Barby/Naumburg l Es ist ein lauschiger Spätsommermorgen. Rolf Pepperl will an diesem Tag seine Freundin in Berlin besuchen. Der junge Mann ist Fahrer des VEB Kraftverkehr Schönebeck. Im Auftrag des Gummiwerkes soll er eine Ladung Schuhsohlen zur Naumburger Schuhfabrik „Banner“ bringen. Der Barbyer fährt sehr früh los, um auf dem Rückweg rechtzeitig bei seiner Freundin zu sein. Es ist wenig Verkehr, er kommt gut durch.

In Naumburgs Rosa-Luxemburg-Straße ist das Werktor der Schuhfabrik noch verschlossen. Rolf Pepperl klappt den Sitz seines Lkw „W 50“ zurück und macht es sich bequem, nickt ein wenig ein. Die Straße liegt noch im Dämmerlicht, die Fenster der angrenzenden Wohnhäuser sind dunkel. Auch in der benachbarten Russenkaserne brennen nur ein paar spärliche Laternen. Diese Beobachtung wird die letzte sein, die Rolf aus Barbys Gartengasse in seinem jungen Leben macht.

Wenig später durchsieben ihn Schüsse aus einer Kalaschnikow. Der Sowjetsoldat A.A. Mawlanow feuert sein 30-Patronen-Magazin leer. Zwei Männer, die hinter dem Lkw in einem Kleintransporter „B 1000“ parken, springen aus dem Auto, entkommen knapp dem Tod. Für Rolf Pepperl kommt jede Hilfe zu spät.

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Stasi sperrt weiträumig ab

Da es sich um ein dicht besiedeltes Wohngebiet handelt, sperrt die Staatssicherheit das Terrain schnell und weiträumig ab. Anwohner, die der Vorfall in Angst und Schrecken versetzt, werden über die Hintergründe nicht aufgeklärt. Die Medien schweigen, sogar die Volkspolizei wird nur spärlich informiert. Sobald die „Freunde“, also sowjetische Besatzer, eine Rolle spielten, vertuscht die Staatsmacht jegliches Geschehen. Dafür berichtet die Zeitung in epischer Länge über Erfolge bei der Planerfüllung …

Am späten Nachmittag halten drei Pkw vor dem Haus von Rolf Pepperls Mutter in Barby. Ihnen entsteigen Kollegen des Kraftverkehrs, die anderen kennt sie nicht. Ein Mann fragt: „Sind Sie Frau Gerda Janzack?“ Der förmlichen Frage folgt sofort eine erschütternde Information: „Ich muss Ihnen die Mitteilung machen, dass Ihr Sohn Rolf tot ist…“

„Im ersten Moment habe ich gedacht, dass er einen Verkehrsunfall hatte“, erinnerte sich Gerda Janzack 25 Jahre später. Rolf war aus erster Ehe, wohnte bei seiner Mutter und deren neuem Partner. Sein Vater arbeitete in der Maisan als Lokschlosser.

Über die Hintergründe seines Todes lässt man die Eltern im Unklaren. Sie dürfen ihren Sohn auch nicht noch mal sehen, ehe er unweit der Barbyer Friedhofskapelle beerdigt wird. Die wenige Tage später stattfindende Beisetzung artet zur Großveranstaltung aus. „Der Friedhof war schwarz von Menschen, die meisten habe ich nicht gekannt“, sagte Gerda Janzack.

Tipp vom Kraftfahrer

Man munkelt, dass ein Großteil der „Unbekannten“ Mitarbeiter der Staatssicherheit sind. Die Beerdigungskosten begleicht bezeichnenderweise das MfS. Dennoch hat sich in Barby der Fall schnell herumgesprochen. Auch, dass ein Russe am tragischen Tod des 22-Jährigen Schuld sein soll. Wenn derartige Fälle von der Staatsmacht vertuscht werden, funktioniert der Buschfunk. Ein Kollege des Kraftverkehrs hatte aus Naumburg von einem Verwandten einen entsprechenden Tipp bekommen.

Was den Eltern von Rolf Pepperl allerdings wenig hilft. Dennoch kommt es zu einem Prozess. Der Staat muss reagieren, da die Schießerei in einem dicht besiedelten Wohngebiet die Bürger in Harnisch bringt. Wäre Rolf Pepperl beispielsweise auf einem abgeschirmten Truppenübungsplatz ums Leben gekommen, hätten die Verwandten null Informationen bekommen.

