Stendal l Idyllisch liegt der Campus der Stendaler Hochschule vor den Toren der Innenstadt. Rein gar nichts erinnert mehr an die Tristesse, die der Ort einst ausstrahlte. Die ehemaligen Kasernen der russischen Besatzungstruppen sind schick saniert, überall grünt und blüht es. Zwischen ihren Lehrveranstaltungen fläzen sich die Studenten auf der großen Wiese in der Mitte des Areals, tanken Sonne. Andere haben es sich auf den Außenplätzen der Mensa bequem gemacht. Nach dem Mittagessen schnell noch einen Kaffee trinken und den Frühling genießen. Ja, das Studentenleben kann angenehm sein in Stendal. Umso mehr in der Mittagszeit an diesem wunderbaren letzten Apriltag, wenn das lange Wochenende mit voller Lautstärke anklopft.

So angenehm es ist, sich an der Stendaler Hochschule seine ersten akademischen Meriten zu verdienen, so ist auch in der Hansestadt ein Phänomen zu beobachten, das man ebenfalls aus den viel größeren Universitätsstädten Halle und Magdeburg kennt: Ist der Bachelor- oder der Masterabschluss erst mal in der Tasche, können die meisten Absolventen es kaum erwarten, sich aus dem Staub zu machen. Zu diesem Befund kam unlängst eine Studie der Universität Maastricht. Zwei Drittel der Absolventen zieht es demnach in ein anderes Bundesland.

Carolin Heimann und Carolin Lucke kennen den Wegzug nur zu genau. Die beiden sind am Dienstagmittag gerade mit dem Mittagessen fertig, gönnen sich danach noch einen Cappuccino. Gemeinsam haben sie haben an der Hochschule Angewandte Kindheitswissenschaften studiert. Carolin Heimann wohnt seit sechs Jahren in der Stadt, aus Brandenburg an der Havel stammt die junge Frau ursprünglich. Einige gute Freunde haben Stendal in der Zwischenzeit verlassen. Zu klein, zu eng, zu provinziell, lautete meist die Begründung. Carolin Heimann ist stets geblieben. Nach dem Bachelor entschloss sich die 31-Jährige, auch den Master in der Altmark zu machen. Dafür woanders hinzugehen, sei für sie nicht in Frage gekommen. „Ich habe die familiäre Atmosphäre auf dem Campus und in der Stadt stets geschätzt. Ich hatte immer ein gutes Gefühl an diesem Standort“, sagt die Studentin, die zurzeit an ihrer Masterarbeit arbeitet. Zumal sie ihr Fernweh stillte, als sie ein Semester im Ausland studierte und für ein Praktikum genauso in die Ferne zog. Ist die Master-Arbeit unter Dach und Fach möchte sie weiter in Stendal leben.

Bei ihrer Freundin verhält es sich ein bisschen anders. Carolin Lucke gehörte zu jenen, die für den Master etwas anderes ausprobieren wollen. Ein neues Umfeld kennenlernen in einer fremden Stadt. Um dann aber zu merken, dass manche Orte eigentlich nur aus der Ferne betrachtet schöner sind. „Ich war in Siegen in Nordrhein-Westfalen. Wenn man es an einer großen anonymen Uni mag, ist man dort genau richtig aufgehoben. Bin ich allerdings nicht der Typ für“, sagt sie nüchtern. Stattdessen habe sie den heimeligen Charakter ihrer ersten Hochschule vermisst.

Nämlich mit den Kommilitonen nicht ausschließlich die Seminare zu verbringen, sondern auch die Freizeit. Mit den Lehrenden auf Augenhöhe zu sein. Sich spürbar in den Alltag der Einrichtung einbringen zu können. Nur allzu logisch, dass die 25-Jährige nach Stendal zurückkehrte, als sich unlängst die Chance dazu bot. Seit 1. April arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Projekt Qualitätspakt Lehre. Private Motive hatten bei der Entscheidung eine Rolle gespielt. Näher an der Heimat wollte sie sein. Ursprünglich stammt sie aus Wust.

Was macht Stendal so besonders?

Aber was schätzen die beiden darüber hinaus an Stendal? Gute Bedingungen an den jeweiligen Hochschulen allein reichen mit Blick auf die bereits angesprochene Studie kaum aus, um den akademischen Nachwuchs in den Orten ihres Studiums zu halten.

Carolin Lucke

„Hier lässt es sich einfach sehr angenehm leben. Die Wege sind kurz, alles ist schnell erreichbar. Die Mieten sind nicht zu hoch. Stendal ist außerdem wirklich eine schöne Stadt“, schwärmt Carolin Heimann. Und mit dem Fahrrad sei man in kürzester Zeit draußen in der Natur, wenn man mal raus wolle.

Den hinter vorgehaltener Hand immer wieder geäußerten Vorwurf, dass es sich um ein ödes Nest handelt, möchte Carolin Lucke nicht gelten lassen: „Ich habe in Stendal nicht das Gefühl, dass es sich um eine typisch abgehängte Kleinstadt handelt, in der nichts geht.“ Kulturell sei man hier vor allem mit dem Theater der Altmark ziemlich auf der Höhe. Mit der Kleinen Markthalle, ein soziokulturelles Zentrum in der Stendaler Innenstadt, habe sich ein weiterer Treffpunkt etabliert. Hinsichtlich Kneipen und Restaurants sei die Stadt auch gut aufgestellt. Sogar einen Bioladen gibt es. Wer es insgesamt etwas urbaner mag, komme in der größten Stadt der Altmark durchaus auf seine Kosten. Man könne eine Menge Großstadt im beschaulichen Stendal finden, ist Carolin Lucke überzeugt.

Menschen versuchen, etwas zu bewegen

„Es gibt viele Menschen, die versuchen, etwas zu bewegen“, sagt die Hochschulmitarbeiterin. Als Student gerate man fast automatisch in diese Kreise, weil die Hochschule einen engen Austausch mit den Ehrenamtlichen führt.

Und wenn es einem dann doch zu eintönig wird, sei der Weg nach Berlin oder Magdeburg ziemlich kurz. „Die Anbindung mit der Regionalbahn, IC oder ICE ist perfekt“, bringt es Carolin Heimann auf den Punkt. Darum steht für die beiden jungen Frauen fest: So schnell werden sie Stendal nicht verlassen. Es gibt einfach keinen Grund dafür.