Eickendorf l Layla Touma kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Nachdem sie gastfreundlich und herzlich lächelnd Kaffee eingeschenkt und selbstgemachten Kuchen serviert hat, überkommen sie ihre Emotionen und sie bricht in Tränen aus. „Sie hat gerade mit ihren Eltern telefoniert. Die sind noch in Syrien und sie hat Angst, dass ihnen etwas passiert“, erklärt Fahmi Tabsi, ihr 16-jähriger Sohn. Wahrscheinlich ist sie auch so traurig, weil sie weiß, wie gefährlich der Weg ist, den ihre Eltern auf sich nehmen müssten, wenn sie ihr nachkommen würden.

Gerade letzte Woche seien Freunde der Familie auf dem Weg nach Deutschland in dem Gewässer zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken, so Salim Tabsi. Auf jener tückischen Strecke, auf der bereits abertausende Flüchtlinge auf dem hoffnungsvollen Weg aus dem Krieg in die Sicherheit, mit Schmugglerbooten unterwegs, ihr Leben lassen mussten.

Todesangst auf Schmugglerboot

Layla Touma selbst musste mit ihrem Mann Salim Tabsi und ihren Kindern Fahmi und Miryam vor wenigen Monaten auf einem Schmugglerboot in schwärzester Nacht für vier Stunden lang auf dem Weg nach Griechenland um ihr Leben bangen. „Wir waren eingekauert auf einem viel zu kleinen Boot mit viel zu vielen Menschen und dachten: Jeden Moment kann es vorbei sein“, beschreibt Salim Tabsi das Gefühl der Todesangst, welches wahrscheinlich nur für jene Menschen nachvollziehbar ist, die selbst ihr halbes Vermögen an die Schmuggler gezahlt haben, um in unmenschlichen Verhältnissen des Nachts die lebensgefährliche Reise von der Türkei nach Griechenland zu wagen. „Jeder von uns durfte bloß einen kleinen Plastikbeutel mit sich tragen, in dem das wichtigste Hab und Gut versammelt war“, erzählt Salim Tabsi weiter und atmet tief durch.

Über die drei Monate lange Reise nach Deutschland zu sprechen, fällt dem Syrer sichtlich schwer. Das liegt keinesfalls an der Sprache, denn Englisch spricht der gebildete Mann, der einst in den Vereinigten Staaten Handel und Wirtschaft studiert hat, fast so gut wie ein Muttersprachler. Die Emotionen sind es, die ihn und seine Familie manchmal beim Erzählen ergreifen und zurückhalten.

Leben trotz des Krieges weiter führen

Doch Salim Tabsi ist tapfer und fängt mit seiner Geschichte an jenem Ort an, den er einst seine Heimat nannte: „Wir haben fünf Jahre im Krieg gelebt“, erzählt er. Obwohl er wusste, dass Aleppo, die syrische Stadt in der die Familie wohnte, längst nicht mehr sicher war, lebten sie ihr Leben dort, so gut es ging, weiter. „Trotz des Krieges ging Fahim zur Schule und Miryam zur Universität“, so der Vater.

In der Nacht vom Karfreitag dieses Jahres geschah es dann, als drei Gebäude in der direkten Nachbarschaft zerbombt wurden. „Am nächsten Morgen waren nur noch riesige schwarze Aschehaufen zu sehen und wir wussten: Die Menschen, die in den Häusern schliefen, sind alle tot“, beschreibt Salim Tabsi den grausamen Anblick, der ihn dazu bewog, mit seiner Familie die Flucht in die Freiheit zu unternehmen. „Sag ihr, dass wir alles aufgegeben haben, um Flüchtlinge zu sein. Sag ihr das!“, unterbricht Fahmi Tabsi die Erzählungen seines Vaters auf Arabisch, der Muttersprache der Familie. Dieser übersetzt und erklärt: „Wir hatten hier, bevor der Krieg begann, ein komfortables Leben“, meint der ehemals selbstständige Teppich-Händler. „Ein großes Haus in einer guten Gegend und zwei Autos mit Automatik“, fügt er mit leiser, gedämpfter Stimme hinzu. Es ist hörbar: Salim Tabsi möchte mit seinem damaligen Vermögen auf keinen Fall prahlen, es ist ihm geradezu unangenehm, darüber zu sprechen.

