Salzwedel l Wer kennt sie nicht, die wohl bekannteste Litfaßsäule der Welt: Nein, die steht nicht in Salzwedel. Zu sehen ist sie auf dem leuchtend gelben Buchumschlag von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1929. In der Hansestadt gibt es noch 13 solcher Werbeträger, Zeugen einer vergangenen Zeit.

„Es ist ein seltsames Jubiläum“, findet Stefan Langusch. Er ist der Hüter des Salzwedeler Stadtarchivs. Dort findet sich nur ein einziger Hinweis auf den Geniestreich des gebürtigen Berliners Ernst Litfaß: In der Ausgabe vom 11. Februar 1941 erinnerte ein heute unbekannter Autor in der „Neuen Salzwedeler Zeitung“ an den 125. Geburtstag des Buchdruckers, dessen „Anschlagsäule in allen Kulturstaaten der Welt zu einem Begriff geworden“ sei.

Krummes Jubiläum

Tatsächlich war die erste Litfaß-Säule in Berlin vor 165 Jahren, nämlich 1855, aufgestellt worden. Die amtliche Genehmigung zur Aufstellung seiner „Annoncier-Säulen“ sei Ernst Litfaß aber schon am 5. Dezember 1854 erteilt worden, rechnet Langusch. So gesehen feiere die Litfaßsäule am 5. Dezember 2020 ihren 166. Geburtstag.

„Ein Jahr hin oder her“, sagt Gabriele Carl. Es sei bemerkenswert, dass in Salzwedel noch 13 dieser „Annoncier-Säulen“ ihren Dienst versehen. Gabriele Carl ist Projektmanagerin der Berliner Werbefirma Outdoor Mediateam. Nach eigenen Angaben betreue letztere sämtliche öffentlichen Werbeflächen der Stadt Salzwedel. Zwar habe die Litfaßsäule auch in der Hansestadt ihre Bedeutung als Masseninformations- und Werbemedium weitestgehend verloren, dennoch versähen sie einen Dienst im öffentlichen Leben der Stadt: Wenn sich keine zahlenden Kunden für die meist an Fußgänger-Kreuzungen oder belebten Plätzen stehenden Werbetrommeln finden, stünden diese dem Kulturamt der Stadt als unentgeltliche Informationsflächen für Veranstaltungen zur Verfügung.

Selbst ohne Kosten kaum gefragt

Dass selbst dieses Angebot derzeit ohne nennenswerte Resonanz bleibt, erfährt, wer sich auf den Weg macht, die Standorte der 13 Werbe-Veteranen im Stadtgebiet zu besuchen: In unschuldigem Weiß oder versehen mit den herabhängenden Plakatfetzen lange vergessener Werbeaufrufe, fristen die Litfaßsäulen der Hansestadt ein trauriges Dasein. Einen Grund dafür sieht Gabriele Carl – neben dem weitgehenden Stillstand des kulturellen Lebens durch das Coronavirus – in dem Wandel von Mobilität und Einkaufsgewohnheiten der Menschen:

Interessant seien für Werbetreibende unserer Tage großflächige Plakatwände und sich wiederholende Plakate an Straßenlaternen, deren Botschaft auch von vorbei eilenden Autofahrern sicher wahrgenommen werden können. Noch begehrter seien digitale Großplakate, die mit kurzen Werbefilmen nach der Aufmerksamkeit der Passanten heischen. Der Ursprung der Litfaßsäule hingegen liege in den Tagen, in denen die Menschen massenweise zu Fuß ihren Geschäften nachgingen und das Radio die meist einzige Quelle für aktuelle Informationen war.

Verblichener Brennpunkt

Aus diesem Grund markierten auch die Salzwedeler Litfaßsäulen die Knotenpunkte des städtischen Lebens vergangener Zeit. Wie lange die schweigenden Werbetrommeln noch an ihren Standorten bleiben, ist ungewiss. „Die Zeit der Litfaß-Säulen ist vorbei“, sagt Gabriele Carl. Der Berliner Senat hatte den Abriss des überwiegenden Teils der alten Litfaßsäulen bis Mitte vergangenen Jahres angeordnet. Auch die Litfaßsäule an der Ecke Bundesallee und Trautenaustraße, hinter der Erich Kästner den Gustav mit der Hupe und Emil Tischbein vor den Blicken des fiesen Herrn Grundeis verbarg, wurde inzwischen durch eine moderne Plakatsäule ersetzt.