Salzwedel l Manche halten Enrico Dannies für verrückt. Andere ziehen ihren Hut. Der Salzwedeler will aus einem historischen Fachwerkhaus mit ehemaliger Bierstube und Brennerei wieder ein Brauhaus machen. Das Objekt hat er im Mai gekauft. Einfach wird das Vorhaben nicht. Das gesamte Gebäude hat seine besten Jahrzehnte längst hinter sich.

„Wir gehen über die Seite rein“, sagt Enrico Dannies und öffnet ein altes Holztor. Behände springt der Mittvierziger über eine alte Laderampe. Schon ist der Hof des 700-Quadratmeter-Areals zu sehen. „Hier war alles zugewuchert“, sagt er. Das Anwesen vegetiere seit den 1990ern vor sich hin. Und genau das will er ändern – oder hat er teils schon. Denn das historische Kopfsteinpflaster auf dem Hof liegt bereits frei. Alte steinerne Wasserläufe ebenso. „Dabei bin auf den Brunnen gestoßen“, erzählt er und zeigt auf einen steinernen Ring am Boden. Zumindest glaubt Dannies, dass es sich um den ehemaligen Brunnen der Brauerei und Brennerei im Wande‘schen Eck handelt. „Hier könnten sie ihr Wasser gezogen haben“, mutmaßt er.

Das „Wande‘sche Eck“, auf der Ecke Altperverstraße/Nikolaistraße, trägt den Namen der früheren Eigentümer: Wande. Die Brauerei und Branntweinbrennerei Wande soll ihr Gründungsjahr 1700 haben, heißt es in der „Chronik der Altstadt Salzwedel.“ „Albert Wande war Brauerei- und Brennereibesitzer“, weiß Stadtarchivar Steffen Langusch. Er ist 1936 im Alter von 74 Jahren an Herzlähmung gestorben. Zu Lebzeiten von Albert Wande wurde das Gebäude grundlegend verändert. So war im August 1903 in der Zeitung zu lesen, dass das „Wande‘sche Haus“ um ein Stockwerk erhöht wurde und es damit „einen sehr stattlichen Anblick“ bekomme.

Bilder

1773 wirkte dort Christian Buchwitz

Im Jahr 1773 wirkte Christian Buchwitz als Bäcker und Brauer in dem Anwesen. Das geht aus Aufzeichnungen hervor, die Steffen Langusch in seinem Archiv hat. Außerdem sprechen zwei damalige Hausnummern dafür, dass es auch mehrere Häuser gewesen sein könnten, erklärt Steffen Langusch. Bis 1878 gab es die zwei Nummern.

Dass es sich zweifelsfrei um eine alte Brennerei handelt, wird im Inneren klar. Hier ein alter Kessel, dort alte Antriebsräder. Der alte Schlot steht auch noch. Überall historische Technik und Utensilien. Einen Raum im Erdgeschoss hat Dannies auch schon geräumt. „Hier wurde damals der Schnaps gebrannt“, sagt er. Bald soll an gleicher Stelle Hopfen auf Gerste und Malz treffen. „In diesem Bereich soll der Braukessel stehen“, plant er im Kopf. Selbst der Name des Bieres steht schon fest: „Bergschloss Pils“ – in Anlehnung an die alte Bergschloss Brauerei Salzwedel und die Braukunst der Hansestädter.

Enrico Dannies hat sich das Namensrecht „Bergschloss Brauerei“ gesichert und bereits ein Etikett anfertigen lassen. „Urstoff der Heimat“ ist darauf zu lesen. „Wie beim Original“, sagt Dannies. Das blaue Dreieck des Bergschlosses ist zu sehen und der Rathausturm von Salzwedel ebenso. Es soll die Tradition der Bergschloss Brauerei wieder aufleben lassen.

Tradition hat das Gebäude. Das ist an den Steinen abzulesen. Klosterformatsteine, große und kleine Ziegelsteine, Feldsteine und Lehm. „Die haben das damals auf das Klosterfundament aufgesetzt“, meint Enrico Dannies und leuchtet mit seiner Handylampe in ein Loch. Und tatsächlich: Auf mehrere Hunderte Jahre alte Steine folgen welche aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Archäologen hätten hier wohl ihre Freude.

