Demenz

Pate braucht Fingerspitzengefühl

Demenzerkrankungen verändern das Leben. Als Unterstützung hat ein Verein das Projekt der Demenzpaten ins Leben gerufen.

Von Kathleen Radunsky-Neumann

Schönebeck l Normalerweise kennt sich Klaus Zeppernick sehr gut bei den Straßennamen in seiner Heimatstadt aus - schließlich war er als Elektromeister immer viel unterwegs. Doch an manchen Tagen will das Gehirn des Schönebeckers nicht so funktionieren, wie es soll. Dann verirrt sich der 76-Jährige in Schönebeck, obwohl er die Stadt wie seine Westentasche kennt. Solche Tage werden immer mehr. Es sind jene Tage, an denen sich deutlich zeigt, dass Klaus Zeppernick an Demenz erkrankt ist.

„Es fing mit Vergesslichkeiten an“, sagt Gerlinde Zeppernick und blickt auf das Jahr 2012 zurück. Mit der Zeit wurden diese Momente immer mehr, bis im Januar 2015 die Demenz diagnostiziert wurde. Seither muss sich die liebende Ehefrau rund um die Uhr um ihren Mann kümmern. Was in dem einen Moment noch geklappt hat, muss sie im nächsten für ihn übernehmen.

Er sucht verzweifelt den Schlüssel, dabei liegt er vor ihm auf dem Tisch. Die Kleidung gibt Gerlinde Zeppernick ihrem Mann morgens aus dem Schrank, so wie es eine Mutter für ihr Kind tut. Autofahren darf Klaus Zeppernick mit der Diagnose Demenz nicht mehr. Sie ist noch nie gefahren. Ein herber Einschnitt in die Mobilität des Ehepaares. Hinzu kommt, dass die 71-Jährige selbst gesundheitlich angeschlagen ist.

„Das Ehepaar Zeppernick hat es nicht einfach“, sagt Holger Schwenzfeier. Der Schönebecker kennt das kinderlose Paar gut. Dabei ist diese Bekanntschaft noch recht frisch. Im September 2015 war sie zum Verein „Rückenwind“ gegangen, der von seinem klassischen Aufgabengebiet her - nämlich der Jugendarbeit - eher wenig mit Demenz zu tun hatte. Doch seit 2014 läuft unter dem Dach des „Mehrgenerationenhauses“, das „Rückenwind“ an der Bahnhofstraße betreibt, das Projekt der „Demenzpaten“. Das sind Ehrenamtliche, die Familien von Demenzerkrankten unterstützen. Ihr sogenanntes niederschwelliges Angebot besteht darin, dass sie mit den Demenzerkrankten Zeit verbringen. Das können Spaziergänge, Gespräche oder das Ansehen von Fotoalben sein. Somit verschaffen sie den Angehörigen Freizeit.

Als Gerlinde Zeppernick also im September 2015 den Aktionstag zur Woche der Demenz zum Anlass nimmt, zu „Rückenwind“ zu gehen, „um mich zu informieren“, bringt sie sich letztlich eine enorme Erleichterung mit nach Hause. Und zwar in Form von Siegfried Künze. Er hat im vergangenen Jahr seine Weiterbildung zum ehrenamtlichen Demenzpaten bei „Rückenwind“ absolviert. „Und er passt wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf“, sagt Holger Schwenzfeier, der für das Projekt bei „Rückenwind“ verantwortlich ist. Er leitet die Weiterbildung und vermittelt die Paten an ihre Familien. „Das braucht Fingerspitzengefühl, denn die Chemie muss passen“, sagt er, dass das dieses ein sensibles Thema sei. Schließlich gehöre jede Menge Vertrauen dazu, da die Familien Fremde in ihre Wohnung lassen und ihm vor allem ihren an Demenzerkrankten Angehörigen an die Hand geben.

