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Neue App aus Groß Börnecke hilft Lehrern und Erziehern, wenn sie unsicher sind

Wer den Verdacht hat, dass das Wohl eines Kindes in Gefahr ist und sich Sorgen macht, kann einen neuen Ratgeber nutzen. Das ist eine App, die von einem Unternehmen in Groß Börnecke mit entwickelt wurde.

Von Nora Stuhr
Die neue App wird in  Groß Börnecke angewendet.
Die neue App wird in Groß Börnecke angewendet. Foto: Boehm

Groß Börnecke - Spielen, toben, rennen – Kinder fallen dabei oft hin. Blaue Flecken und Schorf an den Knien sind alles andere als selten. Pädagogen wissen um den Bewegungsdrang der Kleinen. Doch wie sollen sich beispielsweise Lehrer oder Kita-Erzieher verhalten, wenn sie das Gefühl haben, dass zu viele Wunden ein Zeichen sind, dass etwas nicht stimmt, wenn sich Mädchen und Jungen vielleicht plötzlich auch anders verhalten als sonst. Gemeint sind psychischen Auffälligkeiten oder der Verdacht von häuslicher Gewalt oder sogar Missbrauch. „Pädagogen können dann emotional überfordert sein“, meint Sven Schulze, Geschäftsführer des Kinder- und Jugendhilfezentrums (KJHZ) „Am Wasserturm“ in Groß Börnecke. „Was mache ich? Wie gehe ich vor? An wen muss ich mich wenden? “ Diese und andere Fragen würden Betroffenen durch den Kopf gehen, weiß er aus Gesprächen mit Mitarbeitern seiner heilpädagogischen Einrichtung. Besser könnten Betroffene mit den Sorgen umgehen, wenn sie einen „Ratgeber“ haben, der Hilfe bietet, Lösung vorschlägt, vielleicht im besten Fall auch zu dem Ergebnis kommt, dass die Bedenken unbegründet sind oder den Hinweis gibt, sofort zu handeln.

Gemeint ist ein technisches Instrument. Das gibt es jetzt. Das KJHZ hat eine kostenlos erhältliche Kindesschutz-App „KiSchu“gemeinsam mit den Tüftlern des jungen Unternehmens Perdix Creations erarbeitet.

Die Firma aus Köthen (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) hat sich auf die Entwicklung von Softwarelösungen für den Bereich Sozialwirtschaft spezialisiert.

Die neue App richtet sich beispielsweise an Lehrer, Erzieher und alle, die mit Kinder beruflich wie privat zu tun haben.

Die App kann jederzeit anonym aus dem App Store oder Google Play Store herunter- geladen werden. Wenn man es nicht möchte, muss man zu keinem Zeitpunkt personenbezogene Daten angeben.

Robert Boehm, Perdix Creations

„Sie bietet Hilfe dabei, Kindeswohlgefährdungen zu erkennen. Es ist die erste App dieser Art für Deutschland“, so Perdix-Chef Robert Boehm.

KiSchu unterstützte konkret dabei, einzuschätzen, ob bei einem Verdachtsfall Kindeswohlgefährdung vorliege.

Bleibt zu fragen, wie das praktisch funktioniert.

Im Gespräch erklärt Boehm, dass der Nutzer abhängig von der Altersgruppe des betroffenen Kindes, die richtigen Fragen gestellt bekommt. Dabei würden alle relevanten Faktoren abgedeckt: Verhalten, Verletzungen, Gesundheit, Umfeld und mehr. Danach werde eine Auswertung generiert. Sie biete eine Einschätzung des Gefährdungsgrades und der Gefährdungsquelle und gebe rechtssichere Handlungsempfehlungen.

Die Auswertung könne als PDF-Datei exportiert und gedruckt oder per E-Mail versandt werden, beispielsweise an Jugendamt oder Polizei.

Wir wollen zeigen, dass im Bereich der Pädagogik Digitalisierung möglich ist und sich nicht alles auf ein Word-Dokument beschränken muss

Sven Schulze, Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke

Boehm spricht von einer „rechtssicheren Schritt-für-Schritt-Handlungsempfehlung“, die Sicherheit gibt. Die App helfe weiterhin dabei, Verdachtsfälle nachvollziehbar aufzuzeigen und die zuständigen Behörden standardisiert zu informieren.

Bleibt festzuhalten: Der Nutzer erhält die nötigen Kontakte. Telefonnummern von Behörden werden beispielsweise zur Verfügung gestellt oder erfährt auf einen Klick, welche Polizeistelle zuständig ist. Außerdem können Anwender eigene Notizen zur Anwendung stellen und das Ganze am Ende ausdrucken.

Im Ernstfall, sollte sich der Verdacht bestätigen, kann die Dokumentation als Beweisführung ausschlaggebend sein.

Die App ist intuitiv nutzbar und erfordert kein Vorwissen. KiSchu kann vollständig anonym verwendet werden. Die Angabe personenbezogener Daten betroffener Kinder ist optional. „Datenschutz steht an erster Stelle. Die App entspricht vollständig der Datenschutzgrundverordnung, dem Bundesdatenschutzgesetz und dem Telemediengesetz“, teilt Boehm mit.

Perdix macht darauf aufmerksam, dass Corona die bereits vorhandenen Missstände noch verschärft hat. „Laut Statistischem Bundesamt erreichte die Zahl der Kindeswohlgefährdungen bereits 2019 vor Ausbruch der Pandemie einen Höchststand mit bei 55000 gemeldeten Fällen“, heißt es in einer Mitteilung der Firma.

Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 2020. Dabei wurde das dreiköpfige Wernigeröder Gründerteam unterstützt durch ein Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Als Gewinner eines Ideenwettbewerbs war Perdix Teilnehmer des neunmonatigen Pilotprogramms für sozialinnovative Lösungen im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts. Im November wurde die erste Mitarbeiterin eingestellt. Das Unternehmen ist gegenwärtig in Köthen ansässig.

Das Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke ist eine heilpädagogische Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe mit 80 und Mitarbeitern an fünf Standorten in Sachsen-Anhalt. In seiner jetzigen Form gibt es das Heim seit über 25 Jahren. Insgesamt werden bis zu 125 Kinder in Wohngruppen, Tagesgruppen oder in Form flexibler Hilfen betreut. Das Stammhaus mit Sitz der Verwaltung befindet sich in Groß Börnecke.

Die neu entwickelte App wurde kürzlich mit Bildungsminister Marco Tullner (CDU) und Andrea Wegner, Landesgeschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund vorgestellt und kann jetzt kostenfrei runtergeladen werden.

Abhängig von der Altersgruppe werden rund 80 Fragen gestellt ...
Abhängig von der Altersgruppe werden rund 80 Fragen gestellt ...
Foto: Boehm
... und daraus  eine Auswertung  generiert.
... und daraus eine Auswertung generiert.
Foto: Boehm