Stendal l Eine Dramaturgin und ein Fotograf sind auf Spurensuche in Stendal, wollen die kleinen Geschichten der Menschen von hier sammeln, ihre Erinnerungen an die Zeit, als die DDR in die Brüche ging und die einen mehr, die anderen weniger daran teilhatten. Diese Menschen werden derzeit von Aud Merkel und Wenzel Oschington für die Fotoausstellung „Wende.Blicke“ interviewt, die am 7. November im Theatercafé eröffnet wird.

Anhand der gerafften Erzählungen der Interviewten möchten die Ausstellungsmacher jeweils ein Unterthema eröffnen. Eines dieser Themen ist der Protest der Stendaler gegen den geplanten Abriss der Altstadt. Darüber soll beim Geschichtencafé am Dienstag, 22. Oktober, gesprochen werden. Und einer, der dazu etwas erzählen kann, weil er nicht nur bei den Protesten dabei war, sondern selbst ein Haus gerettet hat, ist Rüdiger Laleike, der daher wiederum einer der Interviewten ist. Eine Menge Material hat der fast 71-Jährige aus jener Zeit, die später und bis heute lapidar als Wendezeit bezeichnet wird. Fotos hat er genauso im Fundus wie Zeitungsausschnitte oder sogar eigene Karikaturen. Und natürlich einen Kopf voller Erinnerungen.

Eine verblüffend naheliegende Frage taucht mitten im Gespräch der drei auf: „Wann begann sie denn eigentlich, die Wende?“ Darauf hat nun auch Rüdiger Laleike keine eindeutige Antwort, letztlich war es wohl so, dass ein Impuls zum nächsten führte, dass ein kleiner Nadelstich den nächsten nach sich zog, dass sich der Mut des Einzelnen mit dem Anwachsen der verschiedensten Gruppen potenzierte.

Bilder

Und so war es wohl auch mit dem Widerstand gegen den geplanten und teils schon vollzogenen Abriss der Stendaler Altstadt. „Irgendwann gab es die Zusammenkünfte für ‚Rettet die Altstadt‘, das vermischte sich mit dem Neuen Forum, und ich war da einfach irgendwann dabei“, erinnert sich Laleike vage, den es noch heute graust bei dem Gedanken an die Pläne: die historischen Häuser der Innenstadt sollten Platz machen für dreigeschossige Plattenbauten, als ästhetisches Zugeständnis hätten sie immerhin ein Spitzdach bekommen.

Menschenkette ums Quartier

Der Protest formte sich 1990, da gab es dann auch eine Menschenkette rund um das Quartier, das abgerissen werden sollte. Einige Straßenzüge waren da längst schon eliminiert, viele Häuser schienen vor lauter Morschheit jeden Moment in sich zusammenzufallen. Es war also höchste Zeit. „Die Stimmung war, wenn ich mich richtig erinnere, sehr gut und voller Optimismus, dass wir auch tatsächlich etwas erreichen“, sinniert Laleike, „Angst oder ähnliches war da nicht mehr.“

Für ihn war zu der Zeit außerdem klar: „Wenn du ein Zeichen setzen willst, wenn du was bewirken willst, dann musst du dir in der Altstadt ein Haus kaufen.“ Dabei wollte er nie ein eigenes Haus. Der Ehrgeiz, der ihn schließlich packte, muss unvorstellbar groß gewesen sein – das Gebäude auf dem Grundstück in der Petrikirchstraße, für das er sich entschied, war nämlich eigentlich nur noch eine Ruine. Abriss wäre da tatsächlich schneller gegangen und billiger gewesen.

Zusammen etwas bewirkt

Ein Fotoalbum spricht Bände von dem Aufwand, der zum Erhalt und zur Sanierung betrieben wurde. Mittlerweile sei es für ihn und seine Frau gewiss normal, in dem schmucken Fachwerkhaus samt Hinterhofgebäude zu wohnen. „Ich bin schon stolz drauf, es geschafft zu haben“, blickt Laleike auf die unzähligen Arbeitseinsätze zurück, „aber ich mache mich damit jetzt auch nicht zum Helden.“

Als Helden verstehen sich ebensowenig die anderen für die Fotoausstellung Interviewten, wobei es unter anderem um die Friedensgebete, um Demonstrationen und ihre Metamorphosen, um Atomkraftgegner und Umweltaktivisten, um Berichterstattung im Umbruch und um Jugendkultur geht. Sie alle waren einzelne – aber alle zusammen haben eben etwas bewirkt.