Biermarke in der Kaiserstadt

Angetrieben ist Dannies Traum vom eigenen Brauhaus auch durch das Tangermünder Kuhschwanzbier. Denn in der Kaiserstadt ist eine alte Biermarke vor Jahren erfolgreich wiederbelebt worden, inklusive altem Wirtshaus mit Hotelzimmern.

Reliquien der Bergschlossbrauerei

Mittlerweile stapeln sich bei Dannies die Reliquien der Bergschloss Brauerei. Alte verzinkte Kühltruhen, Biergläser und Krüge, Etiketten und Bierdeckel. Enrico Dannies liebt die Tradition. Nicht umsonst ist er auch bei der Salzwedeler Stadtwache mit Ritterhelm bei jedem Hansefest dabei. Apropos Hansefest: „Mein Ziel ist es, 2038 mit allem fertig zu sein.“ Dem Jahr des internationalen Hansefestes in Salzwedel. Dann ist er Rentner. „Ich will natürlich schon vorher Geld damit verdienen.“ Bereits im Mai 2020 will er Bier brauen und nach Möglichkeit den Hof zum Biergarten umgestaltet haben. Er ist sich darüber im Klaren, dass seine Ziele ambitioniert sind. Doch Enrico Dannies ist ein Macher: „Ich werde es den Leuten schon zeigen.“

In einem weiterem Raum im Erdgeschoss war die alte Bierstube des Wande‘schen Eck. Tür und Fensterrahmen sind schief, ebenso wie die mächtige Eingangstür. Ein Pfeiler thront auf einem eingelassenen Findling. An einigen Stellen in der Wand blinzelt die Sonne durch. „Das ist abgesackt“, sagt er. Mit einem Architekten und dem Denkmalschutz sei er bereits in Kontakt.

Ein ganz anderes Bild im Keller: Zwischen dem Gewölbe stapelt sich Unrat. Vorwiegend Kohlenasche. Den Rest hat Dannies feinsäuberlich getrennt. Mutterboden lagert draußen. Fußbodenplatten werden gestapelt. Jeder Ziegelstein wird abgeklopft und zur Wiederverarbeitung aufgehoben. Ein Haufen aus Metall, ein anderer aus Kunststoff. „Sonst würde ich für die Entsorgung Unsummen bezahlen.“

In den Obergeschossen sieht es besser aus

In den Obergeschossen sieht es besser aus. Kachelöfen stehen noch, hier und da auch Mobiliar. Selbst eingeweckter Rhabarber. Was zu gebrauchen ist, wird verwertet. Was nicht, wird verkauft oder entsorgt. Enrico Dannies geht durch die Räume, die teils mit altem Parkett ausgestattet sind. „Das wollten schon welche haben – aber das bleibt!“ Ebenso die alte Küchenhexe. Beim Gang durch das riesige Haus fällt die Mixtur aus vielen Hunderten Jahren und dem morbiden Charme der DDR auf. Hier sollen bis 2038 etwa 50 Betten für Touristen stehen.

Ob es nun so kommt, kann Dannies nicht mit Bestimmtheit sagen. Zum einen sei eine Sanierung vorstellbar. Doch diese würde Millionen verschlucken. Eine weitere Variante: Die Außenfassade erhalten und innen von Grund auf neu aufbauen. Doch diese Entscheidung steht noch aus. Erst einmal stehe die Notsicherung an, damit Braustube und Hof angegangen werden können. „Die Stadtverwaltung hat mir Hilfe zugesichert“, sagt er. Die Bürgermeisterin sei froh, wenn aus dem historischen Schandfleck ein Touristenmagnet werde. Daher wolle die Hansestadt prüfen, welche Fördermittel möglich seien. Außerdem hofft er auf Investoren, die auf seinen Zug aufspringen. „Wer eine Idee hat, kann sich gern bei mir melden. Auch über weiteres Material der ehemaligen Bergschloss Brauerei bin ich dankbar“.

Während Enrico Dannies auf dem Hof seine Vorhaben erläutert, ruft eine Salzwedelerin am alten Holztor. Sie habe zugehört und ebenfalls Ideen. Und genau darauf wartet Enrico Dannies.