Gardelegen/Salzwedel l 14 ist er und ein ganz normaler Jugendlicher. Disko ist cool, so weit, so normal. Dass er trotzdem noch nicht dorthin darf, obwohl er gern will, weiß er eigentlich. Dass er am vergangenen Freitagabend bis morgens um 5 Uhr mit zwei Kumpels dennoch in einer Gardelegener Diskothek feiert, hat er einem Trick zu verdanken: Anruf bei Mama: „Ich schlaf‘ bei einem Kumpel, darf ich?“ – verschafft ihm das Alibi. Mama fragt sogar noch mal beim Papa des 15-jährigen Freundes nach: „Darf er? Ja? Alles klar!“ Damit ist die Sache geritzt. Nur, dass Mama am nächsten Morgen aus allen Wolken fällt, weil sie ein Video auf ihrem Handy findet, vom Filius geschickt, das morgens gegen 3 Uhr in der Disko aufgenommen worden ist.

Zu Hause nimmt sie den Sohn ins Gebet: Ja, er war da, gibt er zu. Und ja, getrunken hat er auch. Wodka-Energie. Wie viele? „Ein paar ...“

Familiär ausgewertet

Dass die Angelegenheit familiär ausgewertet wird, ist klar. Dennoch ist seine Mama (Name der Redaktion bekannt) entsetzt: „Wie kann es sein, dass das niemandem aufgefallen ist?“, will sie wissen. Denn ihr Sohn sieht auch nicht aus wie ein 16- oder gar 18-Jähriger, sondern eben wie 14. „Wenn die da morgens angetrunken nach Hause gehen, was kann da alles passieren?“, fragt sie entsetzt.

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Was passieren kann, zeigt unter anderem der Pressebericht der Polizei vom vergangenen Wochenende. Ein 16-Jähriger, der ebenfalls in der Gardelegener Disko gefeiert hat, gerät dort mit jemandem aneinander und wird in den frühen Morgenstunden außerhalb der Disko mit Pfefferspray und Schlägen von dem Kontrahenten verletzt ...

Dass auch Jugendliche bei ihm feiern, ist Diskobetreiber Andy Jahn durchaus bewusst. Zwei Ordner hat er deshalb am Einlass, die die Ausweise kontrollieren. „Und ich mache oft auch selbst mit“, sagt er. Aber die jungen Leute seien clever. Im Gedränge rutsche da schon mal einer durch.

Schnaps vom Kumpel

Und an der Bar, warum, bekommen Minderjährige harten Alkohol? „Bekommen sie nicht“, versichert Jahn. „Sie schicken einfach einen 18-jährigen Kumpel vor. „Man kann nicht immer überall sein.“

Am Wochenende, als sich offenbar die drei Minderjährigen in der Gardelegener Disko verlustierten, sei sogar das Ordnungsamt da gewesen und habe kontrolliert. „Zum Glück“, sagt Jahn. Denn das wirke bei den Jugendlichen.

Eltern in der Pflicht

Er wisse schon, so Jahn, dass er Verantwortung habe, aber er sieht auch die Eltern in der Pflicht: „Sie sollten auch wissen, wo ihre Kinder sind.“ Und wer erlaube, dass sich unter 16-Jährige in Begleitung eines Erwachsenen in der Disko aufhalten würden, müsse auch dafür sorgen, dass um 0 Uhr für sie der Heimweg beginnt.

Die Tricks der jungen Leute kennt auch Jörn Harms, Leiter der Salzwedeler Diskothek Hangar, zur Genüge. Sie versuchten immer wieder, die Kontrollmechanismen zu unterlaufen. Dahingehend hätten er und seine Mitarbeiter am Einlass schon einiges erlebt. Der Klassiker: Den Ausweis der älteren Schwester vorlegen. „Da gibt es ja immer gewisse Ähnlichkeiten im Aussehen“, sagt er. Aber die Türsteher sind ebenfalls „mit allen Wassern gewaschen“. Achten auf Größe oder Augenfarbe.

Kontrolle am Einlass

„Wir legen großen Wert auf den Jugendschutz“, betont Harms. Deshalb werde am Einlass jeder kontrolliert. Es sei denn, es ist wirklich deutlich sichtbar, dass er älter als 18 Jahre ist. Dennoch: „Hundertprozentig klappt es nicht. Wir versuchen aber, 98 Prozent zu erreichen“, so Harms.

