Salzwedel l Jeder, der mit offenen Augen durch die Landschaft fährt, wird es bemerkt haben. Zahlreiche Bäume im Wald- und an Straßenrändern oder in Gärten und Parkanlagen sind abgestorben oder schwer geschädigt. Besonders häufig haben es Birken oder Fichten nicht geschafft, das Dürrejahr 2018 zu überleben. Fichten sind Flachwurzler und können die tieferen Bodenschichten nicht erschließen. Birken gelten als wahre „Wasserzieher“, erklärt der Forstamtsleiter.

Zu wenig Regen

Dabei sei das vergangene Jahr mit einem Überschuss an Wasser gestartet, der Schwamm war zu 90 Prozent gefüllt, erklärt er. Aber am Ende haben 200 bis 250 Liter je Quadratmeter gefehlt. Bis zum aktuellen Stand hat es 180 Liter je Quadratmeter geregnet. „Das ist viel zu wenig“, erklärt er. Der Niederschlag sei nur oberflächlich angekommen. Für einige Kulturen der Landwirtschaft habe es noch dafür gereicht, dass es Grün aussehe, aber nicht im Wald. Der Dürremonitor des Helmholtzinstituts, weist für die nördliche Altmark in 1,8 Metern Tiefe eine außergewöhnliche Trockenheit aus. Das ist die höchste Stufe.

Jachalke hat verfolgt, dass seit Mitte der 80er Jahre die Jahres-Durchschnittstemperaturen kontinuierlich angestiegen sind. „Genau wie es die Klimaforscher vorausgesagt haben“, konstatiert er.

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Ob Buchdrucker und Kupferstecher in den Fichten, Lärchrenborkenkäfer oder Großer Waldgärtner in den Kiefern – für die Schädlinge hat das große Fressen begonnen. Sie vermehren sich massenhaft und befallen die geschwächten Bäume. Und das in einem nie da gewesenen Ausmaß. Eine derartige Situation in den Wäldern hat der Forstamtsleiter in seiner langen Berufstätigkeit noch nie erlebt, wie er sagt.

Tote Kiefern

Und auch Frank Harder nicht, der das Revier rund um Fleetmark betreut. In einem Waldstück der Gemarkung Rademin zeigt er in einem Mischwald, dass abgestorbene Lärchen neben toten Kiefern stehen. Die dazwischen wachsenden Eichen sind vom Eichenprozessionsspinner so geschädigt, dass sie fast keine Kronen mehr aufweisen. Da bleibt nur eins: Kahlschlag. Und das so schnell wie möglich, um die weitere Ausbreitung der Borkenkäfer aufzuhalten.

Dieses Schicksal hat bereits 15 Prozent der Fichtenbestände im Altmarkkreis ereilt, wie Jachalke berichtet. Im Revier Jeggeleben von Lutz Kuhfahl ist bereits ein Drittel der Fichten der Säge zum Opfer gefallen. Wenn es so weiter gehe, seien es bis zum Ende des Jahres 60 Prozent. Auf einem Kahlschlag, an dessen Rand weitere trockene Fichten, stehen hat er einen Borkenkäferfangbaum aufgestellt. Mit einem Köder werden die Insekten angelockt, die sich dann in die vergiftete Rinde bohren und sterben. Mit den Fangeinrichtungen wird versucht, die Käfer, die fliegen, anzuziehen und so einen Teil der Population abzuschöpfen.

Am Rand der abgeholzten Fläche türmt sich ein riesiger Haufen mit Fichtenkronen. „Das nimmt einen psychisch mit, wenn man durch den Wald fährt und sieht, wie die Arbeit von Jahrzehnten den Bach runtergeht“, sagt der Revierförster.

