Wernigerode l „Kochen ist Kochen, die Größe ist zweitrangig“, sagt Robin Pietsch augenzwinkernd, während er die Frikassee-Soße rührt. Der Wernigeröder Sternekoch greift normalerweise schon mal zur Pinzette, um seine Gerichte auf Tellern zu arrangieren. Derzeit sind seine Arbeitsgeräte ungleich größer. Die Kartoffeln garen zum Beispiel in einem 150-Liter-Kessel.

Dieser gehört zur Zentralküche der Stadt Wernigerode, dem aktuellen Arbeitsplatz von Pietsch. Eigentlich betreibt der 31-Jährige zwei Restaurants in Wernigerode, die vom Restaurantführer Guide Michelin mit je einem Stern ausgezeichnet wurden. Doch aufgrund der Corona-Verordnungen müssen diese geschlossen bleiben. Die unfreiwilllige Freizeit wollte der Wernigeröder sinnvoll nutzen und hat zum Monatswechsel „Kochen für Helden“ nach Wernigerode geholt. Entstanden in Berlin hat diese Aktion zum Ziel, während der Corona-Krise Menschen, „die den Laden in Zeiten der Krise zusammenhalten“, wie Pietsch sagt, kostenlos mit warmen Mahlzeiten zu versorgen.

Der Bedarf dafür ist groß, hat Pietsch schnell nach dem ersten Aufruf festgestellt. „Wir bekommen sogar Anfragen aus Goslar und Halberstadt.“ Auch eine Klinik aus Magdeburg hatte sich gemeldet. „Aber wir müssen das von der Logistik her stemmen können, darum beschränken wir uns zunächst hauptsächlich auf Wernigerode.“ Die Mitarbeiter von Senioren- und Pflegeeinrichtungen, einer Förderschule, von Apotheken und des Harzklinikums gehören zu den Abnehmern. Bis zu 500 Essen sind es täglich. Eine Menge, die in den Küchen seiner Restaurants nicht zu bewältigen wäre.

Da kam das Angebot der Zetralküche gerade richtig. „Wir haben von dem Projekt gehört und wollten das gern unterstützen“, sagt deren Leiter Andreas Bors. Mit großen Portionen kennen er und sein fünfköpfiges Team sich aus. „Normalerweise versorgen wir jeden Tag 1200 Kinder“, berichtet der gebürtige Halberstädter. Da in Kindertagesstätten aktuell aber nur eine Notbetreuung stattfinden darf, sind es nun nur 70 Mahlzeiten, die Köche zubereiten. „Gegen 9 Uhr sind wir damit fertig, dann kommen Robin und sein Team.“ Kurzarbeit ist für die Mitarbeiter noch kein Thema. Bors und seine Leute unterstützen stattdessen tatkräftig die Aktion „Kochen für Helden“. „Für die Kollegen ist das eine schöne Abwechslung“, so Bors. Von einem Sternekoch könne man sich schließlich einiges abschauen.

Für ihn sei der Wechsel in die Großküche anfangs eine ziemliche Umstellung gewesen, gesteht Pietsch. „Am ersten Tag brauchten wir eine Geräte-Einweisung.“ Ohnehin sei es ein komisches Gefühl, in einer fremden Küche unter den wachsamen Blicken von Kollegen zu arbeiten. „Aber das hat sich schnell gegeben. Wir sind ein gutes Team.“

Unterstützer aus mehreren Branchen

Nicht nur die Zentralküche unterstützt ihn: Gastronomen haben Waren, die sie wegen der Corona-bedingten Schließung ihrer Lokale nicht verarbeiten konnten, zur Verfügung gestellt. Mehrere Großhändler spendeten Lebensmittel. Eine Wernigeröder Druckerei stellt Aufkleber, die auf jede Essenbox geklebt werden, her. Die Veranstaltungsprofis vom Studio D4 helfen in Sachen Organisation und stellen Fahrzeuge zur Verfügung.

Klingt nach einem vollen Erfolg. Aber es gibt einen Haken. „Für diese Woche reichen unsere Bestände. Wie es danach weitergeht, kann ich nicht sagen“, so Pietsch. „Wir sind komplett auf Spenden angewiesen. Wir können nur so lange kochen, solange wir Waren haben.“ Er habe bereits Zutaten zukaufen müssen.

Dabei verdient der Gastronom aktuell selbst kein Geld. Für seine Mitarbeiter musste er Kurzarbeit anmelden. „Es ist toll, dass sie die Aktion trotzdem ehrenamtlich unterstützen“, betont er.

Dennoch will er kein Geld für die Mahlzeiten nehmen, wie es Bernd Meinecke aus Halberstadt in einem Leserbrief an die Volksstimme vorgeschlagen hat. „Das ist ein netter Gedanke“, so Pietsch. „Aber wir wollen das Essen nicht verkaufen und den Leuten, die gerade so hart für uns alle arbeiten, keine Kosten verursachen. Sie bezahlen für unser aller Wohl gerade schon mit ihrer Zeit und ihren Kräften.“ Er wolle ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Dieses Anliegen geht auf. So meldete sich das Team des Wernigeröder Seniorenheims „Caroline-König-Stift“ bei der Volksstimme. „Ein herzliches Dankeschön an das Team von Robin Pietsch“, heißt es in dem Schreiben. „Die Überraschung war für die Mitarbeiter gelungen und das Essen schmeckte sehr lecker.“ Die Mitarbeiter betonen: „Wir wollen eigentlich keine Helden sein, sind aber für Solidarität und Wertschätzung unserer Pflegeberufe dankbar.“

Mehr als 3600 bei Online-Spendenaktion

Das wolle das Team mit einer Spende zeigen. „Wir nehmen zwar kein Bargeld an, freuen uns aber, wenn unsere Crowdfunding-Aktion unterstützt wird“, so Robin Pietsch dazu. Bei der Online-Spendenaktion sind mehr als 3600 Euro (Stand 15. April, 15 Uhr) eingegangen. Geld, das dringend benötigt wird. „Wir müssen zum Beispiel den Sprit für die Lieferwagen bezahlen“, erläutert Pietsch. Zudem seien die Assietten teuer.

So sehr er sich über den Erfolg der Aktion freut, so sehr fiebert er dem Ende der Corona-Krise entgegen. „Wir denken schon über Menüs nach, damit es dann gleich losgehen kann“, berichtet Pietsch. Am meisten aber freue er sich aber darauf, seine Großmutter wieder in den Arm nehmen zu können. Und auf den ersten Friseurbesuch.

Doch so schnell rechne er nicht damit, dass sich die Situation wieder normalisiert. Deshalb findet er es gut, dass „Kochen für Helden“ in anderen Orten immer mehr Nachahmer findet. So gibt es seit einigen Tagen einen Ableger in Magdeburg. Und auch das Ameos-Klinikum in Halberstadt wurde schon mit einer ähnlichen Aktion bedacht: Ein Pizza-Unternehmen hat dem gesamten Team in der Notaufnahme Pizza spendiert, wie eine Kliniksprecherin mitteilt.

Crowdfunding-Kampagne: https://www.startnext.com/kochen-fuer-helden-wernigerode