Konzerte

Rock ’n’ Roll im Rautenkranz

Der "Rautenkranz" in Barby hat sich als Rocktempel einen Namen gemacht.

Von Thomas Linßner

Barby l „Los, wir müssen uns beeilen, dass die Stühle hier verschwinden“, bringt Frank Bläsing einen seiner Mitarbeiter in Schwung. Wo gestern noch die Rentnerfeier stattfand, muss morgen das Mobiliar des Saals auf ein Minimum reduziert werden. Denn ein Rockkonzert steht auf dem Programm. (Diese Szene spielte sich vor der Corona-Zeit ab.) Der Kartenvorverkauf signalisiert, dass die Bude voll wird. Wobei „Bude“ zwar sehr schön rockig-respektlos klingt, aber nicht ganz treffend ist. Denn in den Saal des „Rautenkranz“ passen 500 Personen. Wenn sie stehen. Und wer sitzt schon gern beim Rock ’n’ Roll ...

Der angebaute Saal des über 300 Jahre alten Hauses ist freilich jünger. Er wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der damals typischen Klinkerbauweise angefügt. Deutschland ging es gut; Vereine schossen wie Pilze aus dem Boden. Sie alle brauchten ein Obdach.

Frank Bläsing ist Barbyer. Der fitte 60-Jährige, der schon mal nach New York jettet, um am Marathon teilzunehmen, war schon immer an Rockmusik interessiert. Die man in den späten 60ern freilich noch Beat nannte. Schon als Pubertierenden zog es ihn sonntags magisch in den „Kranz“, wenn von 16 bis 21 Uhr eine Band zum „Jugendtanz“ spielte. Es war die Zeit, als überwiegend Amateurbands lärmten und der Eintritt 2,60 Mark kostete.

Wirtin war zu jener Zeit die in Barby legendäre Elfriede Krimmling. Sie war klein, drahtig, mürrisch und geschäftstüchtig. Vor allem resolut! „Wenn sich welche im Saal prügelten - und das geschah nicht gerade selten - ging die mit einem nassen Scheuerlappen dazwischen“, lacht Frank Bläsing. Der habe effektiver gewirkt als Polizei, Strafanzeige oder sonstwas. Wer einmal den nassen, kalten und stinkigen Lappen um die Ohren gekriegt hatte, überlegte sich beim nächsten Mal, wo er den Konflikt austragen würde.

„Wenn eine Band in den 70ern nicht ‚Child In Time‘ oder ‚Smoke On The Water‘ von Deep Purple drauf hatte, brauchte sie hier eigentlich gar nicht anzutreten“, erinnert sich der Barbyer. Davor, in den späten 60ern, kam ein Konzert nicht ohne diverse Rolling-Stones-Titel aus. Das Publikum verlangte danach. Auch Bläsing stand auf diese Art des Rocks, den unzählige Bands im „Rautenkranz“ immer wieder coverten. „Damals hätte ich es mir um keinen Preis der Welt träumen lassen, dass meine Helden einmal live in Barby auftreten würden“, gesteht der 60-Jährige. Woran er selbst ein gerüttelt Maß Anteil hat: Denn Bläsing holt seit 1996 Bands in den „Rautenkranz“, die sonst nur in großen Sälen auftreten.

Warum sie nach Klein-Barby kommen? In einen Saal, in dem es bei 400 Stehplätzen schon eng wird? „Oft ist es so, dass die Agenturen Lücken im Tourenplan füllen möchten“, stapelt Frank Bläsing tief. Wenn zum Beispiel Roger Chapman in Hamburg spielte und zwei Tage darauf in München, sei „die Mitte“ der Republik ganz passend.

Hinzu kommt, dass sich Frank Bläsing in über 20 Jahren einen guten Ruf bei den Musik-Agenturen erarbeitet hat: Das Ambiente stimmt, das Catering für die Künstler auch - nicht zuletzt erfüllt der Barbyer die (finanziellen) Verträge zuverlässig. Wie hoch die Gage für die Bands ist? Betriebsgeheimnis.

Nur so viel: Als Manfred Man‘s Earth Band auftrat, erreichte die Gage die Höhe eines guten Mittelklassewagens.

Zum Auftakt im Jahr 1996 toppte ausgerechnet die ostdeutsche Gruppe Keimzeit alle Besucherrekorde. Als ein paar Wochen später die Magdeburger Spaßeingreiftruppe Blues Jackets auftrat, standen bald mehr Musiker auf der Bühne als Publikum im Saal war. Finanzielle Rückschläge wie diesen erlebte der mutige Veranstalter auch 2016, als die Rockband The Quireboys mangels Publikumsinteresse abgesagt werden musste. Solche Ereignisse sind freilich ein Schlag ins Kontor.