Schädlinge fangen

Fichten, Buchen, Kiefern Lärchen: in den von Joachim Bernickel betreuten Wäldern sieht es genauso aus, wie in den anderen Revieren. Gemeinsam mit Auszubildenden hat er die nagelneuen Fallen, die Trinet genannt werden, aufgestellt. Dabei verfangen sich winzige Käfer in engmaschigen Netzen. „Es funktioniert“, stellte der Revierförster erfreut fest. Denn schon wenig später hing das Netz voller Schädlinge.

Nicht nur Nadel- sondern auch Laubbäume wie Buchen in einem Naturschutzgebiet nahe des Grünen Bandes hat es dahingerafft. „Wenn die Dürre vorbei ist, wird der Wald nicht mehr aussehen wie vorher“, sagt der Forstamtsleiter.

An den Waldwegen türmen sich die zur Abholung aufgestapelten Stämme des Käferholzes, wie es genannt wird. Und bei diesem geht es nicht mehr darum, einen möglichst hohen Preis zu verhandeln, sondern nur, Kontingente zur Abholung zu bekommen. Die Aufnahmefähigkeit der Industrie sei erreicht. „Es muss aber so schnell wie möglich raus aus dem Wald“, erklärt Jachalke.

Doch nicht nur das Holz loszuwerden, ist schwierig. Es sind kaum noch Maschinen für die Fällarbeiten zu bekommen. Alle Unternehmer, mit denen das Betreuungsforstamt zusammenarbeitet, sind voll ausgelastet. Wenn sie an einer Stelle fertig sind, geht es sofort zur nächsten. „Das Management, den stehenden Befall zu beseitigen, ist eine große logistische Herausforderung“, sagt er.

Revierförster am Limit

Genauso aufwändig sei das Aufstellen, Kontrollieren und Leeren der verschiedenen Fangsysteme, die Kronen zu beseitigen und zu hacken und alle übrigen Arbeiten zu erledigen. „Die Revierförster sind am Limit“, schätzt er ein. An Wiederaufforstungen sei momentan nicht zu denken. Der Waldschutz gehe vor.

Doch wie soll es weitergehen mit den Wäldern. Wenn es dauerhaft nachhaltige Niederschläge gebe, erholen sie sich, schätzt Jachalke ein. Aber davon dürften die Forstwirte nicht ausgehen. Es gelte, in Zusammenarbeit mit der Forschung zu erarbeiten, wie ein Umbau der Wälder hin zu mehr Resistenz gegenüber Trockenheit und Schädlingsbefall erfolgen kann. Für die von der Bodenbeschaffenheit her meist schwachen Standorte in der Altmark sieht er die Kiefer und die Traubeneiche als am geeignetsten an. Aber das Ganze sei noch wissenschaftlich zu untersetzen.

Eichenprozessionsspinner

Momentan ist es um die Eichen schlecht bestellt. Sie leiden unter der Dürre und dem Eichenprozessionsspinner. Einige Jahre überstehen die Bäume den Kahlfraß. Aber wenn noch extremer Trockenstress, wie momentan, dazu kommt, stirbt auch das Sinnbild der Standhaftigkeit. Die befallenen Eichen haben keine Reserven mehr, über die eingeschränkte Photosynthese können sie kaum noch Energie aufbauen, erklärt Revierförster Frank Niebel. Das sei nicht nur in den Wäldern zu beobachten. Viele einzeln stehende Eichen und Gruppen, die das Landschaftsbild der Region prägen sind geschädigt und gefährdet.

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass bei einem Massenauftreten von Schädlingen die Population irgendwann aufgrund von Krankheit oder der Vermehrung von Fressfeinden zusammenbricht, hofft Helmut Jachalke.

Einen kleinen Lichtblick dahingehend gibt es im Revier von Frank Niebel. Dort sind die Waldränder zum Schutz der Bevölkerung gegen den Eichenspinner aus der Luft gespritzt worden. „Ich habe den Eindruck, dass es in diesem Jahr besser geholfen hat“, sagt er. Der Blattfraß sei nicht mehr so stark, wie in den Vorjahren und es gebe weniger Nester mit den Raupen an den Bäumen.