Stendal l Sabine Breer ist Verdächtigem auf der Spur. Sie lauert dafür aber nicht incognito hinter Hecken oder Überwachungsmonitoren, sondern begibt sich ganz offiziell und auf Einladung in die Depots sachsen-anhaltischer Museen. Die Kunsthistorikerin ist seit 2017 als Provenienzforscherin im Land unterwegs. Dabei wird die Herkunft von Museumsobjekten ergründet, um, mit dem Fokus auf der Zeit des Nationalsozialismus, eventuelles Raubgut aufzuspüren und die rechtmäßigen Besitzer beziehungsweise deren Erben ausfindig zu machen.

Auch Museen in der Altmark bekommen Besuch von Breer. Im vorigen Jahr war sie bereits in Tangermünde, jetzt im Januar war sie für sieben Tage im Winckelmann-Museum in Stendal. Dort widmete sie sich allerdings jenen Sammlungsbeständen des Altmärkischen Museums, die im Winckelmann-Haus integriert wurden. Denn bei dem Forschungsprojekt geht es allein um öffentliche Bestände.

„Unsere primäre Sammlung, die der Winckelmann-Gesellschaft, ist keine öffentliche, sondern eine private Sammlung“, erklärt Museumsleiterin Stephanie-Gerrit Bruer. „Außerdem wurde das Winckelmann-Museum ja erst 1955 gegründet, und unsere Sammlung hat ganz andere Wurzeln.“ Froh über die externe Begutachtung sei sie dennoch, denn dafür bleibe im Museumsalltag wenig Zeit.

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Wo kommen die Logen-Teller her?

Der Provenienzforschung geht es um Museen, die schon vor 1945 bestanden. Die müssen nun aber offenbar nicht bangen, dass ihnen kistenweise Sammlungsgegenstände entrissen werden. „Es sind keine spektakulären Funde oder gar Millionenwerte“, sagt Sabine Breer. Sie spricht von „groben Verdachtsmomenten“. Im Winckelmann-Museum zum Beispiel habe sie bei Porzellantellern mit Aufschriften der Stendaler Freimaurerloge „Zur goldenen Krone“ aufgemerkt. „Die Logen wurden 1935 von den Nationalsozialisten verboten und aufgelöst, deren Grundstücke und Besitz beschlagnahmt“, erklärt Breer. Diese Dinge landeten dann entweder in Privatbesitz oder eben in Museen.

Außer für Freimaurer-Kontexte (Masonica) hat sie ihren Blick ebenfalls geschärft für sozialistisch-kommunistische Hintergründe und vor allem sogenannte Judaica, also alles, was mit jüdischem Leben und jüdischer Religion zu tun hat – jüdische Namen und Ritualgegenstände erregen ihre Aufmerksamkeit. „Gerade wenn Herkunftsangaben fehlen, ist das verdächtig“, sagt die Provenienzforscherin. „Aber das macht es umso schwieriger, die wirkliche Herkunft zu ergründen.“ Das sei dann in dieser Phase nicht ihre Aufgabe.

Verziertes Holz macht stutzig

Auch im Altmärkischen Museum gab es eine erste Provenienzüberprüfung schon, das war 2016 mit Breers Vorgänger Mathias Deinert. Museumsleiterin Gabriele Bark erinnert sich: „Das ist ein sehr aufwendiger Prozess. Herr Deinert war hier mehrere Tage und hat den Bestand untersucht.“ Einen Überblick über die Sammlung hatte Bark da zwar schon, fand es aber dennoch interessant, „dass da auch mal ein Dritter mit ganz anderem Blick draufgeschaut hat. Zumal die Fachleute die Namen der Sammler und Einlieferer natürlich auch viel besser kennen.“

So wurde Deinert auf ein Buch mit verschiedenen Besitzstempeln aufmerksam – es könnte geraubt oder geschenkt worden sein. Auch ein verziertes hölzernes Dreieck, das bis dahin niemand so recht zuzuordnen wusste, ließ ihn stutzig werden. „Es ist ganz unscheinbar, so groß wie ein A4-Blatt, und hat einen hebräischen Schriftzug“, sagt Bark. Inzwischen habe man herausgefunden, dass es im Barock wohl üblich gewesen sei, Kanzeln auf diese Weise zu verzieren. Weitere Forschungen zu explizit diesem Fundstück stehen noch aus. „Das Ganze ist ein sehr spannendes Thema“, findet Bark.

Vier Museen noch vor sich

Sich akribisch und mit nicht nachlassendem Gespür durch 17 Museen zu arbeiten, ist für Sabine Breer dabei keineswegs ermüdend. „Auf diese Weise lerne ich Museen kennen, die ich noch nicht kannte, es sind ja vor allem eher kleine und außerhalb ihrer Region oft unbekannte Häuser.“ Reizvoll sei dieses Forschen für sie außerdem, da sie zuvor an der Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg gearbeitet hatte, wobei das Interesse für dieses Themengebiet gewachsen sei. „Es ist einfach spannend, dass ich die Dinge nun direkt untersuchen kann.“

Vier Museen hat die Wissenschaftlerin jetzt noch vor sich. Ins nördliche Sachsen-Anhalt wird sie abermals kommen: Im Mai und Juni schaut sie die Bestände des Prignitz-Museums in Havelberg und des Kreismuseums in Osterburg durch.

Für die kleinen Museen, die personell oft nur minimal ausgestattet sind, bedeute das durchaus einen gewissen Aufwand. Da habe am Anfang zuweilen die Angst gestanden, dass man sich nun darum auch noch kümmern müsse. Schließlich wolle Breer ja die Leiter und Mitarbeiter einbeziehen. „Aber im Grunde sind die Museen froh, dass da jemand kommt und über die Bestände einen systematischen Überblick verschafft.“

Immer auch Erkenntnisgewinn

Mit der Identifizierung des Verdächtigen ist es dann natürlich nicht getan. „Jedes Museum bekommt von uns einen Abschlussbericht und für die verdächtigen Objekte die Empfehlung zur vertiefenden Provenienzforschung“, so Breer. Die lohne sich bei einzelnen kleinen Sammlungsstücken wie zum Beispiel einer Tasse nicht. Da böten sich dann mehrere Museen umfassende Nachforschungen an, die Dinge zum gleichen Thema bei sich beherbergen.

Am Ende, so ist Breer nach ihren jeweiligen Gesprächen am Ort überzeugt, sei es für die Museen immer ein Wissenszuwachs und Erkenntnisgewinn. „Sie bekommen ja dadurch auch einen fundierten Überblick über die Geschichte des Hauses und des einstigen Personals sowie dessen mögliche Verstrickungen in NS-Netzwerke.“ Ergänzende Recherchen stellt sie in den jeweiligen Stadtarchiven an.

Was trotz tiefergehender Forschung nicht geklärt werden kann, wird schließlich in die Lost-Art-Datenbank eingestellt, auf die jeder kostenfrei Zugriff hat. Dort kann man sich über die eingestellten NS-Raubgut-Objekte beziehungsweise verdächtige Objekte informieren.