Von dem Besitz, den die Familie in Syrien hatte, ist nichts mehr übrig geblieben. Nach der 20-stündigen Busfahrt von Aleppo in den Libanon, dem Flug in die Türkei und der Reise auf dem Schmugglerboot nach Griechenland blieb kein Geld mehr übrig und den einzigen übriggebliebenen Besitz trug jedes Familienmitglied in den kleinen Plastiktüten mit sich, die auf den Booten erlaubt waren.

Integration über Gemeinde

Seit einem Monat wohnt Familie Tabsi jetzt in Eickendorf und tut alles dafür, sich in dem Dorf im Bördeland zu integrieren. Dies geschieht vor allem über die kirchliche Gemeinde des Dorfes, denn: Die Syrer sind gläubige Christen. „Viele Menschen denken, dass alle Syrer Muslime sind, das stimmt nicht“, erklärt Salim Tabsi. In Aleppo wohnten sie in einer syrisch-katholischen Nachbarschaft, ihr Sohn Fahmi Tabsi ging auf eine christliche Schule, die auf Naturwissenschaften spezialisiert war. Ein Fachbereich, in dem Fahmi Tabsi gut ist. Stolz zeigt der 16-Jährige seine Zeugnisse, die alle aus dem Arabischen übersetzt wurden. Mathematik: 600 von 600 Punkten, Physik und Chemie: 600 von 600 Punkten, steht da. Er hofft, dass er in Deutschland auf das Gymnasium darf, danach will der fleißige Schüler studieren, er will noch viel erreichen im Leben.

Auch die 19-jährige Miryam Tabsi hat Zukunftspläne für ihr neues Leben in Deutschland geschmiedet. Sie möchte ihr in Syrien begonnenes Studium fortsetzen und an einer Universität Pharmazie studieren. Nach dem Studium will sie am liebsten mit ihrer eigenen Apotheke selbstständig werden, das ist ihr Traum.

Ihre Eltern möchten so schnell wie möglich Arbeit finden, wissen aber: Davor werden sich ihnen noch einige, vor allem bürokratische, Hürden stellen. Die dreijährige Aufenthaltsgenehmigung bekommen, die sie beantragt haben, steht an erster Stelle. Danach kommt das Erlernen der deutschen Sprache.

Salim Tabsi hält einen gelben Zettel von der Post hoch. „Einschreiben Brief“ steht darauf geschrieben. Sie sollen nach Biere kommen, um sich das Einschreiben abzuholen. „Vielleicht liegt dort der Brief, in dem unsere Aufenthaltsgenehmigung ist“, meint er und schaut hoffnungsvoll. „Oder es ist eine Absage“, fügt er mit leiser Stimme hinzu.

Wenn die Familienmitglieder von ihren Zukunftsplänen und von den Träumen von Arbeit, Schule und Studium sprechen, freuen sie sich zwar auf das neue Leben, das sie hier in Deutschland erwartet, ein bedrückter Ausdruck liegt trotzdem in den Gesichtern der vier Syrer. „Meine Mutter möchte noch etwas sagen“, sagt Miryam Tabsi. Auf den Augen der jungen Frau hat sich inzwischen ebenfalls ein Tränenschleier gebildet. Salim Tabsi übersetzt aus dem Arabischen für seine Frau: „ Sie hat nur einen einzigen Wunsch für Weihnachten“, sagt er. Er schluckt und fährt fort: „Sie möchte, dass unsere zurückgebliebenen Familienmitglieder auf sicherem Wege nach Deutschland kommen können. Dafür beten wir jeden Tag.“

Nachtrag der Redaktion: In dem Brief, den Salim Tabsi am Tag nach dem Gespräch bei der Post abgeholt hat, war die dreijährige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland für ihn selbst, seine Frau Layla Touma und ihren Sohn Fahmi Tabsi. Für ihre Tochter Miryam Tabsi ist bis zum gestrigen Redaktionsschluss noch kein Brief angekommen. Sie wartet noch auf ihre Aufenthaltsgenehmigung.