Salzwedel l Karl Pischel ist neugierig. „Wo ist denn das Pferd?“, fragt der Bewohner des Vita-Seniorenzentrums an der Goethestraße auf dem Flur der Einrichtung. „Hier im Zimmer, wir kommen gleich wieder raus“, sagt Ergotherapeutin Kathleen Schulz und muss den Herren etwas bremsen. Doch dann kann er seinen Rollator endlich bei Seite schieben. Selbstbewusst greift Karl Pische nach den Zügeln und führt Mephisto vom Purnitzgrund, so heißt das treue Shetlandpony, über den Gang entlang der Zimmer. Ein Lächeln zeigt sich in seinem Gesicht.

Das neunjährige Pony, das an diesem Vormittag im Seniorenzentrum sogar Fahrstuhl fuhr und von Zimmer zu Zimmer geleitet wurde, gehört Solveig Holle aus Sachau bei Mieste. Schon seit mehreren Jahren besucht sie, meist mit ihren Hunden und Kaninchen, Senioreneinrichtungen in der Altmark. Auch in Salzwedel ist sie keine Unbekannte. 2010 absolvierte Holle eine Ausbildung im Therapiebereich mit Hunden. Seit dem besucht sie einmal pro Monat auch die Vita.

Und die Erlebnisse dort bestätigen Solveig Holle in ihrer Arbeit. Ein Erlebnis vor einigen Jahren in einer Einrichtung bei Gardelegen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. „Dort hat sich ein 90-jähriger Herr sogar nochmal auf das Pferd gesetzt.“

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Emotionale Momente

Auch bei diesem Besuch gab es diese emotionalen Momente. Ein Senior freute sich derart, dass beim ihm die Tränen liefen. Anneliese Pohl, eine weitere Bewohnerin der Vita, streichelte freudestrahlend das total entspannte Pony im Aufenthaltsraum. Mit vielen Möhren wurde das Tier gefüttert. „Er macht das super“, gab es von Solveig Holle ein Extralob für Mephisto. Vor zwei Wochen war das Pony zum ersten Mal im Vita-Haus an der Schillerstraße zu Gast. „Wir wollten das einfach mal ausprobieren“, berichtet Holle.

Und der Versuch glückte. „Wir haben viele Bewohner aus den umliegenden Dörfern berichtete Ergotherapeutin Kathleen Schulz. „Die freuen sich immer besonders.“ So auch der Salzwedeler Karl Pischel, der erzählte, dass er früher auch Pferde gehabt habe. „Ich hab sogar beim Ringreiten mitgemacht“, berichtet er stolz.

Tierliebe ist angeboren

„Tierliebe ist angeboren – egal ob man aus der Stadt oder vom Land kommt“, weiß Solveig Holle aus der Erfahrung der zahllosen Besuchen in den Senioreneinrichtungen. Meist ist sie mit ihren tierischen Begleitern im Demenzbereich unterwegs und weckt dabei so manche Erinnerungen. Zudem sorgen die Hunde, Kaninchen oder Ponys für echte Entspannung. „Viele Senioren leiden unter Spastiken“, erzählt die Halterin. Diese lösen sich ab und an, wenn eines der Tiere gestreichelt werden kann. Diese Beobachtungen bestätigt auch Kathleen Schulz, die gestern das Pony die meiste Zeit durch die Räume führte. „Viele hatten früher Pferde auf ihrem Bauernhof. Wenn das Tier kommt sind die Bewohner wacher und bewegen sich“, erzählt die Therapeutin.

Und dann geht es für Mephisto und Helfer wieder eine Etage tiefer. Wie selbstverständlich betritt das Pony den Fahrstuhl, um weitere Bewohner im Seniorenzentrum zu besuchen. Nicht, ohne vorher noch einen kleinen Gruß zu hinterlassen. „Wer braucht noch Dünger für die Blumen?“, fragt Kathleen Schulz in die Runde. Da ist Solveig Holle schon dabei die Pferdeäpfel zusammenzufegen. „Bitte nicht hier“, hatte eine Reinigungskraft zuvor gesagt, nachdem sie gerade ein Zimmer fertig hatte. Glück gehabt, das Malheur geschah auf dem Flur.