Jubiläum

Löderburger wird 100 Jahre alt

Horst Leßmann aus Löderburg feiert seinen 100. Geburtstag und bekommt dabei auch Besuch des Heimatvereins, in dem er selbst Mitglied ist.

Löderburg l Kaum hatte Helga Dornemann den Finger auf der Klingel in der Friedensstraße in Löderburg, da sprang die Haustür in dem mehrgeschossigen Mehrfamilienhaus schon auf. Horst Leßmann musste schon dahinter gewartet haben. Und er sah glücklich aus. In seinem roten T-Shirt, auf dem in gelber Schrift sein Name stand, strahlte das Geburtstagskind in die Frühlingssonne und den Gratulanten in ihrer Tracht entgegen.

Der Löderburger Horst Leßmann ist am Freitag 100 Jahre alt geworden. Und weil der Senior Mitglied im Heimatverein ist und dort noch selbst an Sitzungen teilnimmt, gab dieser seinem ältesten Mitglied etwas zurück. Bunt und farbenfroh waren die Gewänder, in denen die Mitglieder des Heimatvereins am Montag ihre Aufwartung machten. Ein kleines Gedicht, ein netter Spruch und ja, auch die eine oder andere kurze Umarmung war dabei.

Leßmann jedenfalls freute sich. Und konnte es selbst nicht glauben, dass sein Alter jetzt aus drei Ziffern besteht. „Ich habe das noch gar nicht verinnerlicht. Ich begreife das gar nicht“, sagte er und lachte wieder. Ganz allein wohnt der Rentner in der kleinen Wohnung in Löderburg und braucht eigentlich auch gar keine Hilfe. „Ich mache meine Küche noch selber, mache mein Bett und gehe einkaufen“, erzählt er. Der Tagesablauf ist klar strukturiert. Gegen 8 Uhr steht Leßmann auf, dann isst er sein Frühstück, danach geht er einkaufen. Der Supermarkt ist gleich um die Ecke und für den 100-Jährigen noch gut zu Fuß zu erreichen. Dann bereitet er zu Hause sein Mittagessen vor. Der Mittagsruhe im Anschluss folgt ein kleiner Spaziergang im Ort, bevor es Kaffee gibt. Oft liest er dann danach. Ganz klar: Langweilig ist ihm nicht. So wird man 100 Jahre alt.

Horst Leßmann ist ein Ur-Löderburger. Als im Jahr 1920 der Kaiser gerade einmal abgedankt hatte und die Weimarer Republik sich versuchte zu finden, kam der kleine Horst in Löderburg zur Welt. Und dort hat er immer gewohnt. „Ich wurde mit dem Bodewasser getauft“, sagt er scherzhaft.

Im Zweiten Weltkrieg kam Horst Leßmann an die Front. In Griechenland und in der Ukraine musste er seinen Dienst ableisten. Als er im Jahr 1942 verwundet wurde, kam er nach Hause. Da war der Krieg für ihn beendet. „Ich habe keinen erschossen“, betont Leßmann. Das hat ihm Seelenfrieden verschafft. Generell hatte er nichts für diesen Krieg übrig.

In der Zeit danach fand er eine Anstellung beim Schlachthof in Staßfurt. Und dort war er von 1942 bis 1990 – als er in Rente ging – als Fleischermeister angestellt. „Ich habe im Leben sehr viel Glück gehabt“, sagt Horst Leßmann. Er heiratete, bekam zwei Kinder und hat mittlerweile drei Enkel und zwei Urenkel.

Schade für den Rentner: Die Familie ist weit verstreut. Die Tochter wohnt in Leipzig, der Sohn in der Nähe von Potsdam. Die Enkel hat es nach Hamburg, Bremen und in die Schweiz verschlagen. Auch deswegen sollte der 100. Geburtstag des Papas, Opas und Uropas genutzt werden, damit die gesamte Familie zusammenkommt. Doch die Corona-Krise hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Feier am Löderburger See musste abgesagt werden. Aber aufgeschoben ist bei Horst Leßmann nicht aufgehoben. „Ich habe zu Michael Schnock (Pächter des Löderburger Sees, Anm. der Red.) gesagt, dass wir die Feier einfach auf 2021 verschieben, wenn ich 101 Jahre alt werde“, sagt er.

