Sprache

Wird das Gendersternchen bald zur Pflicht im Salzlandkreis?

An den meisten Universitäten des Landes ist die genderneutrale Sprache mittlerweile gang und gäbe. In den Behörden des Salzlandkreises sieht es anders aus - noch.

Von Sebastian Rose
Das Thema Gendern ist mittlerweile in der öffentlichen Diskussion angekommen.
Das Thema Gendern ist mittlerweile in der öffentlichen Diskussion angekommen. Symbolfoto: dpa

Salzlandkreis - Die Volksstimme gendert nicht. Chefredakteur Alois Kösters hat dazu eine einfach Meinung: „Allem voran: Es funktioniert nicht.“ Viele verschiedene Vorschläge gibt es nebenbei zu der geschlechtsgerechten Sprache, wie Befürworter sagen würden. Ärztys statt Ärzte ist beispielsweise einer. Oder eben Doppelpunkt oder ein kleines Sternchen zwischen zwei Wörtern.

In Kassel ist es einigen Uni-Seminaren sogar kontroverse Pflicht, zu gendern. Sonst droht Punktabzug. Den heimischen Behörden ist es freigestellt, inwiefern sie die Gender-Sprache verwenden - noch: „Das Bundesverfassungsgericht hat am 10. Oktober 2017 geurteilt, dass im Behördenregister neben männlich und weiblich eine weitere Option für das dritte Geschlecht ermöglicht werden soll. Damit hat das BVG anerkannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt“, fasst Frank Nahrstedt, Pressesprecher der Stadt Schönebeck zusammen.

Seit Januar 2019 sind die Kommunen nun aufgefordert, die dritte Geschlechtsoption einzubeziehen. In welcher Form, ist offen. In beispielsweise den Stellenausschreibungen der Stadt steht der Zusatz (m/w/d), wobei der Buchstabe d für divers steht.

Immer mehr geschlechtsneutrale Formulierungen in Schönebeck

„Speziell bei den Texten für - zum Beispiel - die Partnerschaft Demokratie leben Schönebeck versucht die Stadtverwaltung, noch genauer die gendergerechte Sprache zu verwenden. Weiterhin wird auch zukünftig noch mehr auf Paarformen, Kollektivbezeichnungen, Geschlechtsneutrale Formulierungen und Neutrale Sachbezeichnungen geachtet, um in Publikationen Stereotype aufzubrechen und Klischees zu vermeiden“, so Nahrstedt weiter.

Heißt also, es wird immer mehr Veröffentlichungen der Stadt mit Formulierungen wie „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ geben. Das Gendersternchen steht vorerst nicht unbedingt auf der kurzfristigen Agenda.

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt im Übrigen das gendern gänzlich ab. Die öffentliche Diskussion dreht sich zumeist nicht unbedingt um den Grundsatz, allen drei Geschlechtern gerecht zu werden, sondern um die Gewohnheit und Veränderung der Sprache.

Kreisverwaltung will Schritt für Schritt geschlechtergerecht werden

Die zeitgemäße Verwaltungssprache umfasst laut Marianne Bothe, Pressesprecherin des Salzlandkreises, gleichermaßen Frauen und Männer und jene, die sich selbst nicht als Frau oder Mann beschreiben. „Einige Kommunen und wenige Landkreisverwaltungen nutzen auf dieser freiwilligen Basis eine geschlechtergerechte Sprache. Stück für Stück und, zugegeben, mehr spontan als organisiert, setzt sich auch in unserer Kreisverwaltung eine gendergerechte Sprache durch“, antwortet sie per Mail auf Nachfrage der Volksstimme.

Weiter ist es derzeit freiwillig, ob Mitarbeiter der Kreisverwaltung das Gendersternchen nutzen möchten, oder eben nicht. In den Pressemitteilungen wird bis jetzt nur die Form „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ verwendet.

Auch in der Landkreisverwaltung werden Dienstanweisungen, Kreistagsvorlagen und Stellenausschreibungen für jedes der drei Geschlechter formuliert.

Gleichstellungsbeauftragte will „ärztliche Fachkraft“ statt" „Arzt“

Die Gleichstellungsbeauftragte des Salzlandkreises, Astrid Müller, will die derzeitige Praxis dahingehend gern verändern, dass zum Beispiel Funktionsbezeichnung vor den Kürzeln m/w/d in genderneutraler Form aufgeführt sind. „Hier feiert das generische Maskulinum Wiederauferstehung, beispielsweise der Arzt als Sammelbegriff mit dem Zusatz (m/w/d), was bei der zweigeschlechtlichen Schreibweise (Arzt/Ärztin) zuvor als überwunden galt. Die Gleichstellungsbeauftragte regt stattdessen an, die männliche Bezeichnung Arzt umzuwandeln in ärztliche Fachkraft", so Bothe weiter.

Sollte ein Bürger - „jeder der bereit ist, die Sprachtradition des generischen Maskulinums zurückzudrängen“, so Bothe, - eine Änderung wünschen, dann fände er jederzeit Gehör in der Kreisverwaltung und bei der Gleichstellungsbeauftragten.

„Wir sollten bei allem bedenken, dass wir nicht Themen in den Vordergrund rücken, die in unserer Bevölkerung nicht wirklich welche sind.

Landrat Markus Bauer

Landrat Markus Bauer beschwichtigt da ein wenig: „Wie wollen wir miteinander leben? Wenn wir jederzeit sorgsam sind im alltäglichen Miteinander, dann ist das die Grundlage für unser Handeln (...).“

Kommunikation ginge nur über die richtige Sprache. Sie sei veränderlich und müsse jeden erreichen. Er fügt hinzu: „Wir sollten bei allem bedenken, dass wir nicht Themen in den Vordergrund rücken, die in unserer Bevölkerung nicht wirklich welche sind. Vielmehr glaube ich, wir müssen es wieder schaffen, unsere Kraft für die Gemeinsamkeit aller Menschen und Kulturen zur Bewältigung der Aufgaben vor uns zu konzentrieren, unabhängig von Gender-Sternchen.

Die Staßfurter Stadtverwaltung steht generell dem Gendern offen gegenüber. Bisher wird jedoch eher das generische Maskulinum in internen und externen Schriften verwendet. Immer häufiger jedoch sind auf Formulierungen wie „Stadträtinnen und Stadträte“ in der Kommunikation zu finden.

„Warum in der Sprache die Männer eher gemeint sind, darüber lohnt es sich nachzudenken. Wir sollten uns dieses Faktes verstärkt annehmen. Es wäre eine Option, sich diesem Problem direkt anzunehmen, statt die Sprache unter die Lupe zu nehmen, damit Geschlechtergerechtigkeit umgesetzt wird“, erklärt Christine Fischmann, Gleichstellungs- und Inklusionsbeauftragte der Stadt Staßfurt.

„Der Stadtrat könnte in einem Beschluss seinen politischen Willen zur durchgängig gendergerechten Sprache bei der Stadt Staßfurt in Broschüren und ähnliches im Verwaltungshandeln einfordern. Dann wäre die Verwaltung zur Umsetzung verpflichtet. Der Wind, der entgegenschlagen könnte, wird gefühlt kräftig befürchtet und schein für das sensible Thema zurzeit kontraproduktiv“, so Fischmann weiter. Kurzfristig wird also in Staßfurt in Sachen Gendern wenig passieren. Wenn die Bürgerschaft dies allerdings immer vehementer einfordere, könne ein gewählter Stadtrat das Instrument zur Beschleunigung sein.