Salzwedel l „Mit uns spricht keiner“, ärgert sich Allgemeinmedizinerin Karin Willert. Sie und ihre Kollegen in der Salzwedeler Hausarztpraxis fühlen sich in der derzeitig angespannten Situation allein gelassen. Aufgrund des Ärztemangels in der Region haben die Mitarbeiter der Praxis ohnehin alle Hände voll zu tun. Mit dem Coronavirus hat sich die Lage weiter zugespitzt. Bereits am Montagvormittag (16. März) kurz nach halb 9 hatte Karin Willert knapp 80 Patienten. Ein Ende nicht in Sicht.

Doch das eigentlich Dramatische: „Wir haben keine Schutzmittel“, klagt sie, „wir stehen an der ersten Front“. Gummihandschuhe und einen Operationsmundschutz, mehr stehe nicht zur Verfügung. „Wir haben weder ‚FFP-2-Masken‘ noch Einwegmaterialien“, sagt sie. Schutzmasken der Klasse „FFP2“ eignen sich für Umgebungen, in denen sich gesundheitsschädliche und erbgutverändernde Stoffe in der Atemluft befinden. Doch wenn sie Patienten auf Corona testen muss, benötigt sie genau diese Utensilien, um sich nicht selbst und ihre Schwestern in Gefahr zu bringen.

Enorme Herausforderung

Daher fordert die langjährige Medizinerin das sofortige Aufstellen von Fieberzentren. Also Einrichtungen, die die Menschen auf Covid-19 testen. „Sonst kommen die Menschen mit hohem Ansteckungspotenzial zu uns.“ Das Ende vom Lied könnte eine für zwei Wochen geschlossene Arztpraxis in Salzwedel sein. Das könnte die verbleibenden Praxen in dieser Situation vor enorme Herausforderungen stellen. „Das kann doch nicht Sinn der Sache sein“, sagt Willert und appelliert an die Altmärker, bei Verdacht zum Telefonhörer zu greifen, statt in die Praxen zu gehen.

„Wir werden landesweit Fieberzentren errichten“, verspricht Mathias Tronnier, geschäftsführender Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA). In Magdeburg sei am Wochenende eines aus dem Boden gestampft worden. Auch die ehemaligen Kreisstädte habe man im Auge. Derzeit würde die KVSA nach der nötigen Infrastruktur und medizinischem Personal Ausschau halten. „Wir haben Ruheständler angeschrieben und Ärzte um Unterstützung gebeten“, so Tronnier. Auch Krankenschwestern würden benötigt.

Suche nach Schutzausrüstung

Das Problem mit der Schutzausrüstung ist auch der KVSA bekannt. „Wir sind auf der Suche nach Beständen“, versichert Mathias Tronnier. Dies werde auch zu „horrenden Preisen“ aufgekauft. Doch in erster Linie müssten die Fieberzentren ausgestattet werden. Man habe das Problem aber auf dem Schirm und bemühe sich.

Auch Ivonne Bolle, Sprecherin des Altmark-Klinikums, weiß um die Wichtigkeit der Fieberzentren und kann der KVSA eine gute Nachricht machen. „Wir stellen dafür das Haus 5 (Anm. der Red.: ehemalige Kinderstation und spätere Tagesklinik in Salzwedel) des Krankenhauses für ein Fieberzentrum zur Verfügung“, sagt sie im Gespräch mit der Volksstimme. Personal könne das Krankenhaus in der derzeitigen Situation aber nicht stellen.

Das Altmark-Klinikum hat zudem seine Türen vorerst für Besucher geschlossen. „Wir haben eine Fürsorgepflicht unserem Personal und natürlich den Patienten gegenüber“, teilt Michael Schoof, Medizinischer Geschäftsführer des Altmark-Klinikums, mit.

74 Personen in Quarantäne

Unterdessen hat Landrat Michael Ziche am Montagabend (16. März) bekanntgegeben, dass der Altmarkkreis seinen zweiten bestätigten Fall hat. Dabei handelt es sich um einen jungen Mann, der mit dem ersten Infizierten aus Gardelegen zusammen in Südtirol im Urlaub war. Es gehe ihm gut und er sei in Quarantäne. Aktuell befinden sich 74 Personen im Altmarkkreis in Quarantäne.

Seit Montag (16. März) sind Schulen und Kitas im Kreis geschlossen. Doch Kinder mancher Eltern haben einen Anspruch auf Betreuung. „Wenn Eltern zum Beispiel in der medizinischen, pflegerischen und pharmazeutischen Versorgung der Bevölkerung und der Aufrechterhaltung zentraler Funktionen der Daseinsvorsorge des öffentlichen Lebens tätig sind, können sie für ihre Kinder die Notbetreuung in Anspruch nehmen“, teilt der Landrat mit.

Dazu gehören: Alle Einrichtugen der Gesundheits- und Arzeneimittelversorgung, der Pflege, der Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, der Justiz- und des Maßregelvollzugs, der Landesverteidigung, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, Behörden des Arbeits-, Gesundheits- und Verbraucherschutzes, Einrichtungen der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr (Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz), Einrichtung der öffentlichen Infrastruktur (Medien, Presse, Telekommunikationsdienste, Energie, Wasser, ÖPNV, Entsorgung), der Versorgung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln und zentrale Stellen von Staat und Verwaltung sowie der in der Landwirtschaft/Tierhaltung Tätigen. „Die Notbetreuung der Kinder bis zu 12 Jahren erfolgt in kleinen Gruppen in den zuständigen Kitas und Schulen der Einheits- und Verbandsgemeinden sowie des Landkreises“, so Michael Ziche.

Behörden nur eingeschränkt erreichbar

Auch in Salzwedel sind die Behörden nun nicht mehr in gewohnter Form geöffnet. „Wir bitten Sie, von persönlichen Besuchen in der Behörde beziehungsweise im Bürgercenter oder im Rathaus, Abstand zu nehmen“, teilt Bürgermeisterin Sabine Blümel mit. Stattdessen wird darum gebeten, sich telefonisch zu melden. Für die Zentrale die 03901/650, 653 50 für das Bürgercenter und 656 03 für Angelegenheiten im Bauamt. Darüber hinaus ist die Stadtverwaltung via Email zu erreichen. Dazu stehen folgende mailadressen bereit: rathaus@salzwedel.de, bauamt@salzwedel.de, ordnungsamt@salzwedel.de, standesamt@salzwedel.de, buergerbuero@salzwedel.de und kulturhaus@salzwedel.de. „Bei unaufschiebbaren Angelegenheiten melden Sie sich bitte zuvor telefonisch im Bürgercenter, dann wird ein individueller Termin vereinbart“, versichert Blümel. Bei Besuchen in Ämtern wird man aufgefordert, sich auszuweisen und seine persönlichen Daten anzugeben.