Calbe/Schwarz l Nicht alles darf ausschließlich nach dem Äußeren beurteilt werden. Aber bei einigen, durch Stadtmitarbeiter verschnittenen Bäumen überkommt Ortschaftsrätin Annemarie Doll das Grausen. „Dieser Verschnitt ist so garantiert nicht in Ordnung“, äußert sich die engagierte Bürgerin aus dem Calbenser Ortsteil Schwarz zu einigen Bäumen, die für sie eher nach einer schlichten „Verstümmelung“ aussehen und zu „Krüppeln“ beschnitten wurden.

Dass das Verschneiden der Bäume als ein jährlich wiederkehrender Streitpunkt auf dem Tisch landet, überrascht nicht sonderlich. An den Kenntnissen des bei der Stadt zuständigen Fachmannes wurde nicht das erste Mal Kritik laut, wie aus den Äußerungen Dolls hervorgeht. Dass von Zeit zu Zeit ein radikalerer Verschnitt notwendig ist, möchte sie gar nicht bestreiten. Aber derart radikal, hinterfragt sie, weil Bürgermeister Sven Hause ihre Zweifel am korrekten Verschnitt nicht vollständig zerstreuen kann.

„Ich bin kein Baumfachmann, aber hin und wieder ist ein radikaleres Verschneiden notwendig“, fügt er erklärend hinzu. Zudem stellt er sich schützend vor seinen Mitarbeiter, der den Verschnitt übernehme. „Er ist ein Fachmann, der weiß, welcher Verschnitt wo und wie angebracht ist“, setzt Hause seine Argumentationen fort.

Bilder

Für Doll zeige sich der beschämende Verschnitt bereits bei den Bäumen entlang des Dorfteiches und ziehe sich bis über den Friedhof. Zurechtgestutzt fast bis auf den Stumpf: Eine Tatsache, über die die Ortschaftsrätin nur den Kopf schütteln kann.

Ästhetik leidet

Sigrid Berfelde gehört zur Calbenser Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu). Sie versteht, dass sich die Bürger über die Baumpflegearbeiten aufregen. „Das ästhetische Erlebnis der Leute beim Anblick ist gestört“, kommentiert sie die Situation.

Was vielleicht nicht gar so hübsch aussieht, muss nicht falsch sein. Hause versucht zu relativieren und zu beruhigen: Egal, ob Fällung oder Verschnitt - alles werde von den Mitarbeitern ausführlich dokumentiert. Das Beachten gültiger Gesetzmäßigkeiten sei dabei selbstverständlich, so Hause. Insgesamt ordnet die Nabu-Ortsgruppe die Ausführung und das Ausmaß der Baumbeschneidungen als kritisch ein, entgegnet Nabu-Mitglied Judith Lindau auf Nachfrage. „Dadurch hat der ästhetische Aspekt des Stadtbildes stark gelitten“, formuliert sie.

Grün unerwünscht?

Durch die Beschneidungen werde nach ihrer Ansicht vielmehr der Eindruck erweckt, dass in der Stadt sämtliches Grün unerwünscht scheine. Damit entwickele sich die Stadt entgegen des Trends, Erhaltung und Neuanlage unter dem Aspekt des Umweltschutzes zu betrachten, in dessen Fokus unter anderem die Schadstofffilterung sowie die Sauerstoffproduktion stehen soll. Bedauerlich, finden Lindau und ihre Mitstreiter. Insbesondere, da der Fokus in der Stadtplanung doch auf Nachhaltigkeit und Ökologie liege.

„Ich habe den Eindruck“, hakt Nabu-Mitglied Berfelde ein, „dass der Mitarbeiter der Stadt sehr großzügig mit den Vorgaben zur Baumpflege umgeht“. Daher ziehe sich nach ihrer Meinung auch ein Bild des „baumbedingten Schreckens“ durch die Straßen der Stadt Calbe sowie seiner Ortsteile.

Das oben stehende Foto zeigt eine Weide am Rande des Schwarzer Dorfteiches, deren Beschneidung ebenfalls für Unmut sorgte. Eva Beyer, die Sachgebietsleiterin für Natur und Artenschutz beim Salzlandkreis, kann die Aufregung nachvollziehen. An der Weide sei nämlich eindeutig zu erkennen, dass der Rückschnitt des Zuwachses jährlich erfolge und sich die Weide daher nicht in der Art entwickeln könne, wie das für eine Kopfweide erforderlich wäre. Zum Vergleich: Ein ordnungsgemäßer Kopfbaumschnitt erfolge in der Regel aller fünf bis zehn Jahre. Die Zwischenzeit nutze der Baum, um sich vom Verschnitt zu erholen und in der Krone den typischen „Bubikopf“ auszubilden. Bei diesem Verschnitt-Fauxpas handele es sich um keinen Einzelfall. Daher werde nun die Stadt ihrerseits in der Art und Weise des Rückschnitts von Kopfweiden ein weiteres Mal durch die Mitarbeiter des Salzlandkreises sowie der Unteren Naturschutzbehörde fachlich gebrieft.

