Vom Tierhändler zum Zoogründer

Carl Gottfried Wilhelm Heinrich Hagenbeck, geboren am 10. Juni 1844 in Hamburg, gestorben am 14. April 1913 in Hamburg. 

Sein Vater, der Fischhändler Gottfried Claes Carl Hagenbeck (1810–1887), hatte 1848 in Hamburg einen mit Tierschauen verbundenen Tierhandel eröffnet, den Carl Hagenbeck 1866 übernahm und zum größten Geschäft der Art in Deutschland ausbaute.1875 öffnete Carl Hagenbecks erste „Völkerschau“ nach einer Idee des befreundeten Tiermalers Heinrich Leutemann. 

1887 folgte Carl Hagenbecks Internationaler Circus und Singhalesen-Karawane. 

Am 7. Mai 1907 eröffnete Hagenbeck in Stellingen bei Hamburg, den ersten gitterlosen Zoo der Welt, der noch heute existiert.Quelle: Wikipedia

Stendal l Auch wenn sie heute in Los Angeles lebt und arbeitet, aufgewachsen ist die 29-jährige Fotografin Johanna Brinckman im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel – und damit auch mit dem Tierpark Hagenbeck. Während der aktuellen Unruhen in den USA und der weltweiten Rassismus-Debatte hatte sie sich Literatur zum Thema besorgt, Dokumentationen angeschaut – und ist dabei auf den Namen Carl Hagenbeck gestoßen. Ihr zwar bekannt, aber nicht in der ganzen Dimension, wie sie sie jetzt erfahren hat. Sie begann, sich intensiver mit den von Hagenbeck organisierten „Völkerschauen“ zu beschäftigen.

Hagenbeck als Erfinder der "Völkerschauen"

Zwischen etwa 1875 und 1930 wurden Menschen aus ihrer Heimat nach Europa geholt zur kommerziell erfolgreichen Massenunterhaltung mit Millionen Besuchern. Unter dem Titel „Kanaken der Südsee“ fand 1931 die letzte „Völkerschau“ statt. Die Menschen seien eingesperrt und zu Schauobjekten und „Wilden“ herabgewürdigt worden, kritisiert Johanna Brinckman. „Carl Hagenbeck und seine Menschenzoos haben maßgeblich zur Erschaffung und Verfestigung rassistischer Haltungen beigetragen – die noch heute bestehen. Die Verherrlichung und Glorifizierung von rassistischen historischen Figuren wie Carl Hagenbeck muss aufhören“, schreibt sie in ihrer Petition „#notmyhero“ (engl: nicht mein Held). Deren Forderungen: die Entfernung der Carl-Hagenbeck-Gedenkstatue im Tierpark Hamburg, ein Denkmal für die Betroffenen der „Völkerschauen“ – und die Umbenennung der Carl-Hagenbeck-Straße in Stendal.

9300 Unterschriften für Umbennung der Hagenbe

Auf die war Johanna Brinckman bei ihren Google-Recherchen gestoßen, sagte sie auf Nachfrage. Sie habe die Stendaler Carl-Hagenbeck-Straße in ihre Petition aufgenommen, damit auch über sie nachgedacht wird. Die Hagenbeck-Straße in Hamburg-Stellingen, nahe des Tierparks gelegen, habe sie hingegen nicht berücksichtigt, da diese nach dem noch immer aktiven Familienbetrieb Hagenbeck benannt ist. Da es ihr aber konkret um Carl Hagenbeck gehe, habe sie erst einmal nur nach direkt nach ihm benannten Straßen gesucht.

Geplant sei, die Petition noch zirka einen Monat laufen zu lassen. Auch, weil eine Reaktion von Hagenbecks Tierpark weiterhin aussteht. Mit der Stendaler Stadtverwaltung hat die 29-Jährige noch keinen Kontakt aufgenommen. „Ich wollte erstmal schauen, wie viele Unterschriften wir bekommen und dann mit der Unterschriften-Liste an die Verwaltungen rantreten“, sagte sie. „Ich werde der Stadtverwaltung die Liste übergeben. Allerdings bin ich persönlich momentan nicht in Deutschland, darum wird dies dann ein Stellvertreter übernehmen.“ Bis gestern hatten rund 9300 Unterstützer unterschrieben.

Rathaus ist offen für Gespräche zur Umbennung

Das Ziel der Petition sei vor allem Aufklärung und „das Erkennen der Notwendigkeit, dieses Kapitel der Geschichte transparent darzustellen, sowohl in Bildungseinrichtungen als auch im Zoo Hagenbeck. Ich wünsche mir einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem Thema, um den kommenden Generationen aufzuzeigen, wodurch rassistisches Gedankengut und rassistische Strukturen, die bis heute bestehen, entstanden sind und wie sie verwurzelt sind.“

Bis zur Anfrage der Volksstimme war diese Petition im Stendaler Rathaus noch nicht bekannt. Grundsätzlich sei die Hansestadt Stendal offen für Gespräche zur Einordnung historischer Persönlichkeiten, sagte Armin Fischbach, Mitarbeiter im Büro des Oberbürgermeisters. „Dies gilt mithin umso mehr, wenn Straßen oder Plätze in der Stadt nach ihnen benannt sind. Derzeit gibt es aber keine Bestrebungen von Seiten der Politik oder der Verwaltung, den Straßennamen zu ändern.“

Carl-Hagenbeck-Straße wurde 1996 umbenannt

Die Carl-Hagenbeck-Straße, die von der Stadtseeallee ins sogenannte Tiergarten-Viertel führt, hat ihren Namen im Zuge einer Umbenennung im Jahre 1996 bekommen. Vier Straßen in der Nähe des Tiergartens wurden nach Tierforschern und Zoodirektoren benannt. Neben der Carl-Hagenbeck-Straße gehören die Prof.-Dathe-Straße, die Alfred-Brehm-Straße und die Hans-Schomburgk-Straße dazu.

Während die anderen drei „vergleichsweise unproblematisch sind, war Carl Hagenbeck unstrittig ein Kind seiner Zeit“, so Fischbach. Seine „Völkerschauen“ und die Misshandlung von Menschen anderer Kulturkreise „sind aus heutiger Sicht ohne jeden Zweifel rundheraus abzulehnen und im höchsten Grade verwerflich. Dennoch ist es auch unstrittig, dass er als Zoodirektor die Zooarchitektur revolutionierte und über Jahre hinweg beeinflusste. Mit seinem Patent von 1907 auf sogenannte naturalistische Freigehege, in denen die Tiere nicht länger in Käfige gesperrt wurden, sondern durch einen Graben vom Publikum getrennt sind, prägte er die Architektur moderner Zoos bis in unsere heutige Zeit.“

Fischbach: „Die damalige Stadtverwaltung ehrte damals mit dieser Umbenennung die Verdienste mehrerer Deutscher auf dem Gebiet der Zoologie. Diese erbrachte auch Carl Hagenbeck, trotz der Ungeheuerlichkeiten, die zahlreiche Zoodirektoren des 19. Und 20. Jahrhunderts begangen haben.“

Petition: www.change.org/p/gegen-rassismus-ich-fordere-die-abschaffung-der-carl-hagenbeck-statue-strasse