Erst am 20. März 1980 erfahren die Eltern während der Gerichtsverhandlung vor einem Militärtribunal in Potsdam vage, was sich ein halbes Jahr zuvor in Naumburg abgespielt hatte. In einem abgeschirmten Anklagekasten sitzt der 20-jährige Soldat A.A. Mawlanow.

Kleine Sensation

Gerda Janzack wundert sich, dass die Übersetzerin schnell und undeutlich spricht. Sollte das Kalkül sein? Sollen Einzelheiten verschwiegen werden? Das Gerichtsverfahren an sich ist ja im Staate DDR schon eine kleine Sensation. Dann fällt das Urteil: Mawlanow wird wegen Mord an Rolf Pepperl und versuchtem Mord an zwei weiteren Männern zu 15 Jahren Freiheitsstrafe in einer „Arbeitserziehungsanstalt mit strengen Haftbedingungen“ verurteilt. Mehr erfahren die Hinterbliebenen nicht.

In einem Schreiben vom 6. Januar 1983 teilt der Vize-Vorsitzende des Militärtribunals, Oberst W. Kortunow, Gerda Janzack schriftlich mit, dass der „am Tode Ihres Sohnes schuld habende Bürger der UdSSR“ verurteilt wurde.

Gerda Janzacks Kollegen aus dem Traktorenwerk Schönebeck und viele Barbyer Bürger zeigen stilles Mitgefühl. Wobei „still“ im doppelten Sinne gemeint ist …

Anruf vom Bundesjustiministerium

Im Sommer 2005 erhalten Gerda Janzack und ihr jetziger Mann Paul einen Anruf vom Bundesjustizministerium. Man teilt ihnen mit, dass sich in kürzester Zeit das Justizministerium Sachsen-Anhalt melden werde. Einen Tag später lädt sie kein Geringerer als Justizminister Curt Becker (CDU) nach Magdeburg ein. Er und Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad hatten bereits im März 2003 beim russischen Hauptmilitärstaatsanwalt um Akteneinsicht gebeten. Becker hatte als ehemaliger Oberbürgermeister von Naumburg ohnehin ein besonderes Interesse an diesem spektakulären Fall.

Im März 2005 kommt Antwort aus Moskau. Aus dem Schreiben der Militärstaatsanwaltschaft geht hervor, dass der Soldat die Schießerei inszenierte, um einen Überfall auf sowjetische Wachsoldaten vorzutäuschen. Er erhoffte sich „Sonderurlaub für wachsame Dienstverrichtung“. Nach Mawlanows erster Aussage soll der deutsche Kraftfahrer versucht haben, über die Mauer zu klettern, um in die Kaserne einzudringen. Der Armist schoss sein Magazin leer, durchsiebte das Führerhaus des „W 50“, in dem der Barbyer schlief. Die spätere kriminaltechnische Tatortuntersuchung ergab jedoch nicht die geringste Kletterspur.

Gerda und Paul Janzack wurde empfohlen, sich einen Anwalt zu nehmen, um Schmerzensgeld und einen Grabpflegezuschuss zu erwirken.

Anzeige schaltet Stadt

Auch in einem anderen Fall wurde Curt Becker damals aktiv. In den 1980er Jahren hatte ein sowjetischer Offizier ein Liebespaar in einem Pkw erschossen und war anschließend mit dem Auto geflüchtet. Dazu konnte die russische Staatsanwaltschaft in den Archiven allerdings keine Unterlagen finden. Was zeigt, dass der Umgang mit dem „Fall Pepperl“ etwas Besonderes gewesen sein musste.

Der leibliche Vater von Rolf - ein Heimatvertriebener und Handwerker mit „goldenen Händen“ – kam nie über den Tod seines Sohnes hinweg. Wenn er „gerne einen trank“, wie man in Barby schnell und heiter urteilte, hatte das seine Gründe. Gerda Janzack rührte nach dem Tod ihres Sohnes viele Jahre dessen Zimmer nicht an.

Der damalige Vize-Bürgermeister Jens Strube kann sich bis heute noch gut an den Vorfall erinnern. Der Rat der Stadt wurde verpflichtet, die Traueranzeige in der Volksstimme zu schalten. „Da durfte kein Wort von ‚Sowjetarmee‘ oder was ähnliches drin stehen“, so Strube.