Vor-Ort-Termine

Neben den Kopfweiden fallen bei Vor-Ort-Terminen auch andere Bäume auf, die einem Pflegeschnitt unterzogen wurden. Hierbei seien schlichte Kappungen an Ästen erkennbar. „Durch diesen Schnitt ist das artgerechte Erscheinungsbild der Bäume zerstört worden“, so Beyer. In der Folge treiben die Bäume später unkontrolliert aus. Durch die Vielzahl an Trieben und der zusätzlichen Last stellten insbesondere sie mittelfristig eine größere Gefahr als vorher dar. Das Problem: Da der Baum zusätzliche Blätter für seinen Überlebenskampf braucht, tragen die Ständer (neuen Triebe) viel Laub. Aufgrund des starken Wachstums dieser Triebe kann innerhalb weniger Jahre eine größere Blattmasse entstehen als vor der Kappung. Da zwangsläufig Fäule in die Kappstellen eindringt, werden die schnell größer und schwerer werdenden Ständer in einigen Jahren an ihrer Basis instabil und können leicht abbrechen.

„Um diese Gefahr zu beseitigen, sind aufwändige Pflegemaßnahmen notwendig, die ein Vielfaches der normalen Pflegemaßnahmen kosten“, kommentiert Kreissprecherin Alexandra Koch die Konsequenz dieses Vorgehens. Häufig nimmt Eva Beyer Außentermine wahr, in denen sie sich mit dieser Problemstellung konfrontiert sieht. Dann rät sie stets, bei der Pflege auf Fachfirmen zurückzugreifen. Damit werde die zukunftsträchtige Erhaltung der Bäume als Markenzeichen einer Strukturlandschaft gewährleistet.

Mehrfach wurde beim Landkreis speziell von den Schwarzer Bürgern der mangelhafte Verschnitt angezeigt. Mehr als Hinweise und Erklärungen wird es aber wohl nicht geben. Schließlich fehle eine gesetzliche Grundlage, welche die Art und Weise des Rückschnittes regele. Solange die Fristen zur Baumpflege eingehalten werden, seien auch dem Landkreis die Hände gebunden, so Kreissprecherin Alexandra Koch. Es ist erkennbar, dass diese Bäume einfach nur gekappt bzw. gestutzt wurden. Durch diesen Schnitt ist das artgerechte Erscheinungsbild der Bäume zerstört worden. Auch solche Bäume treiben nach kurzer Zeit unkontrolliert wieder aus und stellen aufgrund der Last durch die Vielzahl der Triebe nach wenigen Jahren eine größere Gefahr dar als vorher.

Baumexperten

Anlass zum Klagen gab es für Annemarie Doll und Ortsbürgermeister Manfred Grimm auch bei den Hecken. Diese seien nach seiner Ansicht zu weit heruntergeschnitten. Grundsätzlich jedoch ist der Rückschnitt von Hecken in der Zeit bis zum 28. Februar eines jeden Jahres erlaubt. So legt es das Bundesnaturschutzgesetz fest.

Auch könne der Rückschnitt einer Hecke durchaus eine Pflegemaßnahme sein, um die Vergreisung von Hecken zu vermeiden und eine gegebenenfalls notwendige Verjüngung zu ermöglichen. „Es besteht durchaus auch die Möglichkeit, dass Zierhecken innerhalb von Ortslagen einem besonders strengen Schnitt unterzogen werden“, räumt Beyer ein. Diese regenerierten sich in aller Regel jedoch innerhalb eines Jahres. Lediglich als Brutplatz für Vögel in der folgenden Vegetationsperiode stünden diese nicht zur Verfügung stehen. Somit verlören sie einen Teil ihrer Wertigkeit für Natur- und Artenschutz. Zumindest zeitweise.

Bürgermeister Sven Hause weiß um das sensible Thema und bietet irritierten Bürgern den gemeinsamen Dialog an. Vielleicht, sagt er, könne man auch einen fachkundigen Baumexperten gewinnen, der über die Thematik umfassend aufkläre. Ansonsten verweist er auf ausführliche Dokumentationen zu Fällungen und Pflegeverschnitten. Im Einklang mit der Natur und im Sinne der Calbeschen Baumschutzsatzung.