetel lehnte ab. Nach dem Inkrafttreten des Preußischen Kleinbahngesetzes im Jahre 1892 gründete Freises Sohn Philipp eine GmbH und wandelte die Pferdebahn am 1. Oktober 1898 in eine normalspurige Kleinbahn um, die dann auch Werben mit der Hauptstrecke Wittenberge-Stendal verband. 1906 schloss sich in Werben eine Verlängerung zum Hafen an, die nur dem Güterverkehr diente. Damit betrug die Streckenlänge dieser Kleinbahn 21 Kilometer. Sie wurde 1946 den Sächsischen Provinzbahnen GmbH unterstellt, am 1. April 1949 von der Deutschen Reichsbahn übernommen, die den Betrieb bis zum 25. September 1971 aufrechterhielt.

Bilder

Den zweiten Teil seiner Darlegungen widmete List der Kleinbahn Osterburg-Deutsch-Pretzier. Die 39 km lange, normalspurige Bahnlinie wurde am 15. Juli 1914 eröffnet. Zur Würdigung dieses Anlasses hatten sich damals mehrere hundert Personen in den Sälen des „Goldenen Löwen“ und des Schützenhauses versammelt und tüchtig gefeiert. Die Bahn verband Osterburg, gelegen an der Hauptbahn Wittenberge-Stendal, mit Deutsch-Pretzier an der Hauptbahn Salzwedel-Stendal.

Einnahmen nach Krieg

Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg blieben die Einnahmen aus der Bahn unter den Erwartungen. 1916 wurden 82.600 Personen und reichlich 53.000 Tonnen Güter befördert. 1939 waren es 99.000 Personen und rund 53.200 Tonnen Güter.

Am 1. April 1949 wurden die Kleinbahnen der Deutschen Reichsbahn angegliedert. Nach und nach wurden in den 1960er und 1970er Jahren Streckenabschnitte stillgelegt und vor allem in der Personenbeförderung mit Bussen als Schienenersatzverkehr weitergeführt. Die Einstellung des Personenverkehrs erfolgte am 29. September 1975 und die des Güterverkehrs am 26. September 1976.