Calbe l Sie wollte immer schon mit Kindern arbeiten, sagt Roha Yousef. Die Syrerin flüchtete vor knapp drei Jahren aus ihrem Heimatland. Nun kommt sie ihrem Berufswunsch immer näher, denn im „Haus des Kindes“, der Calbenser Arbeiterwohlfahrt-Kita hat seit 1. Juni ihr Bundesfreiwilligendienst (BFD) für Menschen mit Fluchtbezug begonnen. Das Grundprinzip des Projektes vom Landesjugendwerk Sachsen-Anhalt: Keine Einheimischen sollen helfen, Geflüchtete zu integrieren, sondern die Zuwanderer sollen selbst aktiv werden, sagt Fabian Nagel. Er ist Referent für Bundesfreiwilligendienstleistende mit Fluchtbezug.

So unterstützt Roha derzeit die Erzieherinnen bei ihrer Arbeit, spielt mit den Kindern, hilft ihnen bei der Tagespflege und passt auf, dass die kindlichen Ideen nicht in gefährlichen Situationen enden. Die 23-Jährige, die vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen ist, strahlt über das ganze Gesicht. „Die Chefin war nett; da bin ich wieder hergekommen“, erklärt die junge Frau, weshalb sie sich für ihren Bufdi-Dienst gerade die Calbenser Kita ausgesucht hat.

Jetzt ist sie "Kollegin"

Schon seit 25. April nennen sie die übrigen Angstellten „Kollegin“. Auch die Kinder sehen sie seitdem in der Einrichtung ein- und aus gehen. „Wir haben lange nach Unterstützung gesucht“, erzählt die Kita-Leiterin Heike Espenhahn. Unterstützung für beispielsweise Gespräche mit arabischen Familien oder Übersetzungen.

Für Yousef, die selbst keine Kinder hat, bietet die zunächst zwölfmonatige Arbeit die Chance zum Aufbau einer beruflichen Perspektive. Mit Deutschlernen als positivem Nebeneffekt. Derzeit betreue sie Knirpse im Alter von zwei Jahren. Mal älter. Mal jünger. „Diese Kinder lernen aber gerade die deutsche Sprache“, sieht Espenhahn den entscheidenden Vorteil für die BFDlerin. Der rege Kontakt zu Mitarbeitern käme dazu. Traut sie sich aufgrund von unterlaufenen Fehlern weniger, Deutsch mit den Kollegen zu sprechen, so lege sie diese Scham und Scheu bei den Kindern ganz und gar ab.

Und so profitieren beide Seiten davon. „Sie spricht auch in ganzen Sätzen Deutsch“, lobt die Leiterin. Natürlich gebe es hin und wieder Kommunikationsprobleme, bei denen auch Englisch nicht weiterhilft. Aber: Bei langsamem Sprechen kommt das Verständnis, beruft sich Espenhahn auf Erfahrungswerte. Erzieherin Anna Dockal ist Yousefs persönliche Betreuerin. Ein freundschaftlicher Kontakt hätte sich an dieser Stelle bereits aufgebaut. Genau so soll es auch laufen.

Ein Jahr soll das Schnuppern als Bufdi nun andauern, könnte danach allerdings um weitere sechs Monate verlängert werden. Bis dahin ist noch Zeit und Aufgaben für die junge Frau sind zur Erledigung freigegeben. So zum Beispiel das Übersetzen von Aushängen ins Arabische. Wichtig ist ebenfalls, dass für alle Beteiligten Zeit zum Kennenlernen bleibt. Was genau auf ihrer Flucht passiert ist, liegt auch für die Mitarbeiter der Kita im Dunkeln. Die Hoffnung ist, dass Roha Yousef noch Vertrauen fasst und sich öffnet. Noch weiter, als sie es getan hat - schon dies ist nicht wegzudiskutieren. Denn obwohl die junge Frau schüchtern daherkommt, habe sie sich ganz zu Anfang, noch in einer Maßnahme des Jobcenters untergebracht, kaum getraut, die deutsche Sprache anzuwenden.

Ausbildung zur Erziehungshelferin?

Nach ihrer BFD-Zeit könnte die Schönebeckerin vielleicht sogar eine Ausbildung zur Erziehungshelferin absolvieren, überlegt Ines Grimm-Hübner, die Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbandes Salzland e.V.

Das Landesjugendwerk ist Träger der Freiwilligendienste. Insgesamt 180 seien es Referent Nagel derzeit in ganz Sachsen-Anhalt. Kitas seien als Lern- und Integrationsstätten ganz besonders geeignet, da sich die Kinder sprachlich in einer ähnlichen Sitution sind wie die Geflüchteten befänden, sagt Nagel und überreicht eine Plakette.