Kinderbetreuung

Schließungsdebatte: Wo sind die Perspektiven für die Kita Glöthe?

Seit September 2020 wird über eine mögliche Schließung der Kita in Glöthe diskutiert. Die vorübergehende Schließung bis Ende Juni brachte erneut eine Debatte um die Zukunft. Neue Erkenntnisse gibt es allerdings nicht.

Von Enrico Joo
Die Kita in Glöthe soll am 1. Juli wieder öffnen. Das verspricht die Stadt Staßfurt.
Die Kita in Glöthe soll am 1. Juli wieder öffnen. Das verspricht die Stadt Staßfurt. Foto: Enrico Joo

Glöthe - Hätte die Stadt Staßfurt den Stadtrat und den Ortschaftsrat in Förderstedt über die Maßnahmen in der Kita Glöthe informieren müssen? Derzeit ist die Kita wegen Personalmangels bis Ende Juni geschlossen. Die vier zu betreuenden Kinder werden in der Kita Förderstedt mit betreut (Volksstimme berichtete). „Ich bin entsetzt, dass ich das aus der Volksstimme erfahren musste. Wir wussten davon nichts als Stadtrat“, sagte Ralf-Peter Schmidt (UBvS) im Sozialausschuss. „So kann man mit der Kita nicht umgehen. Wir wollen als Stadt ein guter Kita-Träger sein. Ich bin enttäuscht. Der Stadtrat wird entmündigt. Wir hätten in Corona-Zeiten sicher Erzieherinnen gefunden.“

Noch am 20. Mai, als die Volksstimme über die vorübergehende Schließung der Kita berichtet hatte, hatte der Stadtrat beantragt, dass der Fachausschuss darüber spricht und die Verwaltung dazu Stellung nimmt. Gleichzeitig sollte es um Zahlen und Handlungsoptionen gehen. Denn seit neun Monaten steht die kleine Kita heftig zur Diskussion. Es wurde im September 2020 vorgeschlagen, die Kita komplett zu schließen, weil damit 30000 Euro im Jahr gespart werden könnten. Daraufhin hatte sich die Bürgerinitiative „Pro Kita Glöthe“ gegründet, die seitdem für den Erhalt der Kita im Ort kämpft.

Fachdienstleiterin Ina Siebert erklärte im Sozialausschuss nun auch öffentlich, dass es Ende April und Anfang Mai Gespräche mit Heike Schattschneider und Mario Pape von der Bürgerinitiative gegeben habe. „Wir hatten zum 1. Mai die Betriebserlaubnis für die Kita in Glöthe wiedererlangt. Die Kita war bereit. Bis eine Woche vorher haben wir um Personal gekämpft. Aber gerade in Corona-Zeiten brauchen wir mehr Personal, weil es Kleingruppen gibt und der Krankenstand hoch ist“, sagte Siebert. Sie versprach aber: „Ich sichere zu, dass die Kita in Glöthe ab 1. Juli wieder geöffnet ist.“

Großteil der Glöther Kinder wird nicht in Glöthe betreut

Hat denn die Kita Glöthe überhaupt eine Zukunft? Alle waren sich einig, dass die Kita mit vier Kindern nicht dauerhaft betrieben werden kann, auch wenn jetzt im Sommer ein fünftes Kind dazukommt. Immer wieder ging es auch um die Frage, ob es immer möglich war, als Eltern Kinder in Glöthe anzumelden. Daran gab es großen Zweifel. Zudem wurde mit Zahlen untermauert, dass viele Glöther ihr Kind gar nicht in der Kita im Ort anmelden.

Nach einer Anfrage von Ralf-Peter Schmidt teilte die Stadt Staßfurt vor einem halben Jahr mit, dass von damals 14 Glöther Kindern, für die eine Betreuung in einer Kita in Frage kommt, nur zwei die Kita im Ort besuchen. Dazu gab es vier Hauskinder. Die restlichen Kinder besuchen Einrichtungen in Förderstedt, Brumby, Calbe oder sogar in der Gemeinde Bördeland, außerhalb der Stadt Staßfurt.

