Calbe l Ihre Heldin heißt Tina Bach, die aus einer ostdeutschen Kleinstadt stammt. Nun, mit Mitte 30, lebt und arbeitet sie in London und schreibt Gedichte. Eines Tages kann sie es kaum fassen, als ein Verlag ihre Gedichte publizieren will. So beginnt die Kriminalgeschichte und es ist unschwer zu erraten, dass eine große Portion der eigenen Autobiographie von Nancy Schumann darin steckt. „Rund ein Drittel der Episoden und Charaktere des Buches gibt es wirklich“, schätzt die 38-Jährige. Dabei war der schriftliche Anfang sprichwörtlich dünn. Alles, was die gebürtige Calbenserin zu diesem Zeitpunkt bereits aufgeschrieben hatte, war eine Busreise ihrer Heldin. Sie fuhr zusammen mit Senioren nach London, die an der Volkshochschule Englisch lernten. Sie reiste mit, da ihre Englisch-Lehrerin in der Schule dort ebenfalls lehrte und ihr einen freien Platz anbot. „So hat es sich damals wirklich ereignet. Doch ich hatte keinen Plan, welche Geschichte daraus entstehen soll“, sagt Nancy Schumann.

Auf einer Autofahrt mit ihrem Freund von der englischen Südküste nach London entstand schließlich die Handlung. Dann dauerte es noch einmal rund zwei Jahre bis zum fertigen Buch. Darin arbeitet ihre Heldin Tina Bach in der britischen Metropole nebenbei in der Polizeiverwaltung.

Schriftstellerin mit einem Nebenjob

Es kommt wie es in einem Krimi kommen muss: Der anfangs gennante Verlag wird zum Schauplatz mysteriöser Morde, die es aufzuklären gilt.

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Bei ihrer Buchvorstellung kürzlich in der Neuen Galerie der Heimatstube wollte sie den 28 Zuhörern - darunter auch ehemalige Lehrer von ihr - darüber nicht zu viel verraten. Das Publikum interessierte vor allem, wie es sich als Auswanderin in der Themse-Metropole so lebt. Dabei sieht Nancy Schumann ihren derzeitigen Wohnort eher aus einem nüchternen Blickwinkel. „Ich fühle mich als Calbenserin. Londoner bin ich nur im Vergleich zu Touristen“, sagt die Autorin, die regelmäßig ihre Heimatstadt besucht.

Immer wieder lässt sie ihre Heldin auffällig oft deren ostdeutsche Herkunft reflektieren. Sie berichtet von einer Identität, die durch die deutsche Wiedervereinigung „überrumpelt und lädiert wurde“. Es habe in dieser Zeit keinen Plan gegeben, ostdeutsche Kultur und Werte zu integrieren. Und daraufhin sei es im Osten plötzlich unheimlich wichtig gewesen, um den Erhalt des Ost-Ampelmännchens zu kämpfen. Bei der Lesung wurden aktuelle Parallelen zu Flüchtlingen gezogen, deren Heimatland es ebenfalls nicht mehr gibt und wo es wichtig sei, die eigene Identität zu wahren. Dennoch: Nancy Schumann sieht sich nicht als Wendeverlierer. „Die Möglichkeiten, die ich jetzt habe, hätte ich sonst gar nicht gehabt“, sagt sie.

Es ist nicht das erste Buch, das die Autorin geschrieben hat. Nach ihrem Abitur am Calbenser Friedrich-Schiller-Gymnasium hat sie in Leipzig Anglistik studiert. In ihrer Magisterarbeit untersuchte sie vor allem die Rolle weiblicher Vampire in der Folklore verschiedener Länder und in der angloamerikanischen Literatur. Daraus entstand ein englischsprachiges Sachbuch, das später auch in Deutsch unter dem Titel „Vampire - gestern und heute“ herausgegeben wurde. Dazu kommen veröffentlichte Gedichte und weitere Kurzgeschichten. „Ich sehe mich als Schriftstellerin mit einem Nebenjob, der die Miete bezahlt“, sagt Nancy Schumann mit einem Augenzwinkern. Aktuell arbeitet sie an einer fiktiven und komplexen Geschichte, die von Vampiren in der Zeit des Kalten Krieges handelt.

„Kaffeeduft in London“ von Nancy Schumann ist Ende 2015 erschienen im net-Verlag, Tangerhütte, 204 Seiten, Paperback, 14,95 Euro. ISBN: 978-3-95720-132-4.