Weniger Arbeitslose

Arbeitsagentur Stendal verschwindet als eigenständige Einrichtung

Die Tage der Agentur für Arbeit Stendal als selbstständige Einrichtung sind gezählt. Ab kommendem Jahr gibt es nur noch einen Arbeitsagenturbezirk Sachsen-Anhalt Nord – mit Hauptsitz in Magdeburg. Für die Kunden und Mitarbeiter soll sich nichts ändern.

Von Andreas König 19.07.2021, 17:35
Das Gebäude der Arbeitsagentur in Stendal an der Stadtseeallee. Es soll auch nach der Fusion mit Magdeburg in vollem Umfang genutzt werden.
Das Gebäude der Arbeitsagentur in Stendal an der Stadtseeallee. Es soll auch nach der Fusion mit Magdeburg in vollem Umfang genutzt werden. Foto: Andreas König

Stendal - Die Begründung klingt eigentlich nach einer guten Nachricht: Weil es immer weniger Arbeitslose gibt, muss die Arbeitsagentur ihre Strukturen straffen. Aus den bisher selbstständigen Arbeitsamtsbezirken Stendal und Magdeburg wird zum Jahreswechsel der Arbeitsamtsbezirk Sachsen-Anhalt Nord. Sitz des neuen Gebildes wird Magdeburg sein.

Für die Kunden ändert sich nichts

„Für die Kunden ändert sich nichts“, versichert Matthias Kaschte, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Stendal. Doch auch die rund 75 Mitarbeiter der Agentur in Stendal sollen zum Großteil wenig von der „Organisationsentwicklung“ spüren, wie die Fusion im Sprachgebrauch der Agentur genannt wird. Fest steht, dass niemand aus dem Landkreis Stendal für einen Besuch bei der Arbeitsagentur nach Magdeburg fahren muss. Lediglich einige Führungskräfte werden stärker als bisher an wechselnden Dienstorten tätig sein.

Die Arbeitsagentur in Stendal sitzt in einem Bürogebäude an der Stadtseeallee, das im August 2003 nach langjähriger Planung und 15-monatiger Bauzeit seiner Bestimmung übergeben wurde, wie Pressesprecherin Annika Pieper informiert.

Vor 25 Jahren hatte der Landkreis Stendal die höchste Arbeitslosenquote Deutschlands

Die wirtschaftliche Kraft einer Gegend kann man an der Größe des örtlichen Arbeitsamtes erkennen, lautete vor Jahren ein geflügeltes Wort von Wirtschaftsförderern. So gesehen, war das Stendaler Arbeitsamt, wie es seinerzeit noch hieß, der wirtschaftlichen Potenz des Landkreises angemessen.

Es sind jetzt 25 Jahre her, dass der Landkreis einen traurigen Rekord innehatte: die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland. Selbst überregionale Zeitungen berichteten darüber. Die allumfassende Deindustrialisierung des Ostens traf in unvorteilhaftester Weise auf den Niedergang der großen Agrargenossenschaften. Das Arbeitsamt und seine Beschäftigten konnten zu jener Zeit nicht viel mehr tun, als den Mangel zu verwalten.

Um die Zahlen zu senken, wurden massenhaft Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) aus dem Boden gestampft, Beschäftigungsgesellschaften gegründet, Umschulungen, Fort- und Weiterbildungen finanziert und oft verpflichtend angeboten.

Lang ist’s her. Mittlerweile hat sich die Arbeitslosenquote im Landkreis bei 7,9 Prozent eingepegelt und liegt damit bei einem Drittel des Wertes von vor 25 Jahren.

Arbeitsagentur passt sich den niedrigeren Arbeitslosenzahlen an

Mussten die Menschen in früheren Jahren den Vorgaben des Arbeitsamtes folgen und teilweise mit staatlicher Förderung ihre Heimat in Richtung besserer Arbeitsmöglichkeiten verlassen, verläuft die Entwicklung nun quasi umgekehrt. Die Arbeitsagentur passt sich den niedrigen Arbeitslosenzahlen an und ändert ihre Strukturen. Verkleinern wäre das falsche Wort, denn weder der Bedarf an Mitarbeitern noch an Büroräumen sinkt in nennenswertem Maß in Folge der Zusammenlegung, informiert der Stendaler Agenturchef.

Im Grunde begann der Rückgang der Zuständigkeiten des Arbeitsamtes und später der Arbeitsagentur mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II, besser bekannt als Hartz IV. Die Erwerbslosen werden seitdem getrennt verwaltet. Arbeitslosengeld-I-Empfänger von der Agentur, Hartz-IV-Empfänger vom Jobcenter. Das wird zwar gemeinsam vom Landkreis und der Arbeitsagentur betrieben, gilt aber als eigenständige Einrichtung. „Auf die inhaltliche Arbeit der Jobcenter hat diese Organisationsänderung grundsätzlich keinen Einfluss. Das Jobcenter Stendal wird weiterhin in seinen örtlichen und sachlichen Tätigkeitsfeldern tätig sein und von der Bundesagentur für Arbeit und dem Landkreis Stendal wie bisher getragen“, teilt die Arbeitsagentur mit. Durch den Zusammenschluss mit Magdeburg erhält das Jobcenter Stendal eine neue Trägernummer. Dies hat lediglich statistische Hintergründe.“

1 Million Euro für IT-Umstellung

Den eigentlichen Grund für die Zusammenlegung benennt die Agentur so. „An manchen Standorten sind die Organisationseinheiten mittlerweile so klein, dass in Zeiten von fehlbedingten Ausfällen eine Vertretung schwierig wird und gegebenenfalls nicht mehr gewährleistet werden kann.“

Ziel einer Fusion sind in der Regel Einsparungen. Die Zusammenlegung der Arbeitsagenturen Stendal und Magdeburg kostet zunächst einmal. Eine Million Euro sind für den Programmieraufwand angesetzt, der mit der Umstellung der Informationstechnik verbunden ist. Hinzu kommen Kosten für neue Schilder, Briefköpfe und ähnliches. Dieser Summe stehen Einsparungen in Höhe von rund 600000 Euro gegenüber. Einzelheiten der Fusion stehen noch nicht fest. Nur dass sie zum 1. Januar 2022 in Kraft tritt, ist sicher.