„Wir müssen die Wirtschaftlichkeit und den Willen der Eltern betrachten“, so Ina Siebert von der Stadt. Gleichzeitig stellte sie klar: „Wir haben nie kommuniziert, dass man in Glöthe kein Kind anmelden kann. Die Eltern sind herzlich eingeladen, ihr Kind in Glöthe anzumelden.“ Dazu: „Wir sind als Verwaltung keine Verhinderer.“

Fachbereichsleiter Florian Heidler ergänzte: „Wir haben alles für die Kita in Glöthe in die Wege geleitet. Übrigens hat die Verwaltung auch gar keine Befugnis, Kitas gegen den Willen des Stadtrats zu schließen.“ Damit die Kita Anfang Juli wieder öffnen kann, muss die Stadt auch innerhalb des Personals für die Kita umschichten. „Wenn wir die Kita Glöthe zum 1. Juli wieder öffnen, müssen andere Kitas leiden“, so Heidler.

Die Kita-Kinder aus Glöthe sind auf Wanderschaft. Bis Mitte 2019 waren die Kinder in Glöthe. Als die Kita Förderstedt neu gebaut wurde, mussten die Kinder auf die Kitas in Glöthe und Atzendorf aufgeteilt werden. Die Glöther Kinder im Kindergarten-Bereich kamen nach Atzendorf. Anfang Mai 2021 wurde die Kita Förderstedt wieder eröffnet, die Kita in Glöthe aber geschlossen wegen des Personalmangels. Die Kinder kamen nach Förderstedt. Anfang Juli sollen die Kinder endlich wieder in Glöthe betreut werden.

Demografischer Wechsel zu jüngeren Menschen?

Heike Schattschneider von der Bürgerinitiative „Pro Kita Glöthe“ hielt im Sozialausschuss erneut eine leidenschaftliche Rede und sprach sich für die Kita aus. „Die Eltern haben sehr viel auf sich genommen, es gab viele Zugeständnisse“, sagte sie. „Und die Kinder hatten sich sehr auf Glöthe gefreut.“ Sie betonte, in welch gutem Zustand die Kita ist: „Unsere Kinder haben alles, es gibt gute Voraussetzungen. Alles ist ertüchtigt, es gibt keinen Investitionsbedarf. Die Außenanlage ist riesig und grün. Da würde manch einer von träumen.“

Die Kita habe dabei sehr wohl eine Zukunft. „Gegenwärtig verzeichnen wir einen demografischen Wechsel. Ältere Menschen geben ihren Wohnsitz auf und ziehen fort. Zunehmend kommen dafür jüngere Leute in die verlassenen Häuser.“ Sie wünscht sich, dass es in Glöthe zukünftig auch einen Hort gibt. „Es geht nicht nur um die Kita – es geht um unsere Zukunft“, so Schattschneider.

Ortsbürgermeister Peter Rotter (CDU) sprang ihr zur Seite. „Es ziehen jüngere Menschen in den Ort. Aber ohne Kita ist der Ort nicht mehr wirklich interessant. Es ist an der Zeit nachzudenken, wie wir die 14 Glöther Kinder, die derzeit woanders betreut werden, in die Kita bekommen. Es muss ein Konzept her, das die Attraktivität unterstreicht. Es braucht ein Angebot, damit ich mich als Elternteil auf der richtigen Seite fühle.“ Es geht ihm und auch Ralf-Peter Schmidt (UBvS) um Perspektiven. „Die Glöther haben es dabei auch selbst in der Hand“, so Schmidt.

Kommentar von Enrico Joo:

Seit neun Monaten müssen sich die Glöther anhören, dass ihre Kita mit vier Kindern unwirtschaftlich ist. Es gab Gespräche, einen konstruktiven Austausch. Alte Fehden mit der Stadt wurden abgeräumt. Es wurde aber auch bewiesen, dass viele Glöther die Kita gar nicht nutzen. Alle sind sich einig: Die Kita braucht mehr Kinder, wenn sie überleben will. Die Stadt weiß das, die Politiker wissen das und die Glöther sowieso.

Worauf warten? Es ist Zeit, anzupacken und keine schönen Reden mehr zu schwingen. Wieder gab es im Sozialausschuss keine Ideen, keine Visionen, wie es weiter geht. Der Stillstand ist unwürdig für die Kita, für den Ort, für alle Glöther. Es braucht Klarheit. Und sei es auch die schmerzhafte Vorstellung, dass die Kita geschlossen werden muss. Wie können mehr Kinder angemeldet werden? Braucht es einen Trägerwechsel? Die Hängepartie muss beendet werden.