Dähre l „In dieser Woche wurden im Kleistauer Weg in Dähre weder die Papiertonne noch die gelben Säcke abgeholt“, ärgert sich Anwohner Christian Appelt am Donnerstag. Die Fahrer des Müllwagens hätten angegeben, dass die Straße nicht geräumt gewesen sei. „Das ist eine Frechheit“, findet er. Bürgermeister Bernd Hane und die Agrargenossenschaft Bonese hätten vorbildliche Arbeit bei der Organisation des Winterdienstes geleistet. Der Anwohner möchte wissen, „was die Fahrer bewegt hat, den Kleistauer Weg nicht anzufahren“.

Hendrik Eichblatt, Sachgebietsleiter Abfallbehörde und Abfallwirtschaft beim Umweltamt vom Altmarkkreis Salzwedel, berichtet am Freitagnachmittag auf Nachfrage, dass er sich mit dem Fall schon seit einigen Tagen beschäftigt hat. Der Bürger habe sich sowohl beim Kreis als auch bei der Deponie gemeldet. Die Ansprechpartner hätten sich allerdings über ein sachlicheres Verhalten gefreut. „Die Tonlage wird rauer“, hat Eichblatt generell seit dem Jahreswechsel beobachtet. Die Einschränkungen durch Corona, dazu der erste richtige Winter seit neun Jahren – das schlage den Menschen spürbar aufs Gemüt. Ein Ventil für viele Probleme suchten sie dann auch bei Mitarbeitern seines Fachbereichs.

Bis 800 Meter zumutbar

Die Gesetze würden ständig angepasst und in Bezug auf die Arbeitssicherheit der Müllabfuhr verschärft. Im Gesetz verankert sei die Mitwirkungspflicht des Bürgers. Seine Aufgabe sei „die Bereitstellung der Tonne“, und zwar „bis zur Befahrbarkeit der Straße“. Das heiße, er muss seine Mülltonnen bis zu einer Stelle bringen, zu welcher der Müllwagen ohne Probleme fahren kann. Das dürfen laut Eichblatt bis zu 800 Meter sein. Zu bedenken sei, dass ein voll beladener Müllwagen für Altpapier etwa 30 Tonnen wiege und daher nicht wie ein Auto rangieren könne. Viele Bürger hätten kein Verständnis für ihre Mitwirkungspflicht, nach dem Motto „Es ging 30 Jahre doch auch so“, erzählt Hendrik Eichblatt.

Zwei Gerichtsverfahren innerhalb von zwei Jahren zum Thema „Rückwärtsfahren“ habe es gegen den Kreis gegeben. „Wir haben aber immer recht bekommen“, so der Sachgebietsleiter.

Den Zustand dokumentiert

Im Fall der Beschwerde von Christian Appelt sei es ähnlich: Um zu seinem Grundstück zu kommen, müsse die Müllabfuhr einen landwirtschaftlich ausgebauten Weg 380 Meter hineinfahren. Dort gebe es einen behelfsmäßigen Wendekreis. Im konkreten Fall habe die Gefahr bestanden, „sich mit dem Lkw festzufahren oder zu rutschen“, so Eichblatt. „Dass die Fahrer der Müllabfuhr eine Straße oder ein Grundstück nicht anfahren, weil sie keine Lust dazu haben, ist definitiv nicht möglich“, stellt er klar. Denn ein Fahrtenschreiber zeichne jede Tour auf. Wenn die Fahrer ein Grundstück nicht anfahren können, müssten sie das ihrem Disponenten mit Fotos beweisen. Zum konkreten Fall sagt der Sachgebietsleiter: „Die Uhrzeit der Fotos und die Standzeit des Fahrzeugs haben übereingestimmt.“ Er sei der Beschwerde akribisch nachgegangen. Auch Anwohner Christian Appelt habe ein Bild gesendet. Es habe die Straße „nach einer Beräumung“ gezeigt. Diese müsse aber zeitlich weit nach der Anfahrt des Müllwagens stattgefunden haben, da die Fotos der Fahrer eine nicht geräumte Straße zeigten. Aber auch im späteren, geräumten Zustand wäre die Straße für den Müllwagen nicht befahrbar gewesen, hat er festgestellt.

Für das Abholen der gelben Säcke ist der Recyclinghof Farsleben verantwortlich. Dessen Geschäftsführer Norman Mattke äußert sich in ähnlicher Weise wie Hendrik Eichblatt vom Kreis. Es liege im Ermessen der Fahrer, eine Straße anzufahren oder nicht. „Eine teilgeräumte Straße kann bei einer solchen Wetterlage nicht angefahren werden“, stellt er klar. Man könne nicht ein 26 Tonnen schweres Auto für 250 000 Euro mit einem Pkw vergleichen: „Wir wollen nicht, dass Anwohnern und parkenden Autos was passiert.“

Wertschätzung für das Personal

Am Montag, Dienstag und Mittwoch der Vorwoche hätten ungefähr 30 bis 40 Prozent der Straßen nicht angefahren werden können, weil sie schlecht oder gar nicht geräumt gewesen seien. „Nur fest gefahrener Schnee reicht nicht“, verdeutlicht er. Und: „Wir fahren um sechs Uhr los – der Winterdienst ist oft später dran.“ In Magdeburg sei die Müllabfuhr erst gar nicht losgefahren.

Norman Mattke und Hendrik Eichblatt werben übereinstimmend um Verständnis und Wertschätzung für ihre Fahrer, denen das gleiche Lob gebühre wie derzeit dem medizinischen Personal im Kampf gegen Corona: „Es ist einer der härtesten Jobs. Die Leute machen möglich, was geht.“