Wernigerode l Selten war es so gefragt wie jetzt: Desinfektionsmittel ist in der Corona-Krise ein wertvolles Gut geworden. Weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt, ist Pharma Wernigerode kurzfristig in die Herstellung von Händedesinfektionsmittel eingestiegen. Das Produkt wird dem Arzneimittelhersteller buchstäblich aus den Händen gerissen, sagt Standortleiter Uwe Teubert.

Das Unternehmen am Dornbergsweg ist spezialisiert auf flüssige und halbflüssige Arzneimittel, Kamillan ist das bekannteste Produkt des Wernigeröder Traditionsunternehmens. Zum neuen Geschäftsfeld kam Pharma Wernigerode ein wenig wie die Jungfrau zum Kind. Am Anfang stand ein Anruf der Harzer Verkehrsbetriebe (HVB). Das Nahverkehrsunternehmen braucht derzeit für seine 135 Fahrzeuge und für die rund 200 Fahrer, die sie lenken, mehr Desinfektionsmittel als sonst. Weil die Vorräte zur Neige gingen, begaben sich die Mitarbeiter auf die Suche nach Nachschub, berichtet HVB-Geschäftsführer Christian Fischer.

Bei Pharma erhielten die Verkehrsbetriebe zunächst eine Absage, doch kurz darauf bekam die Firma eine Order aus der Zentrale in Berlin: Die Wernigeröder sollten für alle Standorte der Aristo-Gruppe, zu der sie gehören, Mittel zur Händedesinfektion produzieren. „Da haben wir entschieden: Wenn wir für unsere Standorte herstellen, können wir das auch für andere“, so Teubert.

Dann ging alles sehr schnell: „Wir haben an einem Montag die Produktion aufgenommen und am Freitag die erste Charge ausgegeben. Die war sofort weg“, berichtet der Standortleiter. Denn inzwischen gingen zahlreiche Anfragen von Arztpraxen aus der Region ein, auch die Kassenärztliche Vereinigung, die Wernigeröder Stadt- sowie die Harzer Kreisverwaltung gaben Bestellungen auf. „Das überschlug sich relativ rasch“, so Uwe Teubert.

Mittlerweile ist auch die zweite Charge von 500 Litern verkauft, es liegen Bestellungen über weitere 1200 Liter vor. Deshalb sollen künftig 800 Liter pro Woche die Labore am Dornbergsweg verlassen – solange die Nachfrage besteht und Rohstoffe vorhanden sind.

Das Unternehmen hält sich an zwei Rezepturen, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben hat. Zu 80 Prozent besteht die Lösung zur Händedesinfektion aus Ethanol. Hinzu kommen Wasserstoffperoxid, das Sporen abtötet, sowie Gycerol und gereiniges Wasser. Der Hauptbestandteil ist bei Pharma Wernigerode derzeit reichlich vorhanden. Ethanol, das auch für andere Erzeugnisse benötigt wird, werde stets in Tanklastzügen angeliefert, die ein Fassungsvermögen von rund 20 000 Litern haben.

Kanister als knappes Gut

Allerdings muss die Lösung irgendwie verpackt werden. „Das Problem sind derzeit die Kanister“, sagt Uwe Teubert. Weitere 500 Stück seien bestellt. Falls es dennoch zu Engpässen kommen sollte, könnte man die bisherigen Abnehmer nur um Rückgabe der Behältnisse bitten, in die jeweils zehn Liter Flüssigkeit passen.

Diese Menge reiche in der Regel für Arztpraxen vorerst aus. „Die meisten sind dankbar, dass sie etwas bekommen konnten“, so der Standortleiter. Für die HVB haben die Pharma-Mitarbeiter eine letzte Charge von 180 Sprühflaschen ergattert. Mittlerweile seien diese nicht mehr erhältlich.

Dass Pharma Wernigerode überhaupt außerhalb des üblichen Geschäftsfeldes produzieren darf, liegt daran, dass wegen der Corona-Krise die Biozid-Verordnung gelockert worden ist. „Die Bundesregierung hat sehr schnell reagiert, weil die Nachfrage durch die herkömmlichen Produzenten nicht gedeckt werden konnte“, so Teubert.

Er geht aber davon aus, dass sich die großen, angestammten Unternehmen, die in Sachen Desinfektion und Hygiene tätig sind, bald auf die gestiegene Nachfrage einstellen und die Lücke schließen werden, in die Pharma Wernigerode gestoßen sei. Das Unternehmen könne zwar keine großen Mengen herstellen. „Aber wir sind schnell und flexibel“, sagt Teubert. Er sei „extrem stolz“ auf sein Team in Wernigerode, das die Mehrarbeit neben dem laufenden Betrieb schultere.

Fünf bis zehn Mitarbeiter sind mit der Herstellung beschäftigt. Die Voraussetzungen dafür sind im Werk am Dornbergsweg gegeben, mit speziellen Arbeitsräumen, in denen weder elektrostatische Aufladung noch Funkenbildung möglich sind. „Ethanol in diesen Konzentrationen muss explosionssicher produziert werden Das ist nicht überall möglich“, erklärt Uwe Teubert.

Akribisch dokumentiert

Fast noch aufwendiger sei aber die Dokumentation, die für das neue Produkt erstellt werden musste. Bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat das Unternehmen eine Registriernummer beantragt. Jede Charge Desinfektionsmittel, die im Haus hergestellt wurde, erhält eine eigene Nummer. Zudem hat Pharma Wernigerode eine Herstellanweisung vorgelegt, deren Umsetzung im Herstellreport dokumentiert wird.

Die Formalitäten haben ihren Sinn, sagt Uwe Teubert. „Arzneimittel sind ein hoch ethisches Gut.“ Damit die Nutzer auf korrekte Zusammensetzung und Wirkung vertrauen können, müsse alles stimmen. Er geht davon aus, dass die Produktion im April weiterlaufen und im Mai geprüft werde, wie es weitergeht. „Solange der Bedarf besteht, werden wir weiter herstellen.“