Es ist also auch Vorarbeit von Holger Schwenzfeier nötig, die im Fall des Ehepaars Zeppernick gefruchtet hat. Einmal in der Woche - meist donnerstags - treffen sich der ehrenamtliche Demenzpate Siegfried Künze und Klaus Zeppernick. „Dann machen wir oft Spaziergänge“, erzählt der Senior. Dabei könne der „Alte Hase“ seinem Paten die Stadt zeigen. Und Siegfried Künze sagt mit einem Augenzwinkern: „Ich sporne ihn ein wenig an, mir als Pretziener sein Schönebeck zu zeigen.“ Ob das Gradierwerk oder die Altstadt, kein Weg ist den beiden zu lang. „Und ein Käffchen gehen wir auch gern einmal trinken“, erzählt Klaus Zeppernick. Besonders freue ihn, dass er mit seinem Paten über technische Dinge fachsimpeln kann. Denn die Sachen von früher sind bei Demenzerkrankten oft noch sehr präsent.

Unverändert bleiben außerdem gewisse Wesenszüge. Bei Klaus Zeppernick ist das ganz klar seine sympathische Art. Und die alte Schule, denn er verhält sich wie ein Gentleman. So schiebt er der Dame selbstverständlich den Stuhl an den Tisch. Oder eine Verabschiedung nur an der Wohnungstür? Fehlanzeige bei dem 76-Jährigen, er bringt seine Gäste bis zur Haustür. Er lächelt. Spricht in Ruhe.

Und er hat sich ein Hobby bewahrt. Das Fotografieren. Das hat er schon immer gern getan. Und so hat er auch heute noch immer eine kleine Kamera dabei, wenn er mit seinem Paten durch Schönebeck spaziert.

Nicht nur für Klaus Zeppernick sind die Treffen mit dem Demenzpaten etwas Besonderes. Seine Frau profitiert ebenso. Denn sie kann die meist zwei Stunden, die die Männer unter sich sind, für sich nutzen. „Die pflegenden Angehörigen stehen unter ungemeinem Druck“, sagt Holger Schwenzfeier, der vor seiner Tätigkeit für „Rückenwind“ in der Altenpflege gearbeitet hat. „Sie müssen zu hundert Prozent für ihren Angehörigen da sein und tragen meist die Verantwortung allein“, sagt er. Zeit für sich, um Dinge zu erledigen oder einfach nur den eigenen Energiehaushalt aufzutanken, gebe es dabei kaum bis gar nicht. „Hier setzen wir mit unserem Projekt an“, nennt er den Hintergrund der Demenzpaten. Denn sie bieten den pflegenden Angehörigen eine kleine Auszeit.

Die Familie selbst kostet der Demenzpate nichts - bis auf das Vertrauen, das sie ihm entgegenbringt. Durch das Sozialgesetzbuch, so Holger Schwenzfeier, ist festgeschrieben, dass für Angebote wie das der Demenzpaten, die eine geringe Aufwandsentschädigung erhalten, rund 100 Euro monatlich zur Verfügung stehen. Für den Projektkoordinator ist es also fraglich, warum das Angebot von Rückenwind nicht mehr nachgefragt wird. Von den acht weitergebildeten Demenzpaten sind derzeit drei im Einsatz.

„Ich hoffe, dass sich unser Angebot noch mehr herumspricht“, sagt er. Der Bedarf sei da, ist er überzeugt. Nur trauen sich die Angehörigen nicht, die Hilfe in Anspruch zu nehmen? Seiner Meinung nach bringe dieses Ehrenamt allen Seiten etwas. Während der pflegende Angehörige eine Auszeit erhält, bekommt der Demenzkranke einen Freund. Und der Demenzpate? „Es ist mir ein Bedürfnis zu helfen“, sagt Siegfried Künze. Seine wöchentlichen Treffen mit Klaus Zeppernick möchte er nicht missen. „Und ich habe den Vorteil, dass ich in Altersteilzeit bin, ich habe also Zeit“, sagt der 63-Jährige. Selbstverständlich ist sein Engagement trotzdem nicht.

Interessenten am Projekt „Demenzpaten“ erreichen Holger Schwenzfeier unter Telefon (0 39 28) 7 68 77 13 oder per E-Mail unter freiwilligenprojekt@rueckenwind-schoenebeck.de.