Wernigerode l Die Entscheidung der Verantwortlichen bei den Harzer Schmalspurbahnen vor gut einem Jahr kam einer Zäsur gleich: Nicht mehr alle Züge der Brockenbahn mit Dampfloks zu bespannen, sondern einige Fahrten planmäßig von alten Dieselloks der einstigen Reichsbahn-Baureihe 110 auf den Gipfel ziehen zu lassen. Was bis dahin völlig undenkbar war, musste nun – wegen des akuten Mangels an einsatzbereiten Dampfloks – praktiziert werden, um ausreichend viele Fahrten der bei Touristen beliebten Brockenbahn anbieten zu können.

In diesem Sommer sollen die Großdieselloks – ursprünglich gebaut für Regelspurgleise und später auf 1000-Millimeter-Schmalspur umgebaut – nach Möglichkeit nicht mehr auf der Brockenbahn fahren. „Ihr Einsatz ist zumindest nicht mehr geplant“, betont HSB-Sprecher Dirk Bahnsen. Weil sich der Bestand an einsatzfähigen Dampfloks etwas stabilisiert hat, sollen in diesem Sommer wieder ausschließlich Dampfzüge auf den Gipfel rollen.

Zumindest ist das der Plan. In der Realität, räumt Bahnsen ein, seien die Spielräume weiterhin eng. Statt der regulär notwendigen fünf einsatzfähigen Dampfloks sowie einer Reservelok in Wernigerode gebe es bis zum Sommer nur vier. Deswegen startet der Sommerfahrplan am 25. April mit einem Novum: Mit einem Übergangs-Fahrplan, der bis zum 10. Juli gelten soll und dann vom regulären Sommerfahrplan abgelöst wird. Dreh- und Angelpunkt dabei: Die Zahl der im Sommerhalbjahr üblichen elf Touren auf den Gipfel wird in besagtem Zeitfenster auf acht reduziert.

Zwei Dampfloks aktuell zur Reparatur

Ursächlich ist das Fehlen von insgesamt zwei Dampfloks. Die Maschinen 99.7237 und 99.7245 befänden sich aktuell wegen großer Hauptuntersuchungen in der Lokschmiede im thüringischen Meinigen, bei einer gebe es zeitlich Verzögerungen, so Bahnsen. Die 99.7245 soll im Juni in den Harz zurückkehren, die 99.7237 voraussichtlich im Oktober. Die erste Maschine soll nach Probefahrten ab 11. Juli wieder planmäßig dampfen, dann die Brockenbahn unterstützen und wieder täglich elf Dampfzüge ermöglichen.

Wenn dies alles so klappt und an anderen Dampfmaschinen keine unvorhergesehenen Havarien auftreten, können die alten Reichsbahn-Dieselloks – Spitzname Harzkamel – in den Sommermonaten im Schuppen bleiben. „Andernfalls sind sie unsere Notfall-Reserve“, betont Bahnsen.

Wegen der zunächst fehlenden Lok passt die HSB bis zum 10. Juli auch das Fahrtenangebot zwischen Wernigerode und Drei Annen Hohne an. So werden die gewohnten Dampfzugfahrten von der „Bunten Stadt am Harz“ in Richtung Brocken um 8.55 Uhr und 9.40 Uhr zu einer neuen Abfahrt um 9.10 Uhr zusammengefasst. Darüber hinaus würden während des Übergangsfahrplans die Züge ab Wernigerode um 14.55 Uhr und 16.25 Uhr statt Dampfzugs mit Triebwagen bis Drei Annen Hohne gefahren. Der jeweils weiterführende Anschluss in Richtung Schierke und zum Brocken entfällt. Dafür werde von Wernigerode um 15.50 Uhr ein Dampfzug zum Brocken verkehren. Und: Bis zum 10. Juli werde auch die Fahrt um 12.53 Uhr von Drei Annen Hohne nach Wernigerode als Triebwagen und nicht als Dampfzug verkehren. Auf demselben Abschnitt wird während der Übergangsphase zudem um 15.39 Uhr ein zusätzlicher Zug als Triebwagen nach Wernigerode rollen.

Zum 11. Juli tritt dann der zweite Abschnitt des bis zum 24. Oktober geltenden Sommerfahrplans in Kraft. Rechtzeitig zum Beginn der hiesigen Sommerferien soll dann der ursprünglich geplante Verkehr mit elf Fahrten zum höchsten Harzberg angeboten werden.

Für Gäste mit Fahrtziel Brocken will die HSB während der Sommerperiode wieder Sonderfahrten mit dem nostalgischen Traditionszug anbieten, Sitzplatzgarantie eingeschlossen. Der Dampfzug von Nordhausen zum Brocken verkehrt nach Bahnsens Worten in der kommenden Sommerperiode ab 25. April täglich. Die Abfahrtszeit in der nordthüringischen Kreisstadt wird allerdings um einige Minuten auf 10.33 Uhr verschoben, um Anschlussreisenden aus Erfurt, Halle (Saale) und Kassel einen verbesserten Übergang zu ermöglichen.

Von der Welterbestadt direkt ins Selketal

Auf der Selketalbahn von Quedlinburg über Alexisbad, Harzgerode, Stiege und Hasselfelde nach Eisfelder Talmühle soll es neben dem gewohnten Fahrtenangebot der Vorjahre ebenso eine Verbesserung geben. So werde die Fahrt des täglichen Dampfzuges um 11.46 Uhr von Alexisbad nach Gernrode (Harz) bis nach Quedlinburg verlängert. „Damit bekommt nicht nur die Stadt Quedlinburg eine weitere Dampfzugverbindung, auch die Gäste des Erholungsortes Alexisbad erhalten eine zusätzliche Möglichkeit zum Besuch der Welterbestadt“, unterstreicht der HSB-Sprecher.

Mit dieser Verlängerung reagieren die Verantwortlichen der HSB auf Forderungen von Lokalpolitikern aus dem Ostharz. Mehrere Bürgermeister wollen die Region rund um das Selketal beleben und sehen dabei auch die HSB, die von den Kommunen finanziell unterstützt wird, in der Pflicht. Einer zentralen Kernforderung – der besseren Anbindung des Selketals an die Welterbestadt Quedlinburg – trägt die HSB nun Rechnung.

Dennoch bleibt die Brockenbahn Dreh- und Angelpunkt und der Kundenmagnet schlechthin für die HSB. Nach Bahnsens Worten konnten im Jahr 2019 trotz punktuellen Einsatzes der Harzkamele dort mehr als 600.000 Fahrgäste gezählt werden. Was mit Blick auf 2018 einen Anstieg entspricht.

Die Fahrpreise der Brockenbahn stiegen zuletzt zum 1. März von 45 auf 47 Euro (Hin- und Rückfahrt von allen Bahnhöfen im HSB-Netz) und von 29 auf 31 Euro für eine Strecke. Zudem gibt es um jeweils sechs Euro ermäßigte Nachmittagstickets.

Weitere Informationen zum HSB-Sommerfahrplan telefonisch unter (0 39 43) 55 80 sowie unter www.hsb-wr.de