Rund 150 Schönhauser leben auf einer Insel und helfen sich gegenseitig

Bäcker backt das Brot, Kartoffeln kommen mit dem Boot

Von Anke Schleusner-Reinfeldt

Schönhausen l Sehnsüchtig warten die Schönhauser täglich auf die Ankunft des Bootes von Fischer Gernot Quaschny. Er bringt Kanister voller Benzin, das für die Notstromaggregate gebraucht wird. Jeder der rund 200 Schönhauser, die trotz Evakuierung geblieben sind, bekommt etwas auf Zuteilung - es muss für alle reichen. "Ich hab\' ja Zeit, was soll ich sonst auch machen?" Gernot Quaschnys Haus in Hohengöhren und auch das Betriebsgelände seiner Fischerei am Klietzer See stehen unter Wasser.

Elektriker repariert Notstromaggregat

Mit seinem Boot hat er einen Shuttle vom Hohengöhrener Damm nach Schönhausen eingerichtet. Auf der ersten Fahrt ist Elektriker Matthias Brey an Bord. Er soll das große Notstromaggregat in Gange bringen, damit die vielen Kühe von Hartwig Dammeyer und auch die hierhin Geretteten gemolken werden können. Während Matthias Brey, dessen Haus auch im Wasser steht, sich an die Arbeit macht, wird das Boot mit den Benzinkanistern beladen. Dabei helfen unter anderem Torsten Thiemann aus Schönhausen und der Berliner Klaus Eppert. Der fast 70-Jährige hatte im Fernsehen die Bilder vom Fischbecker Deichbruch gesehen und sich sofort auf den Weg gemacht. "Ich will helfen! Schlimm, was hier passiert ist. Ich kenne die schöne Region vom Urlaub, und kann das alles nicht glauben."

An der Straßensperre auf der B188 trifft er zufällig auf zwei Frauen, die zu Thiemanns wollen, so kommt der Kontakt zu Torsten Thiemann zustande. Der wohnt im Wiesengrund, wo alles unter Wasser steht. Das Pferd, auf einen höheren Punkt gebracht, ist noch in Schönhausen und soll geholt werden. Zusammen machen sich die beiden Männer auf den Weg. Sie laufen, wo es noch geht, auch auf dem Bahndamm. Einige Stückchen müssen sie schwimmend zurücklegen, bis sie in Schönhausen wieder festen Boden unter Füßen haben. Und sie schaffen es tatsächlich, das Pferd auch durchs Wasser in Sicherheit zu bringen. Mit dem Boot wieder in Schönhausen, helfen sie beim Ausladen der Kanister und machen sich auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Mitten im Ort sieht es aus, als wäre nichts passiert. Nur ein Drittel, vor allem das Altdorf westlich der Bundesstraße, steht tief unter Wasser. Es sind kaum Menschen zu sehen, ein paar Autos fahren umher. Und Mopeds. Auch Bürgermeister Alfons Dobkowicz hat eins und schaut überall nach dem Rechten. Verbandsbürgermeister Bernd Witt ist ebenfalls geblieben, hält Verbindung zum Katastrophenstab, organisiert Benzin und die Verteilung, außerdem Essensnachschub per Boot.

Im Verwaltungsamt sind die Mitarbeiterinnen Nicole Schuchert, Karin Volke und Sigrun Hiller Ansprechpartnerinnen. Der Landrat wurde darum geben, nicht das Wasser abzustellen. Das ist wichtig für Mensch und Tier, denn über 1000 Rinder in Schönhausen und Fischbeck müssen getränkt werden. Vielleicht gibt es bald auch wieder Treibstoff aus der Tankstelle. Derzeit kann Uwe Primus sie noch nicht in Betrieb nehmen, weil sie ein paar Zentimeter unter Wasser steht.

Mitten im Dorf liegt ein großes Big Bag mit Granulat am Straßenrand - ein Hubschrauber muss es hier versehentlich verloren haben, zum Glück wurde bei der Wucht des Aufpralls kein Schaden angerichtet. Die Geschäfte sind geschlossen. Bis auf die Bäckerei. Christel Groß hat einen kleinen Stand auf dem Hof aufgebaut und verkauft frisches Brot. Bernd Witt hat den Schlüssel vom Landhandel Guderjahn, so dass er bei Bedarf beispielsweise Kerzen, Katzenfutter, Batterien oder auch Kosmetika herausgeben kann. Und Käte Jankowski, bei ihrer Tochter in Sicherheit, hat das Okay gegeben, ihren Kiosk aufzubrechen und die Waren zu verteilen.

Brot, Brötchen und frische Eier

"Über mangelnde Versorgung brauchen wir uns nicht zu beklagen, das klappt ganz gut." Problematisch wird es dagegen mit der ärztlichen Versorgung. Für den Notfall sind drei Krankenschwestern und auch Zahnarzt Hans-Herrmann Bachmann vor Ort. Deshalb hatte er auch allen Bürgern geraten, der Aufforderung zur Evakuierung zu folgen. Am Mittwochabend landeten vier Hubschrauber auf dem Sportplatz. Aus der angeordneten Zwangsevakuierung wurde noch einmal eine freiwillige Evakuierung, über die Bernd Witt um 19 Uhr auf der Bürgerversammlung informierte. 61 Schönhauser entschieden sich, mitzufliegen. Die rund 150 Gebliebenen arrangieren sich, helfen sich gegenseitig und hoffen, dass so schnell wie möglich wieder Normalität einzieht. Es sind die vielen kleinen Dinge, die wichtig sind. So wie die beiden Rehe, die Gernot Quaschny rettet. Sie schwimmen mit letzter Kraft an ein Geländer an der Straßenbrücke.