Salzwedel l „Über Stock und über Steine, aber brich dir nicht die Beine“, heißt es in einem Kinderlied von 1807. Davon können gerade die Senioren der Stadt ein Lied, vielmehr ein Klagelied singen. Für sie wird ein Spaziergang häufig zur Qual. So auch für die Salzwedelerin Christel Sieler. Die 81-Jährige geht regelmäßig mit ihrem Rollator an der Lüneburger Straße entlang zur Volkssolidarität. Viele Gehwegplatten sind durch Wurzeln angehoben, klagt sie. Die Rentnerin muss sich konzentrieren auf dem langen Fußweg nicht zu stolpern: „Daher gehe ich schon auf dem Rasen.“ Der Gehweg als Hindernis, das kennt auch Käthe Oehrling. „Wenn ich zur Löwenapotheke gehe, am Abzweig Jenny-Marx-Straße, habe ich Probleme“, klagt die 80-Jährige: „Er ist viel zu schmal und abfällig.“ Das bemängeln auch jüngere Salzwedeler, die ohne Rollator auf die Straße ausweichen.

Ausweichen auf die Straße

Das macht auch Rollstuhlfahrer Reiner Benecke, wenn es für ihn mal wieder kein Weiterkommen auf den Wegen gibt. Auch er ist häufig in der Innenstadt unterwegs, kennt die Tücken des Pflasters. „Am Stappenbeckschen Haus ist der Weg ausgespült“, sagt er. Das ist gerade insofern problematisch, als dass in der Straße An der Mönchskirche Mediziner, Optiker und eine Krankenkasse ihren Sitz haben. Daher wird der Bereich auch oft von erkrankten und älteren Menschen aufgesucht. Auch in der St.-Ilsen-Straße haben Senioren Probleme. „Mit dem Rollator kommt man da nicht lang“, ärgert sich die 77-jährige Gudrun Marquis. Ihre Freundinnen nicken ihr in der Volkssolidarität bestätigend zu. Der Weg ist an vielen Stellen für einen Rollator oder Rollstuhl zu schmal, ärgert sie sich. In das gleiche Horn stößt auch Brigitte Schrank. Sie ist mit ihrem Rollator gerade auf dem Weg zu einem Orthopäden. „Die Gehwege im Süd- und Nordbockhorn sind eine Katastrophe“, bringt es die 88-Jährige auf den Punkt. Parkende Autos schmälern den Gehweg und erschweren die Situation für sie massiv. Wieder stößt sie an eine Kante auf dem Fußweg, muss ihren Rollator im hohen Alter darüber hieven. Eine andere Möglichkeit bleibt der Salzwedelerin nicht: „Ohne meinen Rollator bin ich aufgeschmissen.“ Den Rückweg bestreitet sie daher mit einem Taxi. Zweimal täglich schafft sie die Tortur nicht, erklärt sie.

Selbsttest mit Rollstuhl

Das Klagelied über die Gehwege ist immer gleich: kaum zu überwindene Borsteinkanten, teilweise 20 Zentimeter hoch. Löchriges Pflaster in dem die Räder oder die Gehilfen stecken bleiben. Kaputte Platten die gerade bei Dunkelheit zur Stolpergefahr werden. Spurrillen und abschüssige Wege, die das Gleichgewicht stören. Die von Senioren beschriebenen Zustände schaute sich die Volksstimme genauer an. Mit einem Rollstuhl machten sich Volontär Mike Kahnert und Redakteur Alexander Rekow auf den Weg. Und tatsächlich, an vielen Stellen war für den Rollstuhl auf dem Gehweg kein Platz. Wenn doch, sorgten die Unebenheiten für Schwierigkeiten. In der Holzmarktstraße, Ecke Kramstraße, war gar kein Weiterkommen. Da half kein rütteln, schieben oder ziehen. Passanten, die den Test beobachteten, klagten ebenfalls über den Zustand. Eine Anwohnerin spricht gar von Wegen aus DDR-Zeiten.

Bilder

Dass die Situation für Rollstuhl- und Rollatorfahrer in Salzwedel schwierig ist, weiß auch Petra Reichel vom Sanitätshaus Bielefeld in Salzwedel. Gerade für holpriges Pflaster empfiehlt sie daher größere Räder an den Rollatoren, zusätzlich noch eine Federung. Doch die sind wesentlich teurer als die Herkömmlichen und somit mit schmaler Rente häufig nicht finanzierbar.

Stadt ist klamm

„Im Zuge von Sanierungsarbeiten wurde in den vergangenen Jahren mit Rücksicht auf die Belange der älteren Bevölkerung fußfreundliches Pflaster verlegt“, heißt es von Stadtsprecher Andreas Köhler aus dem Rathaus. Sollten dennoch Probleme auftauchen, würden diese umgehend beseitigt. Er pocht darauf, dass die klamme Stadt nicht alle Ausbesserungen auf einmal stemmen könne. Angesprochen auf die Ziele aus 2011, eine barrierefreie Kommune werden zu wollen und ob dies noch weiter verfolgt werde, gab es indes keine Antwort.