Pretzien/Plötzky l Die Feuerwehr ist mancherorts der Dreh- und Angelpunkt eines intakten Dorflebens. Bestes Beispiel ist die Feuerwehr in Pretzien – mit 27 aktiven Kameraden gut aufgestellt, mit einem nagelneuen Fahrzeug technisch gerüstet und mit einem Förderverein im Rücken, der viel Engagement an den Tag legt. In der Nachbarschaft sieht das schon anders aus.

Die Kameraden der Ortswehr in Plötzky hat es hart getroffen. Seit Anfang vergangenen Jahres fehlt ihnen die Wehrleitung. Leiter und Stellvertreter haben das Ehrenamt aus beruflichen beziehungsweise persönlichen Gründen an den Nagel hängen müssen. Damit erfolgte, um die Wehrbereitschaft aufrechtzuerhalten und in Absprache mit Oberbürgermeister Bert Knoblauch und Stadtwehrleiter Uwe Tandler, die Angliederung an die Kameraden in Pretzien, erklärt deren Ortswehrleiter Michael Vorwerk im Gespräch. Seitdem werden Übungen und zum Teil auch Einsätze zusammen bestritten. Auch wenn das System funktioniert, langfristig sei das keine Lösung, sagt Vorwerk weiter.

Neun Kameraden in der Wehr

Das Problem: Den Plötzkyern fehlt die nötige Ausbildung der Kameraden und die Personaldecke ist zudem schlichtweg zu dünn. Derzeit gebe es neun Kameraden in der Wehr, wovon nur einer die Ausbildung zum notwendigen Truppführer absolvieren könnte. Von den neun Kameraden sind allerdings auch zwei noch nicht ausgebildet. Das reiche zwar nach der vorgeschriebenen Mindestausrückeordnung des Landes für eine Einsatzbereitschaft, aber nicht für eine vernünftige Einsatzstärke, also eine konsequente Bereitschaft zum Ausrücken.

Hier sieht der Ortswehrleiter ein großes Manko: „Mit der kleinen Mannschaft ist nur eine Einsatzstärke von zwei bis vier Feuerwehrleuten gewährleistet. Zudem gibt es in Plötzky nur zwei Maschinisten, die ein Feuerwehrauto fahren dürfen“, erklärt er. Das mag zunächst ausreichend klingen, aber die Einsatzkräfte können nicht alle gleichzeitig im Dienst sein. In Pretzien liegt die Einsatzstärke im Vergleich bei zehn bis 15 Personen, die regelmäßig einsatzfähig sind. „Zum Sturmeinsatz im vergangenen Jahr waren 22 von 27 Kameraden bei uns im Einsatz“, so Vorwerk. Ist nur eine geringe Bereitschaft da, könnte es im Ernstfall im wahrsten Sinne des Wortes somit brenzlig werden.

Und das, obwohl die Schönebecker Kameraden nicht weit entfernt sind. „Wenn beispielsweise in einer Hochwassersituation das Pretziener Wehr gezogen wird, sind wir von Schönebeck abgeschnitten. Dann greift auch die Zwölf-Minuten-Frist nicht mehr“, so Vorwerk. Auf die umliegenden Wehren verlassen kann sich der Ortswehrleiter ebenfalls nicht. Denn Elbenau und Ranies seien tagsüber nur bedingt oder gar nicht einsatzbereit.

Viele Lehrgänge

Immer wieder muss sich bei alledem vor Augen gehalten werden, dass die Einsatzkräfte das alles freiwillig auf sich nehmen. Dabei spielt vor allem der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle – gerade im Hinblick auf die notwendigen Laufbahnausbildungen. Zur Truppausbildung, der ersten Hürde zum neuen Wehrleiter, benötigt es die Truppmannausbildung, die die Truppmannausbildung Teil 1 (der Grundausbildungslehrgang mit 70 Stunden Ausbildungszeit), und die darauf aufbauende Truppmannausbildung Teil 2 (mit 80 Stunden) enthält.

Dazu gehört der abschließende Truppführerlehrgang (mit 36 Stunden). Darauffolgend baut der Gruppenführer-Lehrgang auf, für den ebenfalls 70 Stunden veranschlagt werden müssen. Und zu guter Letzt kommt der Lehrgang „Leiter einer Feuerwehr“, der laut Feuerwehr-Dienstvorschrift 2 des Landes ebenfalls mit 35 Stunden angesetzt ist – macht insgesamt mehr als 250 Stunden reine Ausbildung und damit viel Zeit, die in der Freizeit investiert werden muss.

Langes Prozedere

Hinzu kommt: Die Lehrgänge werden auf Landesebene und in einem zweiwöchigen Block durchgeführt. Und auch nicht jedes Jahr kann können alle Wehren solche Ausbildungen absolvieren. „Der Gruppenführerlehrgang in Heyrothsberge ist fest quotiert“, erklärt der Pretziener Ortswehrleiter. Die Anzahl der Lehrgänge lege das Institut für Brand- und Katastrophenschutz (IBK) Heyrothsberge fest. „Die Kreise melden vorher ihren Bedarf an. Danach verteilt das IBK die Lehrgangsplätze auf die Kreise“, erklärt der Ortswehrleiter. Kreisbrandmeister und Abschnittsleiter beraten sich anschließend darüber, welche Stadt oder Gemeinde wie viele Plätze bekommt. Und mit den Wehrleitern vor Ort werde dann letztendlich festgelegt, wer von denen, die Bedarf angemeldet haben, etwas bekommt, so Vorwerk.

So hätten in den vergangenen Jahren ein bis zwei von acht möglichen Ortswehren in Schönebeck solche Lehrgänge besuchen können. Insgesamt, konstatiert der Ortswehrleiter, könnte dieses Prozedere für die Kameraden der Plötzkyer Wehr also durchaus fünf bis sechs Jahre andauern, bis ein neuer Wehrleiter gestellt werden könnte. Frühestens laut Vorwerk aber 2020/2021.

Hoher Verwaltungsaufwand

So könnte sich aus der zunächst angedachten Übergangslösung ein langfristiges Unterfangen entwickeln. Eine schwierige Situation, für die der Ortswehrleiter den Schlüssel vor allem in der Neugewinnung von Einsatzkräften sieht. „Plötzky hat gut 1000 Einwohner. Wenn nur jeder Hundertste zur Feuerwehr gehen würden, hätten wir schon genug neue Leute“, so Vorwerk optimistisch. Mit der derzeitigen Situation zeigt sich der Wehrleiter jedenfalls nicht zufrieden. Der Verwaltungsaufwand für die Betreuung beider Wehren sei hoch. „Ich könnte das schon fast hauptberuflich machen“, so Michael Vorwerk. Und auch das Dorfleben leidet. Im vergangenen Jahr gab es in Plötzky erstmals kein Osterfeuer.

Die Stadtverwaltung äußerte sich gestern auf Nachfrage nicht zu dem Thema.