Landtagswahl 2021

FDP-Chef Lindner in Tangermünde: „Müssen vor die Welle kommen“

Von Rudi-Michael Wienecke
Coronabedingt nahmen nur wenige Unternehmer an der Diskussionsrunde teil.
Coronabedingt nahmen nur wenige Unternehmer an der Diskussionsrunde teil. Foto: R.-M. Wienecke

Tangermünde

Staat sei nicht derKrisenmanager

Linder lobte die Impffortschritte, hob hervor, dass die Zahl der belegten Intensivbetten rückläufig sei. Für Juni erwarte die Bundesrepublik viele Impfdosen und seine Partei plädiere dafür, dass diese für alle Bürger zugänglich sein sollten. Eine weitere Forderung der FDP: Sport-, Kultur-, Beherbergungs- und Gastronomieeinrichtungen sollten mit entsprechenden Hygienekonzepten für den Personenkreis der drei G (Geimpfte, Genesene und Getestete) wieder zugänglich sein.

Als Vorsitzender der Bundestagsfraktion seiner Partei kritisierte er die aktuelle Bundesnotbremse als nicht praxistauglich. Der Staat eigne sich nicht als Manager der Krise, schimpfte Linder über zu viel Bürokratie und zu wenig Fortschritte in Sachen Digitalisierung. Aus dem ersten Lockdown seien keine Lehren gezogen worden. Es fehle an Perspektiven für die Zeit nach der Krise. Deutschland setze seine Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel, während aktuell Länder wie die USA und China bereits in den Startblöcken für die Aufholjagd stehen würden. Gefragt seien in der Bundesrepublik also Unternehmergeist und Kreativität.

Die anschließende Gesprächsrunde mit den Unternehmern zeigte, wie unterschiedlich die Wirtschaft von der Pandemie betroffen ist. „Der Staat hat es verkackt“, so das deutliche Fazit des Tangermünder Gastronomen und Hoteliers Tiemo Schönwald. Habe er für den ersten Lockdown noch Verständnis gezeigt, weil diese Situation für alle Betroffenen neu war, sei er von der Anordnung des zweiten Lockdowns geschockt gewesen. Seine Branche habe viel in die Sicherheit investiert, Infektionsgeschehen in der Gastronomie seien hierzulande nicht nachgewiesen worden. Trotzdem kam die Anordnung zur Schließung, verbunden mit viel Bürokratie. Waren im Wert von 30?000 Euro mussten weggeschmissen werden.

Für Schönwald und seine Kollegen steht nun die Frage: Wie geht es weiter? Was passiert nach diesem Lockdown, wenn der Impfschutz nachlässt? Lindners Antwort: „Wir müssen vor die Welle kommen.“ Schon jetzt müsse die Impfkampagne für den Herbst vorbereitet werden.

Ähnlich betroffen wie die Gastronomie der Region ist auch das Stendaler Möbelhaus Porta, machte Geschäftsführer Oliver Fleßner deutlich. Nach monatelanger Schließung sei dieses Geschäftsjahr „für uns gelaufen“, sagte er. Auch sein Haus habe viel in die Hygiene investiert, selbst wenn er 40 Quadratmeter pro Person rechne, hätten noch 180 Kunden gleichzeitig in das Geschäft gekonnt. Fleßner bezeichnete die Anordnung zur Schließung als „Eingriff in die Wirtschaft ohne Sinn“ und er sprach sogar von Wetterberwerbsverzerrung, wenn ein geöffneter Baumarkt seine Gartenmöbelkollektion verkaufen darf, ein Möbelhaus aber nicht.

Bauunternehmenfehlen Rohstoffe

Die aktuellen Probleme im Baubereich seien dagegen ganz anderer Natur, so Alexander Graf, Prokurist bei Grado Fenster und Türen Stendal. Über Auftragsmangel könne er nicht klagen, dafür aber umso mehr über Lieferschwierigkeiten, wie es sie letztmalig während des Baubooms nach der Wende Anfang der 1990-Jahre gab. Grund dafür seien zum einen Werksschließungen der Zulieferer in Osteuropa und zum anderen ein leer gefegter Markt, weil die USA und China Rohstoffe in ungeahnten Mengen kaufen würden.

Kenny-Lee Richter vom Landesschülerrat kam schließlich noch auf das Dilemma der Auszubildenden zu sprechen. Während die Defizite durch Schulschließungen in der Allgemeinbildung eventuell noch ausgeglichen werden könnten, sei dies nun bei einer zweijährigen Berufsausbildung nicht mehr möglich. Die Folge: Den Abgängern dieser betroffenen Jahrgänge mangele es zumindest an theoretischem Fachwissen.