Stendal l Der Tierarzt fuhr auf ihm zu den Höfen, die Hebamme zu ihren Patientinnen, der Maurer zur Baustelle. Das Motorfahrrad Phänomen Bob mit Sachs-Motor war zu seiner Zeit sehr beliebt – und eines davon steht in der Ausstellung des Vereins Nordwall Classic Garage. Es gehört Vereinsmitglied Jörg Punzel, der das Kleinmotorrad einst von Manfred Mayer gekauft und restauriert hatte – und der mehr über die Geschichte des 1938 gebauten Zweirades wissen wollte.

Für 317,15 Reichsmark hatte der Landwirt Hermann Sommer das neue Gefährt einst erworben, erzählte Punzel am Sonntagnachmittag den Besuchern des Adventsmarktes, zu dem der Verein zum dritten Mal in seine Halle am Nordwall eingeladen hatte. Als Hermann Sommer als Soldat in den Krieg ziehen musste, wurde die Phänomen versteckt – der Besitzer fiel, das Zweirad geriet in Vergessenheit. Bis sich Jahre später jemand daran erinnerte und das Motorfahrrad in den Besitz von Friedrich-Wilhelm Schulze gelangte. Als der 1955 im Zuge politischer Wirren nach Westberlin ging, wurde die Phänomen ein zweites Mal versteckt.

Überraschung

Am Sonntag, also 60 Jahre später, gab es ein Wiedersehen: Friedrich Wilhelm Schulze, bis zum Ruhestand als Veterinärmediziner tätig, war auf Einladung von Jörg Punzel von Berlin nach Stendal gekommen, um sich seine alte Phänomen Bob anzuschauen. „Ich bin ganz gerührt“, sagte er, „und ich bin froh, dass es so einen schönen Platz gefunden hat.“ Das Motorfahrrad, mit dem Jörg Punzel im Jahr 2009 im Hölzchen anlässlich einer Benefizaktion erfolgreich die Probefahrt nach der Restaurierung absolviert hatte, war verhüllt worden für den Überraschungsmoment.

Bilder

Technische Informationen ergänzen das Ausstellungsstück ebenso wie historische Fotos. Eines aus dem Jahr 1954 zeigt Friedrich-Wilhelm Schulze – in der Familie und von Freunden kurz Fritz genannt – mit seiner Phänomen auf dem Hof der Tangermünder Straße 16 in Lüderitz. Bei den Recherchen bekam Jörg Punzel Hilfe von Henning Richter-Mendau, der die Familie Schulze kennt. Er war am Sonntag ebenso in die Classic-Garage gekommen wie Stadtsprecher Klaus Ortmann. Der bedankte sich mit einem Geschenk bei Friedrich-Wilhelm Schulze. Beim Blick auf die vielen Gäste – es waren mehrere hundert an diesem zweiten Advent – sagte Ortmann: „Das große Interesse zeigt, dass die Entscheidung, die Halle nicht abzureißen, sondern dem Verein zu übergeben, allemal richtig war.“ Dem konnte Vorstandsmitglied Jörg Punzel nur beipflichten. „Oldtimer sind Kulturgut einer Nation. Und der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kultur zu pflegen“, hatte er schon zur Begrüßung gesagt.

Pferdebahn

Um einen Oldtimer anderer Art ging es zuvor. Denn um 13.30 Uhr war in der Hallstraße der restaurierte Wagen Nummer 4 der ehemaligen Stendaler Pferdebahn gestartet (wir berichteten). Gezogen von einem Ursus-Traktor – Horst Weise steuerte diesen polnischen Nachbau des Lanz Bulldog – ging es durch die Innenstadt zur Nordwall Classic Garage. Dort warteten schon viele darauf, in den vom Verein „10. Husaren-Regiment i. Tr. Stendal“ restaurierten Wagen zu steigen. So mancher schaute auch nach seinem ganz persönlichen Platz, denn die Spender für die Sitz- und Stehplätze sind mit Namensschildern verewigt. Schon an der Strecke standen viele Stendaler, um dieses besondere Spektakel mitzuerleben – immerhin war es 89 Jahre her, dass die Pferdebahn letztmals durch Stendal fuhr, damals noch auf Schienen und von Pferden gezogen.

Pferdebahn, Phänomen-Wiedersehensfreude – das waren nur zwei der Aktionen. Die Altmark-Sänger sorgten für musikalische Unterhaltung, eine Carrera-Bahn kam bei den Kindern gut an. Kaffee und Kuchen, Dekoartikel am Stand der Schönhauser Elbe-Havel-Werkstätten und der Besuch vom Nikolaus rundeten den Nachmittag ab. Viele Gäste waren auch gekommen, um sich die motorisierten Schmuckstücke des Vereins Nordwall Classic Garage anzuschauen.