Quedlinburg/Halberstadt l Die erste Reaktion von Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck ist unmissverständlich und eindeutig: „Wir werden alle in Betracht kommenden Straftatbestände prüfen – ebenso wie Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz“, so der Chef der Staatsanwaltschaft in Halberstadt, nachdem er via Volksstimme-Anfrage mit dem Vorfall, der sich laut Kliniksprecher Tom Koch jüngst am Quedlinburger Harzklinikum ereignet hat, konfrontiert worden war. Eine Frau hat nach Kochs Worten am 6. Oktober falsche Angaben gemacht, um so ihre im Klinikum operierte Tochter besuchen zu können. Ein kurz zuvor erfolgter Covid-19-Test bei der Frau habe einen Tag später eine Corona-Infektion belegt.

Operation von anderer Patientin verschoben

Konkret werde der Frau – Angaben zum Alter und der Herkunft macht Kliniksprecher Koch nicht – vorgeworfen, beim Ausfüllen einer Erklärung, die alle Besucher beim Betreten des Krankenhauses abgeben müssten, unwahre Angaben gemacht zu haben. „Die Frau hat im Formular angegeben, keine Symptome einer Covid-19-Erkrankung zu haben, obwohl sie kurz zuvor genau wegen solcher Symptome eine Fieberambulanz aufgesucht hatte, um sich testen zu lassen“, so Koch.

Das Fatale: Nachdem sich die Frau auf diese Weise buchstäblich ins Klinikum eingeschlichen und das Zimmer ihrer operierten Tochter aufgesucht hatte, wurde laut Kliniksprecher einen Tag später deren Corona-Infektion bestätigt. „Das Gesundheitsamt der Harzer Kreisverwaltung hat unserem Klinikum am 7. Oktober abends mitgeteilt, dass diese Besucherin positiv auf das Corona-Virus getestet worden sei.“

Wenngleich nach diesem Vorfall bislang Corona-Infektionen von Patienten, Besuchern und Klinik-Mitarbeitern nicht bekannt geworden seien, gebe es zumindest eine direkte Konsequenz: Die lange geplante Operation einer Patientin, die sich das Zimmer mit der Tochter der infizierten Besucherin geteilt hat, habe daraufhin abgesagt und verschoben werden müssen.

Der Hintergrund dafür ist einfach: „Bei planbaren Operationen können wir nur Patienten behandeln, die garantiert nicht mit Covid-19 infiziert sind. Da bei dieser Patientin nun ein aktueller Kontakt zu einer infizierten Person bestand, mussten neue Covid-19-Tests erfolgen, um vor der Operation eine Infektion sicher auszuschließen“, erklärt Tom Koch die Zusammenhänge. Dabei wiederum müssen bestimmte Zeitfenster eingehalten werden, weil eine Covid-19-Infektion erst nach einer gewissen Zeit nachgewiesen werden kann.

Ob und inwieweit die infizierte Besucherin – sie stammt nach Recherchen der Volksstimme aus Wernigerode – damit die Gesundheit dieser Patientin beeinträchtigt hat, bleibt abzuwarten und dürfte nun Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sein. Das Harzklinikum hat die Frau nach eigenen Angaben wegen vorsätzlicher Gefährdung von Patienten, Besuchern und Mitarbeitern angezeigt. Auch deswegen, weil sie falsche Angaben auf der Patienten- und Besuchererklärung gemacht habe, um als Besucherin die Klinik betreten zu dürfen, so Tom Koch.

Klinik: Frau hat Auflage zur Quarantäne verle

Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck kündigt als Chef der Staatsanwaltschaft in Halberstadt an, dass man den gesamten Fall sehr genau prüfen werde. Hinsichtlich denkbarer Körperverletzungsdelikte drohen laut Gesetz Geldstrafen oder Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Zugleich soll nach Roggenbucks Worten geprüft werden, ob die Frau gegen Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes verstoßen hat.

Letzteres dürfte der Fall sein, denn Personen, die sich mit Corona-Symptomen einem Covid-19-Test unterziehen, werden in aller Regel bis zum Vorliegen des Testergebnisses in Quarantäne geschickt. Das war nach Angaben von Kliniksprecher Koch auch bei der Frau der Fall: „Sie musste sich bis zum Vorliegen ihres Testergebnisses in häusliche Quarantäne begeben.“

Auch wenn die Frau mit ihrem unerlaubten Eindringen ins Klinikum nach bisherigen Erkenntnissen niemanden infiziert hat, hat die Klinikleitung nunmehr die Regeln für Besucher verschärft. „Um sicher zu gehen, dass die persönlichen Angaben auf den Erklärungen für Besucher und Patienten korrekt sind, werden diese ab sofort mit dem Ausweis der jeweiligen Person abgeglichen“, so Koch.

Die Klinikleitung appelliert an alle Patienten und Besucher, die Erklärung wahrheitsgemäß auszufüllen und sich an die aktuellen Besucherregeln zu halten. Derzeit dürfen Patienten in der Zeit von 13 bis 19 Uhr eine mindestens 16 Jahre alte gesunde Person ohne Covid-19-Symptome für eine Stunde pro Tag als Besuch empfangen. Angesichts der in Deutschland nun drastisch steigenden Corona-Infektionszahlen könnten eine Verschärfung dieser Regeln, womöglich sogar ein völliges Besuchsverbot, nicht ausgeschlossen werden, so Koch.

Der Kliniksprecher kündigt zugleich an, dass der Schutz von Mitarbeitern, Patienten und Besuchern höchste Priorität habe und man deshalb mit aller Konsequenz gegen derartiges Fehlverhalten vorgehen werde. „Insofern ist unser Handeln in diesem Fall, der so bislang noch nicht vorgekommen ist, auch als Abschreckung zu verstehen“, betont Tom Koch. Bei der betreffenden Frau handele es sich – ebenso wie bei deren Tochter – um eine erwachsene Person.