Stendal l Nirgends in Sachsen-Anhalt wird derart viel Bioabfall in die öffentliche Entsorgung gegeben wie im Landkreis Stendal. Pro Einwohner und Jahr liegt dieses Aufkommen bei 153 Kilogramm. Umgekehrt geht nirgends im Land so wenig Restmüll in die Tonnen wie im Landkreis Stendal. Es sind 65 Kilogramm pro Einwohner und Jahr. Fünf Kilogramm Restmüll werden bei der Deponie von den Einwohnern im Schnitt selbst gebracht.

Für Dietrich Dehnen von der Berliner Firma Gavia ist klar, warum es dieses Phänomen des überaus hohen Bioanfalls und äußerst geringen Restmüllanteils hier gibt. „Die Restmülltonne ist gebührenpflichtig, die Biotonne ist kostenlos“, sagte Dehnen am Dienstag (28.8.2018) im Ordnungsausschuss des Landkreises. Seine Firma berät seit Jahren den Landkreis und hat auch bei der Neukalkulation der Müllgebühren Anfang des Jahres mitgewirkt.

Quersubvetionierung über Restmüll

Wie berichtet, musste der Landkreis die Gebührensatzung vorzeitig neu beschließen, da es nach Angaben von Geschäftsführerin Madlen Gose von der ALS Dienstleistungsgesellschaft mbH zu einem „gravierenden Rechenfehler“ gekommen war. Die ALS hatte viel zu hohe Einnahmen, die Satzung war damit rechtswidrig. Möglicherweise wird bald schon wieder an den Gebühren justiert. Jedenfalls empfiehlt Diplom-Ingenieur Dietrich Dehnen dies. Er belegte anhand von Zahlen anderer Landkreise in Sachsen-Anhalt, dass es eine starken Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Gebührenmodell und den Stoffströmen – also Müll- und Wertstoffsorten – gibt.

Dass derzeitige Gebührenmodell berge „riesigen Sprengstoff“, da es auf einer Quersubventionierung der Biotonne durch die Restmülltonne beruhe. Der Landkreis könne derzeit die hohen Mengen Bioabfall für rund 15 Euro die Tonne entsorgen, bei einer Neuausschreibung, die in absehbarer Zeit fällig wird, würde der Preis höher sein. „Der Marktpreis liegt mittlerweile bei 60 Euro und mehr“, sagte Dehnen.

Auch Frage der Gerechtigkeit

Wenn die hohen Mengen Bioabfall weiterhin über die Restmülltonne finanziert werde, dann könnte es bei zu hohen Kosten die Akzeptanz derart negativ beeinflussen, dass das System kollabiere. Außerdem sei es auch eine Frage der Gerechtigkeit. „Derzeit bezahlen die Leute in den Hochhäusern, die gar keinen Garten haben, die Biotonne der anderen mit“, sagte Dehnen. Er empfahl, dass man im Landkreis Stendal bald mit einer Diskussion über die Müllgebühren beginnen sollte.

Auf die Frage von Ausschussmitgliedern, wo denn der Müll in anderen Landkreisen bleibe, wenn dort das Gesamtaufkommen geringer ausfalle. „Viele denken, dass es dort dann viel höhere illegale Entsorgungen gibt“, sagte Dehnen. Dies sei den Statistiken jedoch nicht zu entnehmen. Egal, welches Modell in den Landkreisen gefahren werde, die illegale Entsorgung schwanke zwischen einem und drei Kilo pro Einwohner und Jahr. In Sachen Biomüll verhalte es sich so, dass bei Einführung einer kostenpflichtigen Tonne, die Anfallmenge drastisch sinke. „Viele Leute gehen dann zur Eigenkompostierung über.“

Von der Verwaltung äußerte sich im Ausschuss keiner zu dem Vortrag des Müllexperten. ALS-Geschäfstführerin Madlen Gose stellte dagegen ein paar Zahlen zum Abfallbericht für 2017 vor.

Kein Potenzial für eine Wertstofftonne

Eine Wertstofftonne wird es im Landkreis Stendal voraussichtlich nicht geben. Müllexperte Dehnen stellte im Ausschuss die Optionen vor, die bestehen, um ab 2019 den gesetzlichen Auflagen gerecht zu werden. Nach Dehnen gibt es im Landkreis ein nur geringes Potenzial an Wertstoffen, die erfasst werden können. Die Menge liege unter 1000 Tonnen jährlich und sei damit „sehr gering“. Dies könne über Wertstoffhöfe abgewickelt werden. Wenn die Aufsichtsbehörde da nicht mitgehe, dann könne man die Wertstoffsammlung auch über Werstoffsäcke und über ein Holsystem wie beim Sperrmüll organisieren.

Ein regelmäßiges Abholen von Tonnen und dabei möglicherweise noch eine Kooperation mit dem Entsorger der Gelben Tonnen sei im Landkreis Stendal nicht empfehlenswert und auch übermäßig teuer. Ab 2019 müssen Wertstoffe wie Plastikbehälter oder Zinkdachrinnen gesondert eingesammelt werden. Bisher landeten diese Stoffe im Restmüll.