Schönebeck l Als Martina Strobel während einer Veranstaltung im Haus „Luise“ in Schönebeck mal eben kurz den Saal verlassen will, wird ihr mit Handzeichen signalisiert: später. Die Aufforderung zum Bleiben hat ihren Grund. Denn Martina Strobel gehört zum Kreis derer, die für ihren Einsatz zum Wohle der Allgemeinheit geehrt werden. Freilich weiß sie nichts davon. Sie erfährt es jetzt. Und ist gerührt. Ein bisschen werden ihr die Augen feucht, als sie so unvermittelt vor dem Plenum steht.

Seit 25 Jahren arbeitet die alleinerziehende Mutter ehrenamtlich für den Allgemeinen Behindertenverband in Sachsen-Anhalt (ABiSA). Sie hob einst eine der ersten Selbsthilfegruppen im Lande aus der Taufe und leitet trotz einer Erkrankung eine Begegnungsstätte in Wahlitz (Jerichower Land).

„Es richtet Dich auf, helfen zu können. Und doch gibt es Tage, da bräuchtest Du diese Hilfe selbst“, sagt der ehrenamtliche Geschäftsführer des ABiSA, Frank Schiwek, in seiner Laudatio. Er moderiert gemeinsam dem ABiSA-Vorsitzenden Jürgen Hildebrand die Veranstaltung.

Es macht Spaß

Martina Strobel gehört zu mehreren Personen beziehungsweise einer Institution, die der ABiSA für eine zukunftsweisende Arbeit ehrt. Auch Angelika Wolters aus Magdeburg ist ausgewählt worden. Sie leitet ein Schwarzlichttheater, bei dem sich Menschen mit geistiger Behinderung ausprobieren und in ungewöhnlicher Weise in Szene setzen können. Angelika Wolters ist überrascht, bei dieser Ehrungsrunde selbst zu den Geehrten zu gehören. Ja, sagt die Mitarbeiterin des Landesschulamtes, für manche Dinge im Leben müsse man schon kämpfen. „Ich mache es, weil es auch, Spaß macht“, beteuert sie. Ziel müsse es sein zu erkennen, dass jeder Mensch mit seinen Stärken in der Gesellschaft den zu ihm passenden Platz findet. Und außerdem: „Es macht auch Spaß zu provozieren, weil Behinderung ein Tabuthema ist“, fügt die Magdeburgerin an.

Nicht minder perplex ist Hans Jürge Sasse. Der Magdeburger ist Gründungsmitglied des VBU, des Vereins Barrierefreies Umfeld (ursprünglich barrierefreier Urlaub). Die Vereinsmitglieder möchten nach eigenem Bekunden dazu beitragen, dass ältere und hilfebedürftige Menschen ihren Alltag besser bewältigen können - dass sie sich verstanden und nicht allein fühlen. „Mit dieser Auszeichnung habe ich gar nicht gerechnet“, sagt Hans Jürgen Sasse überrascht. Bescheiden fügt er hinzu: „So viel habe ich gar nicht gemacht.“

Mental und geistig fit

Auch ein Landrat zählt zu den Geehrten. Es ist Carsten Wulfänger aus Stendal. Seine Laudatio hält Marcus Graubner. Der 51-Jährige aus Tangerhütte kam schon mit einer spastischen Lähmung zur Welt, die ihn körperlich beeinträchtigt. Mental und geistig ist er fit wie nur irgendwer. Graubner kennt Wulfänger seit vielen Jahren. Er würdigt, dass der Landrat die Arbeit des Standaler Behindertenverbandes nach Kräften unterstützt. Er lobt seinen Einsatz für die Barrierefreiheit allerorten. Beim Stendaler Bahnhof stehe die zwar noch aus - aber Wulfänger sei dran. Außerdem habe der Landrat zwei Teilhabemanagerinnen im Landkreis Stendal eingestellt, was bemerkenswert und fortschrittlich sei. „Das ist einer, der nicht redet, sondern tut“, fasst Graubner zusammen.

Wulfänger selbst macht keine großen Worte. Eine Behinderung könne jeden treffen - schon morgen, sagt er. Und ab wann ein Mensch behindert ist und ab wann nicht - diese Grenze sei „übergängig“. „Ich fühle mich wirklich geehrt“, betont der Landrat.

Im Jahr 1997 trat Helmut Wörlitz aus Barby in die Schönebecker Regionalgruppe Parkinson ein, weil seine Ehefrau an dieser Krankheit litt. Als sie verstarb, blieb er der Gruppe treu. Selbst nicht von Parkinson betroffen, hilft er bei der Organisation von Veranstaltungen, bei der Beförderung von Mitgliedern. „Er ist freundlich und hilfsbereit. Er ist der Einzige, der sich sofort bereit erklärt, zu den Bestattungen unserer verstorbenen Mitglieder zu gehen“, schildert Hella Richter, die Leiterin der Regionalgruppe, das Engagement des 80-Jährigen.

In Gruppenstärke

Gleich in Gruppenstärke sind einige Staßfurter nach Schönebeck gekommen. In der Bodestadt gibt es nämlich ein „Inklusion Netz“. Das ist ein Bündnis von Vereinen, Schulen und Personen, die gezielt eine Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am kulturellen, sportlichen und allgemein gesellschaftlichen Leben ermöglichen. „Wir machen uns stark dafür, die UN-Behindertenrechtskonvention mit Leben zu erfüllen“, hebt Christine Fischmann hervor. Sie ist die Gleichstellungs- und zugleich auch die Inklusionsbeauftragte der Staßfurter Stadtverwaltung. Für sie sei es ein Unding, dass es Menschen gibt ,,die diese Konvention in Frage stellen“. Christine Fischmann: „Wir wollen vor allem Begegnungen schaffen, um Barrieren in den Köpfen abzubauen.“ Für sie ist Chancengleichheit nicht, dass sich jeder einen Apfel pflücken kann, sondern dass dem Zwerg eine Leiter gereicht wird, sagt Fischmann, dabei ein Zitat gebrauchend.

Für ihre langjährige Mitarbeit beim ABiSA - auch als Vorstandsmitglied - bekommt Liane Jakob die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Sie wird demnächst nach Mecklenburg-Vorpommern umziehen.

Politik etwas schwerhörig

Eingeladen und gekommen sind der stellvertretende Landtagspräsident Wulf Gallert (Die Linke) sowie seine beiden Landtagskollegen Silke Schindler (SPD) und Matthias Krull (CDU). Gallert räumt ein, dass die Politik nicht immer ein offenes Ohr beim Thema Inklusion habe. Aber diese Gesellschaft sei eine lernende Gesellschaft. Gallert lobt die Veranstaltung in Schönebeck. „Es ist wichtig, Menschen zu ehren, die sich einsetzen. Wenn wir nur die negativen Dinge sehen, fehlt uns irgendwann die Kraft.“