Jugendamt

Bei Kinderleid nicht wegschauen

Unter der Corona-Pandemie im Altmarkkreis Salzwedel haben auch die Schwächsten der Gesellschaft zu leiden - Kinder und Jugendliche.

Salzwedel l Mitte März schlossen die Schulen und Kindertagesstätten, für Spielplätze galt „Betreten verboten“, niemand sollte ohne triftigen Grund das Haus verlassen: für Familien eine harte Zeit. Das Presseteam des Altmarkkreises informierte seit Anfang April regelmäßig über Beratungsmöglichkeiten, wenn Konflikte eskalieren, es zu Streit oder gar zu häuslicher Gewalt kommt. Im Jugendamt machten sich die Mitarbeiter in dieser Zeit Sorgen, dass Fachkräfte in Einrichtungen und Schulen, die erkennen, wenn es ihren Schützlingen schlecht geht, nun keinen Blick mehr darauf haben und die Kinder und Jugendlichen in Notlagen sich selbst überlassen sind, erzählt Anke Siebenthaler, Leiterin des Jugendamtes.

Das sei aber nicht der Fall gewesen. Die Meldungen darüber seien weiterhin eingegangen, es habe aber keinen Abbruch oder Anstieg gegeben. 2019 seien es 133 gewesen, davor 165 und 2020, bis Ende November 131. Es habe auch schon Jahre gegeben, in denen mehr als 200 Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung, wie es im Verwaltungsdeutsch heißt, an das Jugendamt gemeldet wurden.

Wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Das Statistische Bundesamt hatte für 2019 bundesweit einen Anstieg der Kindeswohlgefährdungen um zehn Prozent verzeichnet, die Jugendämter hatten rund 49  500 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen.

Die sogenannten Hilfen zur Erziehung seien weiter gelaufen, auch im ersten Lockdown. Wenn keine Hausbesuche möglich waren, hätten sich die Betreuer und ihre Klienten draußen getroffen. Konzepte seien neu festgelegt worden. Alle Träger der Familienhilfe, wie der Paritätische, die Arbeiterwohlfahrt und der Verein für berufliche Bildung, standen während der gesamten Zeit der Pandemie zur Verfügung.

Die sechs Tagesgruppen im Kreis waren zeitweise geschlossen. Die Einrichtungen, in denen Kinder bis zwölf Jahre nach der Schule betreut werden, öffneten schrittweise wieder, um die schulische Förderung zu gewährleisten. Zuvor sind Hygienekonzepte entsprechend der jeweiligen Räumlichkeiten erarbeitet worden. Selbst die offene Jugendarbeit, also Klubs, konnten unter diesen Voraussetzung weiter öffnen. „Um die Entwicklung nicht zu gefährden“, sagt die Amtsleiterin.

Schwieriger sah es in den Heimen aus. 270 Plätze gibt es im Altmarkkreis. Im Durchschnitt leben in den Häusern acht bis zehn Jungen und Mädchen. Bislang seien sie von positiven Corona-Fällen verschont geblieben. Aber Mitarbeiter hätten sich bereit erklärt, in einer Quarantänesituation 14 Tage rund um die Uhr die Betreuung abzusichern. Die Amtsleiterin bescheinigte den Beschäftigten in den Heimen großes Engagement. Vor allem, als Schulen und Kitas geschlossen waren und vor dem Hintergrund, dass viele Freizeitaktivitäten nur eingeschränkt oder gar nicht möglich sind.

Zudem gibt es im Kreis rund 100 Pflegestellen in Familien. Sie nehmen überwiegend Kleinkinder auf. Aber selbst in diesem Alter gebe es Fälle, in denen die Kinder aufgrund des Erlebten so belastet sind, dass sie professioneller Betreuung bedürfen und in Heimen untergebracht werden müssten. „Zum Beispiel aufgrund von psychischen Problemen“, erzählt Siebenthaler. Deshalb gebe es im Kreis die Vielfalt an Einrichtungen und ein Netzwerk, in dem im Ernstfall viele Beteiligte zum Wohl der Kinder agieren können, berichtet die Amtsleiterin weiter.

Sie appelliert an alle, die im Nachbar- und Bekanntenkreis oder auch in der Familie bemerken, dass sich ein Kind in einer Notlage befindet, dieses sofort dem Jugendamt zu melden. Die Fachleute können dann nach einem Punktesystem die Gefährdung einschätzen und handeln. Wer das, obwohl er davon Kenntnis hat, unterlässt, macht sich strafbar.

Auch die Fälle häuslicher Gewalt scheinen sich im Altmarkkreis in den Grenzen der Vorjahre zu halten. Das Frauen- und Kinderhaus in Salzwedel ist nicht stärker frequentiert als vor der Pandemie, informiert Mitarbeiterin Ursula Binde auf Nachfrage.