Auch Heranwachsende dürfen in der Disko feiern und das noch nach 0 Uhr. Möglich macht es der sogenannte Muttizettel. Also eine Vollmacht, die es erlaubt, dass 16-Jährige mit einem Über-18-Jährigen als Aufsichtperson die Veranstaltung besuchen. Darin stehen die Namen der beiden, die sich ausweisen müssen, und die Unterschrift der Erziehungsberechtigten. Der „Bevollmächtigte“ habe seine Rechte und Pflichten wahrzunehmen und stehe in der Verantwortung für seinen Schützling. Im Hangar geht das nur eins zu eins. „Also nicht, dass ein 18-Jähriger auf zwei, drei Minderjährige aufpasst“, so Harms. In der Salzwedeler Diskothek würden auch keine vorgefertigten Muttizettel ausgegeben, die eben mal um die Ecke ausgefüllt und „unterschrieben“ werden.

Wer einmal auf dem Hangar-Gelände ist, kommt nicht wieder raus, ohne noch einmal Eintritt zu bezahlen und durch die Türsteherkontrolle zu müssen. Warum? Weil, außerhalb Alkohol deponiert werde, um mal eben die Cola oder Fanta aufzupeppen.

Ältere in Verantwortung

Apropos Alkohol: Um zu unterscheiden, wer Spirituosen trinken darf und wer eben nicht, gibt es Stempel auf die Hand, die unterschiedlich platziert werden. Wer keinen hat, bekommt gar keine Getränke. Das wird von den Disko-Besuchern nicht immer klaglos hingenommen – nach dem Motto „der Gast ist König“. Doch da kennt Harms kein Pardon: „Wir haben eine Verantwortung für die Heranwachsenden.“

Trotzdem komme es vor, dass auf dem Außengelände Ältere Mixgetränke mit Schnaps an die Jüngeren abgeben. Oft mit fatalen Folgen. Wenn sie wieder reinkommen, es heiß und auch bisschen stickig ist, komme es vor, dass sie kollabieren. Auch Diabetiker, die zu tief ins Glas schauen, haben schon für Notfälle gesorgt.

Ein weiteres Problem: das so genannte „Vorglühen“. Dann kommen die Jugendlichen schon alkoholisiert an. Fällt es den Türstehern anhand von Ausfallerscheinungen auf, müssen sie draußen bleiben. Das gelingt nicht immer.

Der Chef der Disko appelliert an das Verantwortungsgefühl der Älteren für die Jugend. Aufklärung findet er besonders wichtig und verweist auf die Aktion „Don’t drink and drive“ (Trinke nicht, wenn du fährst). Junge Leute, die andere nach Hause chauffieren, bekommen im Hangar freien Eintritt und ein alkoholfreies Freigetränk. Und die Hangar-Leute kennen ihre Pappenheimer und wissen, dass keiner in zwei Monaten um zwei Jahre altern kann, erklärt er verschmitzt.

Für Kontrollen des Jugendschutzgesetzes ist das Ordnungsamt des Kreises zuständig. Sie erfolgen in Diskotheken oder bei Veranstaltungen meist in Zusammenarbeit mit den Ämtern der jeweiligen Stadt und auch der Polizei.

Übergriffe keine Seltenheit

Polizei? „Die Beamten halten sich zunächst im Hintergrund, wir haben aber schon schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt der zuständige Kreisdezernent Hans Thiele. Übergriffe von angetrunkenen und wütenden Diskobesuchern seien keine Seltenheit.

Die Überprüfungen erfolgten nach Gefährdungsanalyse, verdachtsbezogen und sonst regelmäßig. Auch dabei haben die Kontrolleure schon einiges erlebt. Etwa wenn sie Unter-18-Jährige rausholen. „Wir hatten mal 52 Jugendliche, die zu betreuen waren“, erzählt Thiele. Nicht alle Eltern waren zu erreichen oder gewillt, ihre Sprösslinge abzuholen. Einige reagierten sogar sauer, ganz nach der Devise: „Lasst die doch in Ruhe feiern.“