Sicher wird er dann auch die Zeit nutzen, um aus seinem langen Leben zu erzählen. „Ich kann mich noch an die Weimarer Republik erinnern“, sagt Leßmann. „Ich kann mich daran erinnern, wie die Menschen auf die Nazis hereingefallen sind, wie Menschen abtransportiert wurden.“ Auch in Löderburg hätte es dabei einige Vorfälle gegeben.

Als das Nazi-Gräuel vorbei war, hatte Horst Leßmann berufliche Sicherheit im Schlachthof in Staßfurt. Mit 24 war er bereits Fleischermeister, berichtet er. Mit 52 hat er noch ein Fernstudium zum Ingenieur in Wernigerode absolviert. „Das habe ich mit der Note eins abgeschlossen“, sagt Horst Leßmann stolz. Danach war er stellvertretender Betriebsdirektor und hatte so etwa 120 Angestellte unter sich. In fast 50 Jahren Betriebszugehörigkeit hat Horst Leßmann dabei nach eigenen Angaben zehn Betriebsdirektoren „überlebt“. Horst Leßmann gehörte zum Inventar der Firma.

Der private Rückschlag kam 1987, als seine Frau verstarb. Großes Glück hatte er dann vor zehn Jahren, als er sich bei einem Treppensturz in der eigenen Wohnung das Genick angebrochen hatte, sich aber nicht schwerer verletzte. Der Atlas-Knochen, der als Teil der Wirbelsäule den gesamten Kopf trägt, war lädiert. Horst Leßmann ließ sich davon nicht unterkriegen. „Ich habe eine Schraube drin“, sagt er und zeigt auf seinen Kopf. Dann zuckt er die Achseln. Ist doch nichts dabei. Er überwand die Verletzung und fing wieder an, das Leben zu genießen.

Regelmäßige Besuche bekommt er dabei von seinen Kindern, die sich im 14-tägigen Rhythmus abwechseln. Tochter Regina war dann auch am Montag vor Ort, als der Heimatverein sein Mitglied beglückwünschte. Dazu gibt es natürlich auch telefonischen Kontakt mit der Familie. Bilder der Familie stehen im Wohnzimmer.

Gerade liegt auf dem Tisch aber auch eine kleine Todesanzeige. Annalotte Müller ist am 16. Mai verstorben. Die Schwester von Horst Leßmann war 102 Jahre alt und wäre im Dezember 103 Jahre alt geworden. Sie wohnte ebenfalls in Löderburg, am Thie. In den letzten Jahren war sie vor Ort eine wichtige Vertraute gewesen für Horst Leßmann. Die Geschwister kümmerten sich umeinander, halfen sich und pflegten auch im hohen Alter einen kleinen Garten. Horst Leßmann seufzt, wenn er davon erzählt. Natürlich hat ihr Tod ihn mitgenommen.

Er selbst hat ein bisschen Kreislauf, nimmt auch Medikamente, ist aber ansonsten geistig und körperlich topfit. „Gesundheit ist mein größtes Kapital“, sagt er. Und so beobachtet er nun mit über 100 Jahren, wie sich sein Ort weiter wandelt. Wie Neubaugebiete entstanden, die Bevölkerung sich veränderte. „Ich hatte mal ein Angebot aus Weißenfels, war nach der Wende auch mal vier Jahre in Ludwigshafen“, erzählt Leßmann. Doch aus Löderburg trieb ihn nichts weg. So ging es schon seiner Frau. „Sie wollte immer den Kirchturm sehen“, sagt er. Und auch Horst Leßmann weiß den Ort zu schätzen mit Kirche, Wasserturm, der Bode um die Ecke plus den Löderburger See. „Ich bin eine Urpflanze“, sagt er. Eine Urpflanze, die im Kreise seiner Lieben es genießt, 100 lange Jahre eines ausgefüllten Lebens in Löderburg zu feiern.