Salzwedel l Bevor die Besichtigung der Notunterkunft in der Kollwitz-Turnhalle beginnen kann, bittet Hans Thiele seine Besucher um einen Augenblick Geduld. Kurzfristig muss ein Mädchen ins Krankenhaus gebracht werden. Während die Flüchtlinge in der Halle Tischtennis spielen oder sich unterhalten, ihre Handys aufladen oder Tee trinken, informiert der Dezernent der Kreisverwaltung dann die Europa-Abgeordnete Ska Keller und ihre Begleiter über die aktuelle Situation im Altmarkkreis.

Platz schaffen

Jeweils am Freitagnachmittag treffen neue Flüchtlinge aus der Erstaufnahmestelle in Klietz ein und werden zunächst in der Turnhalle der ehemaligen Kollwitz-Schule untergebracht. Wer kommt, wisse man im Vorfeld nie, so Thiele. Waren es am letzten Freitag im November vor allem alleinreisende Männer, kamen am ersten Dezember-Freitag Familien, 56 Personen, darunter 19 Kinder und ein querschnittsgelähmter Mann. Dieser sei glücklicherweise mit zwei Brüdern unterwegs, die ihm in der nicht behindertengerecht eingerichteten Turnhalle zur Seite stehen. „Und nächsten Freitag müssen wir wieder Platz für 68 Personen schaffen“, fügt Hans Thiele hinzu.

Kurze Verweildauer

Die Verweildauer in der Turnhalle solle möglichst kurz sein. Vor allem die Familien werden schnellstmöglich in Wohnungen untergebracht. „Wir brauchen fünf bis zehn Wohnungen pro Woche“, sagt Thiele. Ein sogenannter Wohnungsscout sei nur damit beschäftigt, Wohnungen zu finden, vier weitere Mitarbeiter damit, Mobiliar zu beschaffen. Inzwischen sei man dazu übergangen, Holzmöbel im Karton zu beschaffen. Der Kreis mietete eine Halle an, ein Tischler fungiere dort als Hausmeister und Asylbewerber schrauben die Möbel zusammen.

Wohnungsnot

Trotz Leerstandes sei es schwierig, Wohnungen zu beschaffen. „Viele sind einfach nicht mehr vermietbar“, fasst der Dezernent zusammen. Große Unterstützung erhalte der Kreis von der Salzwedeler Wohnungsbaugesellschaft, die bislang 80 Wohnungen zur Verfügung gestellt habe. Wenn ganze Familien in den Dörfern untergebracht werden sollen, müsse immer ein ehrenamtlicher Ansprechpartner vorhanden sein. Die Bereitschaft, in ein Dorf zu ziehen, steige, wenn mehrere Familien auf einmal dort untergebracht werden.

Ambulante Sprechstunde

Viel sei unternommen worden, um etwaiges Konfliktpotenzial zu minimieren. Angefangen mit mobilen Zwischenwänden über möglichst viele Toiletten bis hin zu WLAN, Steckdosen, um die Handys aufzuladen, und den Fernsehraum, in den sich Erwachsene zurückziehen können, wenn Kinder schlafen und in dem morgens für alle zwei Stunden Deutschunterricht stattfindet. „In Klietz ist die Turnhalle schon als ,Café Oriental‘ bekannt, weil es hier rund um die Uhr schwarzen Tee mit viel Zucker gibt“, fügt Hans Thiele schmunzelnd hinzu. Dennoch habe es in den zurückliegenden Wochen so manche Lehrstunde in Sachen kulturelle Besonderheiten und Essgewohnheiten gegeben.

Neue Quartiere

125 Plätze wurden inzwischen in der Turnhalle eingerichtet, in der ehemaligen Welling-Schule an der Schillerstraße entstehen weitere 100, an der Gemeinschaftsunterkunft sollen vor allem allein reisende Männer in Leichtbauhallen untergebracht werden, Platzkapazität 150. Im März 2016 soll der Umbau der ehemaligen Kollwitz-Schule abgeschlossen sein. 170 Asylbewerber können dort untergebracht werden. „Aber pro Monat kommen etwa 250“, so Thiele weiter. Die ersten Anhörungstermine beim Bundesamt für Migration gebe es übrigens im April.

Sprachkundige Hilfe

Inzwischen kann Hans Thiele auch auf Sozialpädagogen mit irakischen und jordanischen Wurzeln zurückgreifen, dazu weitere Helfer mit den erforderlichen Sprachkenntnissen. Positiv sei auch, dass es im Altmark-Klinikum Ärzte gebe, die aus Syrien, dem Irak und Afghanistan stammen. Es sei geplant, eine ambulante Sprechstunde im Krankenhaus aufzubauen.

Für Kosten komme derzeit der Altmarkkreis auf, beantwortet Thiele eine Frage Ska Kellers. „Ob wir das Geld wiederkriegen, wissen wir nicht. Wir hoffen, dass die Maßnahmen der Politik irgendwann an der Basis greifen.“