Salzwedel l Zertrümmerte Scheiben, der Schaukasten kaputt, ein Jugendlicher schwer verletzt: Der Überfall auf das Hanseat am 7. September hat Salzwedel deutschlandweit in die Schlagzeilen gebracht. Die Angreifer kommen laut Polizeiangaben kurz vor Mitternacht. Sie bringen martialische Schlagwerkzeuge mit, haben Sturmhauben auf und suchen Gewalt. Das Personal des Clubs informiert sofort die Polizei. Die Täter flüchten, ein 19-Jähriger wird in einem Fluchtfahrzeug festgenommen. Die Polizei ordnet ihn der rechten Szene zu und spricht von zehn Tätern, wie Polizeioberkommissar Stephan Blum vom Salzwedeler Polizeirevier auf Nachfrage mitteilt.

Ermittlung wegen Landesfriedensbruch

Die Tatmotivation sehen die ermittelnden Beamten darin, dass das Hanseat auch von Angehörigen der linken Szene besucht wird. Ein Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs ist eingeleitet. „Die Ermittlungen dauern an“, sagt Blum zum weiteren Vorgehen. Es ist bereits Anzeige erstattet worden.

Eine verstärkte Polizeipräsenz habe es wegen des Vorfalls nicht gegeben. Allerdings sind am 8. September verstärkt Einsatzwagen im Stadtbild zu sehen gewesen.

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Blutlache auf den Fliesen

„Wir hatten an dem Abend Kneipenbetrieb“, sagt Claudia Gentz, Mitarbeiterin im Hanseat, die an dem Abend hinterm Tresen stand. Auch vor dem Club hätten einige Personen gesessen, erinnert sie sich. „Plötzlich höre ich wie gegen die Scheiben geschlagen wurde – unsere Gäste sind vom Sofa hoch gesprungen.“ Panik macht sich breit, Scheiben zersplittern. „Ich bin dann raus und habe gesehen wie fünf Vermummte wegliefen“, erzählt sie, dann ist sie wieder rein. Ein Jugendlicher ist vor der Gewalt in den Club geflüchtet. Mit schweren Kopfverletzungen wird der 17-Jährige im Hanseat erstversorgt und schließlich zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht. „Er hat auf jeden Fall eine große Platzwunde“, sagt Claudia Gentz. Auf den Fliesen stellt sie eine große Blutlache fest. Der junge Mann habe sich beklagt, er bekäme keine Luft und hätte Schmerzen. Die Gewalt schockiert die Mitarbeiterin des Hanseats: „Die haben wahllos und scheinbar ohne Motiv mit Baseballschlägern und Latten zugeschlagen.“ Auch auf den Kopf des Jugendlichen, dessen Wunde genäht werden musste.

Marian Stütz, Chef des Hanseats, hat gehört, dass im Vorfeld einige Personen durch die Altperverstraße gejagt worden seien. Dort befindet sich das soziokulturelle Zentrum Hanseat, direkt gegenüber das Autonome Zentrum (AZ) „Kim Hubert“. Er vermutet, dass die Flüchtenden im Hanseat Schutz suchten.

Konsequenzen erwartet

Die Gewalt in Salzwedel beobachtet Marian Stütz schon länger, jetzt fordert er Konsequenzen. „Die Verantwortlichen sollen sich dazu bekennen, dass wir ein Problem haben“, sagt er verärgert. Dann wird der Hansa-Chef deutlich: „Ich erwarte, dass jetzt eingeschritten wird! Ob Polizei, Staatsanwaltschaft oder der Verfassungsschutz – wer auch immer.“ Aus seiner Sicht ist die Grenze endgültig überschritten. Heute will Stütz ebenfalls Anzeige erstatten.

Unangemeldete Demo

Als Reaktion auf die Ereignisse, zieht am Sonntag ein Demonstrationszug von etwa 80 Personen durch das Zentrum Salzwedels. Die Teilnehmer solidarisieren sich lautstark mit dem Opfer und dem Club Hanseat. Zwischenzeitlich hat roter Rauch die Neuperverstraße eingehüllt, welcher aus dem Zug heraus gezündet worden ist. Die Polizei erfährt durch einen Anruf von dem Aufmarsch. Erst als der Zug die Altperverstraße erreicht, sind die Beamten vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt ziehen sich Teilnehmer bereits ins AZ zurück, andere gehen. Es werde nun geprüft, „welche rechtliche Maßnahme bezüglich des Zündens des Nebeltopfes getroffen werden muss“, erklärt Polizeisprecher Frank Semisch.

Nicht alle Demonstranten sind der linken Szene zuzuordnen, auch Personen aus der bürgerlichen Mitte beteiligten sich. Demo-Teilnehmer Ulf Müller erklärt: „Mir geht es nicht um links oder rechts, sondern um Humanismus.“ Er zeigt sich ob der bundesweiten Entwicklung besorgt: „Wir müssen aufpassen, dass im Land nicht alles kippt. Wir müssen aufstehen und Haltung zeigen.“

Kritisiert wird in der Demo auch die Haltung von Landrat, Polizeichef und Bürgermeisterin, die eine rechte Szene im Kreis und den Überfall auf das Autonome Zentrum in Frage stellten.

Landrat und Bürgermeisterin entsetzt

„Ich bin entsetzt“, sagt Sabine Blümel, Bürgermeisterin in Salzwedel: „Wir verurteilen jede Radikalisierung, egal von wem sie ausgeht.“ Der Vorfall macht sie fassungslos „So etwas darf in unserer Gesellschaft keine Chance haben.“ Der Altmarkkreis habe immer versucht, sich tolerant und weltoffen darzustellen und viele Projekte dafür initiiert, viele davon im Hanseat. Er verurteile jede Gewalt, „ob von rechts oder von links“, sagt Landrat Michel Ziche.