Dennoch macht Bläsing immer weiter. So zum Beispiel Ende 2019, als „Pete York‘s Rock & Blues Circus“ nach Barby kam. York, unter anderem bekannt als Drummer der Spencer Davis Group, die mit internationalen Top-Hits wie „Keep On Running“, „Gimme Some Lovin’“ oder „I’m A Man“ selbst Musikgeschichte in den 1960ern schrieb.

Und: In seinem Gefolge war Deep-Purple-Bassist Roger Glover. Der ist mit seinen britischen Hardrockern noch heute gut im Geschäft, gönnt sich aber auch gerne eine Auszeit mit anderen Gleichgesinnten. „Diesen Auftritt hatten wir schon lange im Hinterkopf. Die Organisatoren der Tour mussten nur gucken, wann Roger Glover mal frei bei Deep Purple hatte“, erzählt Frank Bläsing. Glover schrieb auch den Klassiker „Smoke On The Water“. Womit sich der Kreis schließt. „Vor 50 Jahren von Amateurbands unzählige Mal gecovert, stand nun der Komponist live in Barby auf der Bühne“, sagt Bläsing stolz.

„Wenn eine Band in den 70ern nicht ‚Child In Time‘ oder ‚Smoke On The Water‘ von Deep Purple drauf hatte, brauchte sie hier eigentlich gar nicht anzutreten.“

Der „Kranz“ hat sich seit fast einem viertel Jahrhundert Bläsing einen Namen im Land gemacht. Die meisten Fans reisen auch von weit her an, wie beispielsweise ein Norweger zum Konzert der Jazz-Rockband Colosseum oder ein paar Tschechen bei Wishbone Ash.

Seit langem liest sich das Gästebuch wie ein Who’s Who der Pop-Geschichte: Solche Größen wie Canned Heat, Melanie („Ruby Tuesday“), Slade, Nazareth („Love Hurts“), Manfred Man’s Earth Band, Ten Years After, Roger Chapman, M3 White Snake, Wishbone Ash, Molly Hatchet oder Roger Glover und Genossen traten auf. Der „Kulttempel Kranz“ hat sich in der Szene herumgesprochen, auch in der internationalen.

Nicht selten übernachten die Oldstars auch im „Rautenkranz“. Dann sind Bläsing und sein Team ganz dicht dran an ihnen. Als Manfred Man 2002 ein grandioses Konzert gab, wurde vorher ausgiebig getafelt. Der Wirt hatte in der Hektik versäumt, dem Meister, der in den 1960ern so bekannt wie die Beatles, Rolling Stones und Kinks war, seinen Pudding zu kredenzen. Manfred Man schielte vorwurfsvoll über die Brille und knurrte: „Where’s my dessert?!“

Oder Roger Chapman. Dessen Catering-Vertrag regelte klar und deutlich, dass ein paar Flaschen australischer Rotwein der Marke „Shiraz“ hinter der Bühne stehen mussten. „Ich war in der Metro und habe aus Versehen südafrikanischen Shiraz gekauft“, erinnert sich Bläsing. Als er bei der Konzertagentur Gott sei Dank anklingelte, um zu fragen „ob das schlimm“ sei, habe der Tourmanager bald Schnapp­atmung gekriegt: „Um Gottes Willen, Roger Chapman trinkt nur australischen Rotwein der Marke Shiraz!“ Also machte sich der Barbyer kurz vor dem Konzert noch mal hektisch in die Spur nach Magdeburg ...

Und? Wie sind sie denn so, die alten Rocker? Verwüsten sie noch die Hotelzimmer? „Ach was, die sind doch auch in die Jahre gekommen“, lächelt Bläsing. Bei einem Übernachtungsgast habe er allerdings mal „komische Krümel“ auf dem Tisch gefunden, die sehr nach „Gras“ aussahen. Aber sonst: keine besonderen Vorkommnisse.

Passend dazu eine Story, die beweist, dass Rockmusik offensichtlich therapeutische Qualitäten hat: Der Bass-gitarrist von Ten Years After (Woodstock-Festival-Teilnehmer 1969) humpelte über den Saal, als müsse er tags darauf zur Hüftgelenk-OP. „Wir haben gedacht: Das Konzert hält der nie durch“, weiß Frank Bläsing noch genau. Als der Brite dann wenig später mit seinem fünfsaitigen Fenderbass auf der Bühne stand, war alles Ungemach wie fortgeblasen und von Humpelei keine Spur mehr.

Was uns mal wieder zeigt: Rock ‘n‘ Roll ist ein Jungbrunnen.