Parkplatz

Zu kurze Behindertenparkplätze am Markt in Stendal auf die Probe gestellt

Zwei Behindertenparkplätze sind verschwunden, zwei wurden als Ersatz geschaffen. Doch einige Menschen mit Behinderung sind mit der Lösung der Stadt Stendal unzufrieden. Ein Vor-Ort-Termin hat Wirkung gezeigt.

Von Mike Kahnert 29.06.2021, 13:51 • Aktualisiert: 29.06.2021, 16:18
Tilman Altenberger (von links) verlässt mit seinem Rollstuhl über eine Heckklappe das Auto, während seine Mutter und die Vertreter der Stadt: Georg-Wilhelm Westrum (Leiter Bauamt), Michael Genz (Tiefbauamt) sowie Philipp Krüger (Pressesprecher) den Vorgang am Markt in Stendal beobachten.
Tilman Altenberger (von links) verlässt mit seinem Rollstuhl über eine Heckklappe das Auto, während seine Mutter und die Vertreter der Stadt: Georg-Wilhelm Westrum (Leiter Bauamt), Michael Genz (Tiefbauamt) sowie Philipp Krüger (Pressesprecher) den Vorgang am Markt in Stendal beobachten. Foto: Mike Kahnert

Stendal - Ein schwarzer Kleinbus nimmt fast die komplette Fläche einer der beiden Behindertenparkplätze am Markt in Stendal ein. Die Hecktür öffnet sich und die Mutter von Tilman Altenberger klappt eine Rampe aus Metall aus, die teilweise auf die Straße Kornmarkt ragt. Tilman Altenberger ist 25 Jahre alt, hat eine Muskelerkrankung und sitzt im Rollstuhl. Während der Tangerhütter langsam rückwärts aus dem Kleinbus herausfährt, weichen herannahende Autos der Szene aus, indem sie teilweise auf den Marktplatz fahren. Behindertengerecht und gefahrenfrei scheint dieser Parkplatz nicht zu sein.

Davon wollte Bernd Reinecke die Stadt Stendal überzeugen und hat Mitarbeiter der Verwaltung am Montag zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen. Man sieht dem 56-Jährigen nicht an, dass er ebenso auf Behindertenparkplätze angewiesen ist wie Tilman Altenberger. Bernd Reinecke benutzt einen Gehstock, trägt Hemd und eine lange Jeans. Die Hose verdeckt, dass er nur noch ein Bein besitzt. Das andere Bein ist hüftabwehrts amputiert und durch eine Prothese ersetzt. Ihn ärgert, dass die beiden Behindertenparkplätze am Markt vor Bank und Bäcker von einem „schwarzen Kasten“ verdrängt wurden – einer außengastronomischen Anlage. „Das war schon eine ideale Lösung“, sagt er und zeigt in Richtung Restaurant auf der anderen Seite des Marktes.

Länge für Behindertenparkplätze nach DIN-Norm

Das Problem: Die beiden Ersatzflächen vor dem Spezialitätengeschäft „Olivenbaum“ und dem Stadthaus 2 sind, so wie sie sind zu kurz, um mit dem Rollstuhl über das Heck eines Fahrzeugs auszusteigen. Die empfohlene Länge nach DIN 18040 beträgt 5 Meter für das Fahrzeug und 2,5 Meter freie Bewegungsfläche für beispielsweise Rampen – 7,5 Meter insgesamt.

Im Gespräch mit Bernd Reinecke und Tilmann Altenberger erklärt Michael Genz vom Tiefbauamt das Dilemma, das die Stadt beim Einrichten von Behindertenparkplätzen hat: „Die Straße ist schon da. Der Platz ist schon da. Und wir wollen trotzdem eine Möglichkeit bieten, dass Behinderte parken können.“ Und die Möglichkeit, problemlos seitlich auszusteigen wäre bei beiden Parkplätzen gegeben.

Michael Genz misst mit einem Zollstock nach. Knapp 3,5 Meter breit ist die Fläche des Parkplatzes plus die restlichen Zentimeter bis zu dem Verkehrsschild, das daneben steht. Laut DIN 18040 ausreichend für einen Einzelparkstand.

Größe für Behindertenparkplätze nach DIN-Norm nur Empfehlung

Aber: „Das sind Empfehlungen“, sagt Georg-Wilhelm Westrum, Leiter des Bauamtes der Stadt Stendal. Bei Bauplanungen müssten die Interessen vieler verschiedener Parteien abgewogen werden.

Für die Mutter von Tilman Altenberger, die ihren Vornamen nicht preisgeben möchte, sind die Aussagen der städtischen Vertreter nicht genug. Es seien Ausreden. „Verwaltungssprech.“ Die Diskussion wird hitziger und sie fällt dem Bauamtsleiter mehrfach ins Wort. Frau Altenberger winkt irgendwann ab und nimmt Abstand von dem Gespräch.

Ein Problem der Gesellschaft

Die Mutter fühlt sich scheinbar nicht gehört, nicht verstanden. Es ist ein Problem der Gesellschaft, auf das Bernd Reinecke im Gespräch immer wieder hinweist. Wer keine Behinderung hat, könne die Probleme, die damit einhergehen, nicht nachvollziehen. So auch, wenn sich jemand auf einen Behindertenparkplatz stellt, um zum Bäcker zu gehen. „Ich wollte doch nur mal kurz“, zitiert Bernd Reinecke aus seinem Gedächtnis eine Ausrede, die er wohl allzu häufig gehört hat, wenn er auf Parkplatzsuche war.

Trotz der angespannten Gemüter nimmt der Vor-Ort-Termin ein versöhnliches Ende. Bei genauer Betrachtung stellen die Vertreter der Stadt fest, dass sie das Schild für den Behindertenparkplatz vor dem Spezialitätengeschäft circa zwei Meter nach hinten versetzen können. Dann sollte genug Platz für einen Hecklader sein. Der Parkplatz vor dem Stadthaus 2 soll noch baulich hergerichtet werden, so Michael Genz. Dann mit einer Länge von 7,5 Metern.

Es sei ein Anfang. Doch bestehe immer noch Nachholbedarf. „Vor allem was die Einstellung betrifft“, sagt Tilman Altenberger über eine Ellenbogengesellschaft, in der Behinderte in Stendal nach genügend Platz zum Parken suchen.